Deutscher Literaturfonds unter Beschuss

Stellungnahme zu einer aktuellen Debatte aus der »Unterperspektive« kleiner Literaturzeitschriften

Ende letzter Woche erregte sich Ulrich Janetzki, der Leiter des Literarischen Colloquiums Berlin, in einem »Offenen Brief« über den Deutschen Literaturfonds und warf dem dort für Gutachten und Projekte zuständigen Lektor, Gunther Nickel, »Selbstbedienungsmentalität« und »Gutsherrenart« bei der Vergabe der Fördergelder vor. Hintergrund dafür ist, dass das Kuratorium des Literaturfonds bei seiner Frühjahrssitzung beschlossen hat, der Literaturzeitung Volltext einen Projektzuschuss in Höhe von bis zu 300.000 Euro zu gewähren. Mit dieser Summe soll eine Sonderausgabe finanziert werden, die zur Frankfurter Buchmesse in einer Auflage von einer Million Exemplaren erscheinen wird, um damit »bei einer breiten Öffentlichkeit mit literarischen Texten für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu werben«. Für Janetzki ein »beispielloser Akt von Selbstbedienung«: schließlich sei Nickel selbst »seit Jahren Mitarbeiter« bei Volltext – eine Behauptung, die mit gleich drei Ausrufezeichen markiert, aber schlichtweg falsch ist. Denn Nickel hat zwar in der Vergangenheit wiederholt Artikel in der Volltext veröffentlicht, jedoch stets als freier Autor – wie übrigens auch in zahlreichen anderen Zeitungen und Zeitschriften, etwa der FAZ, der Welt, dem Tagesspiegel, den Schweizer Monatsheften, auf literaturkritik.de und in der Kritischen Ausgabe. Dass verschiedene Zeitungen (unter anderem die Süddeutsche) eine solche Anschuldigung veröffentlichten, ohne sie zuvor, wie es die journalistische Sorgfaltspflicht geboten hätte, auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen, erscheint zumindest befremdlich. Ebenso, dass der Eindruck erweckt wird, Nickel selbst entscheide über die Vergabe der Fördergelder und nicht etwa das Kuratorium des Literaturfonds, das sich aus Vertretern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, des Deutschen Bibliotheksverbandes, des Freien Deutschen Autorenverbandes, des Verbands deutscher Schriftsteller, des P.E.N.-Zentrums Deutschland und der VG Wort zusammensetzt und in dem Nickel zwar Vorschlags-, aber kein Stimmrecht besitzt. Des weiteren wirft Janetzki dem Literaturfonds vor, die Vergabe der Fördergelder nicht hinreichend transparent zu gestalten. Bei »näherem Hinsehen« stelle sich nämlich heraus, dass der Fonds »die zu verteilende[n] Bundesgelder schon im Vorfeld für sich [d.h. für eigene Projekte] reklamiert und dies mit Verweis auf die mindere Qualität der anderen Anträge rechtfertigt«. Das »vermeintlich Skandalöse« gehöre also »zur Tagesordnung« und sei »vom Bund und Kuratorium genehmigte gängige Praxis«. Um Janetzkis Sehkraft scheint es nicht gut bestellt zu sein, denn nicht erst beim »näheren Hinsehen« erweist sich auch diese Behauptung als haltlos und stellt zudem nicht nur einen Angriff auf den Literaturfonds, sondern ebenso auf die von ihm geförderten Projekte und Initiativen dar, darunter etliche engagierte Literaturzeitschriften, deren Gestaltungsfreiheit und Unabhängigkeit damit in Zweifel gezogen werden. Aus diesem Grund haben die Herausgeber der Zeitschriften BELLA triste (Hildesheim), Am Erker (Münster) und Kritische Ausgabe (Bonn) eine gemeinsame Stellungnahme verfasst, die im Folgenden ungekürzt wiedergegeben wird:

