Diamantleben

Manfred Poser liebt den Pop der achtziger Jahre und die ersten Sekunden mancher Songs

Coast to coast, L. A. to Chicago ... Vor 25 Jahren wurde das Album Diamond Life von Sade veröffentlicht, viele Leser der K.A. waren da womöglich noch gar nicht auf der Welt. Aber die achtziger Jahre sind nicht vergessen und vorerst das letzte Jahrzehnt, dessen populäre Musik man annähernd beschreiben kann; die Adjektive wären: ästhetisch, atmosphärisch, durchgestylt, überproduziert, zurückgenommen, retro, überfeinert, manieriert ...

Anfang 1986 lernte ich in einem Waschsalon in Hamburg den Bassisten von Curiosity Killed the Cat kennen, einer angesagten englischen Band, der mir eine Konzertkarte schenkte, und da hörte ich dann lässige Lounge-Music für den Waschsalon. Zum Zeitstil gehörten ein androgynes Element, verkörpert durch Grace Jones und Howard Jones, sowie die kühlen einfarbigen Hintergründe (blau, gelb, orange), vor denen sich Sade im Konzert lasziv bewegte.

 

Plattencover: Sade, Midnight Oil, Toni Braxton (Foto: Manfred Poser) »Plattencover«, so hieß das früher. Links oben und unten Sade, rechts oben Midnight Oil mit Diesel and Dust und rechts unten, als Zugabe, Toni Braxton. (Foto: Manfred Poser)

 

Man sollte Diamond Life einmal durchhören, denn das ist bei all den schwülen und schwülstigen Saxofoneinsätzen eine transparente Musik, mathematisch konstruiert, hypnotisch oft und trotzdem unaufdringlich. Ich habe zwei Favoriten auf dem Album: erstens »Hang on to Your Love«. Das fängt einfach an, Pianoakkord und gleich ein Bass wie eine tickende Uhr, man kann durchzählen, dann kräht die Gitarre hinein, der Bass spielt unbekümmert weiter, Gesang bräuchte der nicht, aber auch Sade lässt sich nicht beirren und bringt ihr Anliegen vor, »why are you walking away, hang on to your love«. Das läuft durch, mit Verzierungen und Tempowechseln. Dann der letzte Titel, »Why Can’t We Live Together«. Seit jeher mein Lieblingsstück auf dem Album. Auch da kann man mitzählen, es ist schlicht konstruiert: Vertracktes Bongogetrommel, dann setzt der Bass ein – und ein Stück fängt eigentlich erst an, wenn der Bass kommt, der zweite Besucher der Party, schlichten Gemüts, aber nicht zu bremsen, der Rhythmus ist da, das Gespräch kommt in Fahrt –, dann setzt das Piano ein, als viertes schließt sich die Gitarre an, die Ordnung ist da, man schwingt mit, nun müsste was passieren, aber nach 1:33 zieht das Piano mit sich wiederholenden Akkorden die Bremse an, auch der Bass tritt auf der Stelle ... ... und dann dreht sich das Karussell wieder im gewohnten Rhythmus, zwei Minuten und neun Sekunden sind vorbei, und plötzlich geht blendend die Sonne auf, die Stimme von Sade Adu lässt das Firmament erstrahlen: »Tell me why tell me why tell me why can’t we live together?« No more war, just a little peace. Nach 3:06 wieder die Pause, das Herumirren, als habe man den Faden verloren; neuer Anfang: »No matter no matter what colour / you are still my brother. Everybody wants to live together, why can’t we live together?« Elektrogitarre, neues Aufflammen, kurz vor Ende hart und akzentuiert der Bass – »together«. Letztes Wort. Ende von Diamond Life. Wow. Mitte Februar stand ich an einer Ampel in St. Gallen (Schweiz), hielt mit der rechten Hand meinen alten Plattenspieler fest, in der linken hatte ich ein Schächtelchen mit einer neuen Nadel, einem Diamanten, mit dem ich meine Achtziger-Jahre-Platten neu würde hören können; ich dachte an Diamond Life und daran, dass im iranischen Schiismus die Körper im Aufstieg zum Paradies von Glas über Kristall zum Diamanten veredelt werden, zur Seele, vergleichbar dem Lapis philosophorum der Alchimisten; ich drehte mich kurz um, und an mir vorbei rollte ein Lieferwagen mit der Aufschrift »Diamantbohr AG«. Das hatte Rhythmus. We are connected. Dann kam Diamantenfieber im Fernsehen, ein »007« mit Sean Connery. Zwei Stunden Langeweile, und vermutlich der ödeste Film der Serie nach Im Angesicht des Todes (1985, mit Roger Moore). 1971 gedreht, bietet er doch Berührungspunkte mit dem ein Jahr zuvor erschienenen Zabriskie Point von Michelangelo Antonioni. Handlung bei Abwesenheit von Sinn und Motivation; Bond als Nihilist. Das »Sargmodell Schneewittchen« und der Spruch von Tiffany Case, der Wolf (007) werde von den sieben Geißlein beschützt, gaben mir recht: 007 ist eine Märchenfigur.