In den vergangenen Tagen ist großes Aufsehen um das vom Kuratorium des Deutschen Literaturfonds e.V. verabschiedete Projekt gemacht worden, gemeinsam mit der Literaturzeitung Volltext eine Sonderausgabe in einer Auflage von einer Million Exemplaren zur Frankfurter Buchmesse herauszugeben. Dabei wurden vor allem drei Punkte kritisiert: Erstens eine »Wettbewerbsverzerrung«, sobald der Literaturfonds derartig einseitig nur eine einzige Zeitung fördere. Zweitens die Tatsache, dass der Literaturfonds im Falle dieses Projekts nicht nur Gelder verteile, sondern selbst tätig werde. Drittens eine Ausweitung des zweiten Punktes: In »Gutsherrenart« würden der Fonds und sein Lektor, Gunther Nickel, in den letzten Jahren vor allem selbstgeschaffene oder nahestehende Projekte fördern bzw. veranstalten. Als Herausgeber kleiner Literaturzeitschriften haben wir von Jahr zu Jahr mit leeren Kassen und sinkenden Förderbeträgen der meisten dafür geschaffenen Institutionen zu kämpfen und befinden uns ständig vor dem Bankrott. Wir müssten daher vor allen anderen daran interessiert sein, einen derartig raumgreifenden, selbstischen, gleichsam absolutistischen Geldgeber anzuprangern, wie er in den drei oberen Punkten beschrieben wird. Indes, und das müsste seltsam stimmen, kommt die oben beschriebene Kritik beileibe nicht aus unserer Reihe von Bittstellern, die ohne Subventionen nicht überleben könnten. Uns aus unserer Unterperspektive erscheint es eher so, als würden hier verschiedene größere Institutionen um den besten Platz an den Fleischtöpfen kämpfen. Vor allem anderen sehen wir dabei die Gefahr, dass der Deutsche Literaturfonds e.V. fundamental angegriffen und beschädigt werden soll. Wir halten den Literaturfonds für eines der am besten funktionierenden Instrumente der Literaturförderung in Deutschland. Und auch das Kooperationsprojekt gemeinsam mit Volltext finden wir richtig und unterstützenswert. Das Projekt, erstens, stellt für unsere Größenordnungen keine »Wettbewerbsverzerrung« dar, wir sind absolut daran interessiert, uns in einer derartig hohen Auflage präsentieren zu können. Dem gesamten Literaturbetrieb muss doch daran gelegen sein, eine breitere Öffentlichkeit für Gegenwartsliteratur zu gewinnen. Und Zeitschriften und kleinere Institutionen sind ja auch in diesem Jahr wie in den vergangenen Jahren in großem Umfang vom Literaturfonds gefördert worden, die Behauptung, uns seien durch das Gebaren des Literaturfonds Finanzmittel vorenthalten worden, ist reine Suggestion. Zweitens ist es doch geradezu wünschenswert, wenn der Literaturfonds, der als eine von wenigen Institutionen noch über Geldmittel verfügt, sich von seiner passiven Rolle löst und aktiv für einen gewissen Aufmerksamkeitskreis für Gegenwartsliteratur sorgt. Davon profitieren wir alle. Drittens haben unsere Literaturzeitschriften im Laufe der Jahre Anträge an viele verschiedene Förderinstitutionen gestellt, die meist nach rein verwaltungstechnischen Gesichtspunkten bearbeitet wurden. Der Literaturfonds wird kongenial vertreten durch einen Lektor, der auch inhaltlich Akzente setzt und diese Akzente ständig, eben auch durch Kritiken, Herausgaben, Feuilletons, kenntlich macht. Dabei achtet er auf Neutralität und bringt vor allem – von den vom Fonds durchgeführten Seminaren bis hin zum stetigen Dialog mit den Antragstellern – auch literarische Traditionen ein. Natürlich entstehen durch solche zugewandten, kritischen Betreuungen engere Verbindungen zum Lektor – zum Lektor, nicht zu seinem nachgeschalteten Kuratorium –, als dies für die Mehrzahl der Förderinstitutionen gelten mag. Durch Gunther Nickels integere Tätigkeit als Lektor und Gesprächspartner wird beim Literaturfonds nicht wahllos, sondern profiliert gefördert. Versuche, dieses Verdienst kleinzureden, sind in unseren Augen ehrenrührig. Joachim Feldmann für Am Erker Florian Kessler für BELLA triste Marcel Diel für die Kritische Ausgabe

Eine Diskussion über die Praxis der Literaturförderung in Deutschland, wie sie unter anderem Felicitas von Lovenberg in der heutigen FAZ anmahnt, mag sinnvoll sein, doch sollte sie nicht auf der Basis persönlicher Anschuldigungen und Ressentiments und erst recht nicht auf dem Rücken der vielen kleinen, engagierten Initiativen, die ohne eine solche Förderung nicht überleben könnten, ausgetragen werden. Eine Dokumentation zur Debatte findet sich übrigens auf der Internetseite der Volltext, darunter der »Offene Brief« von Ulrich Janetzki samt Entgegnung des Literaturfonds-Geschäftsführers Bernd Busch; weitere Berichte und Kommentare sind bislang unter anderem in der Welt vom vergangenen Samstag und in der heutigen taz erschienen.

 

addendum (04.04.06): Weiter geht's heute in der Frankfurter Rundschau... Und Joachim Leser, verantwortlicher Redakteur des Literaturportals bluetenleser.de, solidarisiert sich mit Volltext. Interessant auch – vor allem im Sinne einer Versachlichung der Debatte –: ein Gespräch mit dem Literaturkritiker Jörg Plath am gestrigen Abend im Deutschlandfunk (hier als mp3) sowie ein Essay von Georg Klein auf perlentaucher.de, der die Diskussion um die Millionenauflage der Volltext auf zwei Kernfragen eindampft:

1. Wer bestimmt den Inhalt und trägt demzufolge die redaktionelle Verantwortung für ihn? 2. Wie wird das Sonderheft genau vertrieben werden? Welche Leser soll und kann das Heft also wirklich erreichen? Alle weiteren Fragen scheinen mir von diesen Kernfragen abhängig. Im Zusammenhang mit ihrer Beantwortung wird weiter über den Blattinhalt, Interessen, Einflußnahmen, Exklusion und Inklusion diskutiert, geschimpft, geklagt und wohl auch intrigiert werden. Wer für diese Prozesse Transparenz verlangt, hat Recht. Er tut aber auch gut daran, damit bei sich selbst anzufangen: Fühle ich mich ausgeschlossen? Möchte ich Einfluß nehmen? Wenn ja, zu welchem Engagement bin ich bereit? Sind meine betrieblichen Interessen tangiert, beeinträchtigt? Oder gehen schlicht mein professioneller Neid und meine betriebliche Mißgunst mit mir durch?

 

addendum (05.04.06): Die FAZ legt nach – und langsam wird es wirklich unappetitlich... Liebe LeserInnen, Sie sind Zeugen einer Kampagne, die sich als investigativer Journalismus ausgibt, sich um Sachlichkeit jedoch kaum einen Deut schert. Kluge Köpfe wie Sie werden Sie das hoffentlich erkennen! Apropos Sachlichkeit: Dazu wiederum eine Stellungnahme (und zugleich ein Diskussionsangebot) des Literaturfonds (und eine weitere Präzisierung). Des weiteren: zwei Berichte auf echo-online.de.

 

addendum (06.04.06): Auch der Wallstein-Verlag spricht sich für das Volltext-Projekt aus. Und – kleine Vorschau auf morgen – die Welt zieht seltsame, sehr seltsame Vergleiche...

 

addendum (07.04.06): Seit heute findet sich auf der Internetseite der Volltext eine FAQ mit den »am häufigsten gestellten Fragen im Zusammenhang mit dem Zeitungsprojekt des Deutschen Literaturfonds«. Darin heißt es unter anderem:

Für das Projekt wurden mehrere Szenarien entwickelt, darunter ein Best-Case-Szenario, das davon ausgeht, dass das Projekt durch Einnahmen vollständig refinanziert werden kann und ein Worst-Case-Szenario, das davon ausgeht, dass die Kosten unerwartet hoch ausfallen und keinerlei Einnahmen zu verzeichnen sind. Die Gesamtkosten würden in letzterem Fall bis zu 300.000 Euro betragen. Es steht aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt schon fest, dass dieses Szenario nicht mehr eintreten wird. [...] VOLLTEXT bringt in die Kooperation kostenlos Idee und Konzept, Arbeitszeit und redaktionelle Strukturen ein. [...] Es fließt kein Geld vom Literaturfonds an VOLLTEXT, auch die redaktionelle Tätigkeit von [Chefredakteur] Thomas Keul wird nicht entlohnt. [...] VOLLTEXT erhofft sich, dass der Bekanntheitsgrad der Zeitung steigt. Einen finanziellen Vorteil zieht VOLLTEXT aus der Kooperation nicht. [...] Das Geld – sofern es überhaupt gebraucht wird – dient dazu, jene Rechnungen zu begleichen und Honorare zu zahlen, die nicht durch Einnahmen abgedeckt werden können.

Noch Fragen?

 

addendum (08.04.06): In der Welt verteidigt Tilman Krause Gunther Nickel gegen die Anfeindungen und Unterstellungen der letzten Tage:

Nickel [...] ist fraglos ein Mann von beunruhigend vielfältiger Produktivität. Kritik an einigen seiner Projekte sollte sich nicht dem Verdacht aussetzen, aus jenem Ressentiment gegen Leistung sich zu speisen, das ohnehin soviel Elan in unserer Gesellschaft torpediert.

Der letzte Satz ist denkwürdig!

 

addendum (11.04.06): Auch die österreichischen Medien äußern sich zur »Volltext-Affäre«, heute z.B. der Standard.

 

addendum (13.04.06): Die FAZ weitet die Volltext-Debatte auch auf andere Projekte, die sich aus öffentlichen Geldern speisen, aus...

 

addendum (20.04.06): Im Tagesspiegel erläutert Marius Meller, worum es seiner Ansicht nach beim »Literaturfonds-Skandal« eigentlich geht:

Es sieht so aus, als solle hier jemand als Sündenbock fungieren für das diffuse Gefühl der Korruption, das an so mancher Literaturbetriebsseele nagt. Transparenz ist eine feine Sache. Aber die Zeitalter der Sündenböcke sollten vorbei sein.

 

addendum (28.04./02.05.06): Das vorläufige Ende vom Lied, dokumentiert bei Volltext:

Das Kuratorium [des Deutschen Literaturfonds] bestätigt seine Entscheidung über die geplante Zeitungs-Sondernummer. Sie wird in Kooperation mit »Volltext« und anderen deutschsprachigen Literaturzeitschriften realisiert. Um die sinnvolle Verbreitung der Zeitung und deren Unterstützung durch begleitende Angebote sicherstellen zu können, wird der Erscheinungstermin auf den 23. April 2007, den Welttag des Buches, verschoben. Eine Redaktion wird in den nächsten zwei Wochen benannt werden. Sie soll das inhaltliche Konzept weiter ausarbeiten und deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller einladen, zeitgenössische literarische Texte von Autorinnen und Autoren ihrer Wahl vorzustellen.

Des weiteren verwahrt sich das Kuratorium »gegen den Vorwurf, daß seine Entscheidungen in unzulässiger Weise durch das Lektorat beeinflußt würden«, weist zugleich auch »die persönlichen Vorwürfe gegen den Lektor [...] entschieden zurück« und stellt fest, dass »die geforderte Transparenz der Entscheidungen des Kuratoriums [...] nicht dahingehend verstanden werden [kann], daß die Begründungen der Annahme oder Ablehnung von Förderanträgen öffentlich gemacht werden«. Eine außerordentliche Mitgliederversammlung werde »über die zukünftige Arbeit und die Entscheidungsstrukturen des Deutschen Literaturfonds beraten«. Eine entsprechende Agenturmeldung hat die FAZ am 1. Mai auf ihrer Internetseite kommentarlos veröffentlicht (ebenso der Standard u.a.). Kritik (oder Häme?) deutet bislang einzig das Deutschlandradio an, das in seinen Kultur-Kurznachrichten vom 02.05. einleitend fragt: »Ist der Deutsche Literaturfonds eingeknickt?« (Nachtrag: Offenbar hat auch Frau von Lovenberg in der FAZ die neuerliche Entscheidung des Literaturfonds kommentiert, allerdings nicht online – was vielleicht auch besser so ist...) Interessanterweise ist der nicht minder bedeutende Nachsatz zur oben zitierten Pressemitteilung noch von keinem Medium aufgegriffen worden. Er lautet:

Ergänzend dazu bitten die Herausgeber der Zeitung »Volltext« den Literaturfonds mitzuteilen, daß zur Refinanzierung der Sondernummer auf Annoncen aus der Buchbranche verzichtet wird, um anderen Kulturzeitschriften und den Literaturbeilagen von Tages- und Wochenzeitungen auf diesem Gebiet keine Konkurrenz zu machen.

Ob das begrüßenswert ist?

 

addendum (03.05.06): Welt-Autor Uwe Wittstock tritt nochmal nach...

 

addendum (20.05.06): Sprach ich oben bereits vom »Ende der Debatte«? Nun, das war voreilig, denn:

Die Literaturzeitung Volltext verzichtet auf das für Frühjahr 2007 geplante Kooperationsprojekt mit dem Deutschen Literaturfonds zur Produktion einer gemeinsamen Sonderausgabe. Der nach wie vor anhaltende Erklärungsaufwand, der infolge der medialen Diskussion um das Projekt entstanden ist, erfordert den Einsatz von Arbeitszeit in einem Ausmaß, das für einen kleinen Verlag ökonomisch nicht tragbar ist – dies umso weniger, als im Rahmen der Kooperation kein Geld an Volltext geflossen wäre und Einnahmen nur der Refinanzierung der Sonderausgabe gedient hätten.

Das teilte die Literaturzeitung gestern auf ihrer Homepage mit (und über die Agenturen, siehe hier und, mit ein bisschen Kommentar versehen, auch hier) – und wirft der unseligen Debatte noch einen galligen Abschiedsgruß hinterher:

Die Idee ein großes Projekt in Form eines Public Private Partnerships zu realisieren, kommt für den Literaturbetrieb offensichtlich zu früh.

Felicitas von Lovenberg entgegnet darauf in ihrer heutigen FAZ-Glosse, in der sie die Volltext-Redaktion für ihre »kluge Entscheidung« ausdrücklich lobt, dass dieser Vorwurf so nicht berechtigt sei:

Es ist vielmehr so, daß der Literaturfonds als Verteiler öffentlicher Mittel Markteingriffe dieser Größenordnung keinesfalls hätte befördern dürfen. Das haben die Verantwortlichen bei »Volltext« offenbar eher erkannt als das Kuratorium des Literaturfonds. »Volltext« hat die Notbremse gezogen. Die Irrfahrt des Fonds dürfte damit indes nicht beendet sein.

Übereinstimmend mit ihr kommentiert Uwe Wittstock in der heutigen Welt:

Bezeichnend ist, daß der Knoten in diesem Konflikt von den »Volltext«-Redakteuren durchschlagen wurde. Vorstand und Kuratorium des Literaturfonds sahen noch Anfang des Monats trotz heftiger Einsprüche keinen Anlaß, ihre Entscheidung zu korrigieren.

Dem Darmstädter Echo gegenüber äußerte der Lektor des Literaturfonds, Gunther Nickel, Verständnis für die Entscheidung, aber auch Bedauern:

»Das wäre eine gute Sache gewesen.« Das Scheitern sei die Folge einer Kampagne, die mit Hass und Neid geführt worden sei. Sie schade auch dem Literaturfonds: Die Aussichten für weitere Kooperationsprojekte beurteilte Nickel pessimistisch.

 

P.S.: Mit Unterstützung des Deutschen Literaturfonds konnte die Kritische Ausgabe im vergangenen Jahr eine Reihe von Lesungen und Diskussionen durchführen, die als Begleitprogramm einer von ihr mitorganisierten Lehrveranstaltung zum Verfassen literaturkritischer Texte stattfand. Zu Gast waren in diesem Rahmen die Schriftsteller Norbert Gstrein, Katja Lange-Müller, Guy Helminger und Enno Stahl sowie der Verleger Stefan Weidle. Eine Auswahl der auf dieser Grundlage entstandenen Autorenportraits, Interviews und Rezensionen ist in unserer Zeitschrift und hier im Online-Magazin veröffentlicht worden. Eine weitere Veranstaltungsreihe – öffentliche Werkstattgespräche mit SchriftstellerInnen – ist derzeit in Planung. Des weiteren konnten wir durch die Förderung des Literaturfonds in unserem demnächst erscheinenden Frühjahrsheft konzeptionell etwas (für uns) völlig Neues wagen: nämlich literarische Texte (Lyrik und Prosa) in kommentierter Form zu präsentieren – kommentiert, wohlgemerkt, von den jeweiligen AutorInnen selbst hinsichtlich der Entstehung, des literarischen oder auch biographischen Hintergrundes, der Arbeitsweise und intertextueller Referenzen –, um damit den Herstellungsprozess der Textur, des literarischen Gewebes, sichtbar zu machen. Für dieses Projekt wurden bekannte ebenso wie bislang noch wenig beachtete SchriftstellerInnen gewonnen, darunter Dieter M. Gräf, Alban Nikolai Herbst, Adrian Kasnitz, Thomas Lehr, Jasna Mittler, Jan Wagner und Uljana Wolf. Mehr dazu in Kürze.

Kann schon sein, dass das

Kann schon sein, dass das Projekt diskutierbar ist (ich glaube auch irgendwo gelesen zu haben, dass der Fonds dazu eingeladen hat), aber die in den Medien geführte Diskussion ist ja nur eine Schmutzkübelkampagne gegen den Fonds und das Projekt an sich wird ja nie oder nur am Rande erklärt und behandelt. Mich hat es zunächst eigentlich nur dazu bewogen mein FAZ-Abo abzubestellen, nachdem ich etwas recherchiert hatte (das sollte Frau Lovenberg vielleicht auch mal probieren, man kommt auf so einiges drauf!)

[...] Nun melden sich neben

[...] Nun melden sich neben den Großkalibern auch die kleinen aber feinen Literaturzeitschriften zu Wort: Am Erker, Bella Triste (Zentralorgan der Kulturjournalisten und Literarischen Schreiber von der Uni Hildesheim) und die von mir ebenfalls sehr geschätzte Kritische Ausgabe (die sich auf ihrer Internetseite auch dazu äußert) haben sich zusammengetan und einen offenen Brief geschrieben. Jetzt befürchtet man natürlich, klar, die stimmen ein in den Protestchor, denen wurde ja fett was weggeschnappt an Geldern, die müssen ja eh schon knausern, um zu überleben. Da wird, wähnt man, die Eventkultur der jahrelangen, mühsamen Aufbauarbeit vorgezogen. [...]

[...] Die Summe hat zu

[...] Die Summe hat zu heftigem Streit und Einspruch ausgerechnet einiger Literaturhäuser geführt, die nun gerade besonders gut vom Subventionskuchen leben. Literaturzeitschriften wie Am Erker, Bella Triste und Kritische Ausgabe dagegen verteidigen den Literaturfonds. Die Debatte findet sich zusammengefasst in der Kritischen Ausgabe. [...]

Ich persönlich finde es

Ich persönlich finde es ausgesprochen schwierig, wenn die Befürworter der geplanten Aktion ausdrücklich aus Einrichtungen bestehen, die vom Literaturfonds gefördert wurden und man den Gegnern der Aktion unterstellt, "als würden hier verschiedene größere Institutionen um den besten Platz an den Fleischtöpfen kämpfen."
Selbstverständlich hat der Literaturfonds seine Verdienste und die sollen hier auch gar nicht kritisiert werden, aber wenn man eine konzertierte Aktion zugunsten der Literaturförderung ins Leben rufen will, warum werden dann nicht tatsächlich vorher alle beteiligten Einrichtungen (und vor allen Dingen die, die sowieso vom Bund gefördert werden) zur Mitarbeit aufgerufen. Und klar stellt man sich angesichts der (wenn auch nur haushaltstechnischen Absicherung) 300.000 Euro die Frage, was hier anderes hätte alles gefördert werden können. Liest man sich die Pressemeldung des Deutschen Literaturfonds durch, der ja nicht nur eine Sonderausgabe "Volltext" mit einer Auflage von 1 Million (!!!) herausbringen will, sondern "sämtliche Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz" anschreiben will, Kontakte zu Lehrern aufbauen möchte, um ihnen Vorschläge für die Verwendung der abgedruckten literarischen Texte im Unterricht zu machen, dann darf man sich doch schon die Frage stellen, ob das eigentlich die Aufgabe eines Literaturfonds ist. Oder ist das eine Auswirkung von PISA? Mir fehlen an dieser Stelle auch all die anderen Einrichtungen, die auf diesem Gebiet sowieso schon tätig sind (Stiftung Lesen, Boedecker-Kreise etc.)
Ich gehe auch nicht davon aus, dass es sich hier um "Selbstbedienungsmentalität" oder "Gutsherrenart" von Herrn Nickel handelt, aber das Konzept finde im Sinne eines Preis-Leistung-Verhältnisses noch nicht überzeugend. Ich sehe all die vielen Schüler schon vor mir, die die teuer finanzierte Sonderausgabe dann achtlos in den Müll schmeissen.

 

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