 

Geburtstagsband (Foto: Jürgen Kuntke) Two Years After: die Band, die im Februar vor zwei Jahren bei meinem Geburtstagsfest spontan zusammenkam. Gleich tritt Sade dazu, von links! (Foto: Jürgen Kuntke)

 

Das Atmen der Schöpfung

Anfangen muss ein Stück irgendwie, und das ist ebenso schwer wie bei einem Roman und ebenso schön. In Das Sichtbare und Verborgene hat John Berger geschrieben: »Der Augenblick, in dem das Musikstück einsetzt, liefert einen Schlüssel für das Wesen aller Kunst. Die Unvergleichlichkeit dieses Augenblicks mit der ungemessenen und nicht wahrgenommenen Stille davor ist das Geheimnis der Kunst.« Es ist indessen nicht nur der erste Ton. Mich haben immer Titel elektrisiert, die nach einem kleinen Intro explodieren wie das gute alte »Locomotive Breath« (Lokomotiven-Atem) von Jethro Tull. Es waren diese ersten Sekunden mit dem Shuffle-Bass, die einem das Tor zum Paradies öffneten, große Kraft spendeten, den Blick ins Nirwana! Ein Musikstück voll Kraft bricht aber nicht einfach los. Eine kleine Hinführung ist nötig. Niemand fällt mit der Tür ins Haus. Man platzt nie mit einer Neuigkeit heraus, das wissen alle Journalisten; man fängt etwa an mit: »Hast du schon gehört ...« Oder mit »übrigens« oder »stell dir vor«. Der Bond-Prolog. Es gibt auch Songs mit undefinierbaren Tönen, bevor es losgeht: »Bullroarer« zum Beispiel von Midnight Oil (Diesel and Dust, 1987) beginnt mit dem Geräusch eines grummelnden Motors, dem ein mysteriöses Schwirren folgt. Berühmt geworden sind die ersten Sekunden von »Black Dog«. Der okkult gebildete Eric Davis hat in seinem Buch Led Zeppelin IV einen Essay über diese paar Sekunden geschrieben. Und »Psycho Killer« von den Talking Heads auf ihrem Live-Album Stop Making Sense! David Byrne in seinen Schlabberklamotten stellt im gleichnamigen Konzertfilm von Jonathan Demme (1983) eine kleine Drum Machine auf die Bühne, und nach den ersten Schlägen fegt er mit seinen Gitarrenakkorden hinein. »Can’t sleep, my bed’s on fire!« singt er, und auf dem Album Diesel and Dust von Midnight Oil, achtziger Jahre, heißt der erste Song »Beds Are Burning«. Wikipedia klärt übrigens das Mysterium um die »Bullroarer«-Töne: Das sei, bei australischen Aborigines (zu deren Missvergnügen) aufgenommen, das Originalgeräusch eines Bullroarers, eines Geräts, das man an einer Schnur viele Male um sich wirbelt und das, je nach Stimmung und dem vereinbarten Code, Botschaften in die Ferne übertragen kann. Diese seltsamen Geräusche vor solchen Songs erinnern irgendwie an Atmen, an Luftholen. Da könnte man jetzt an die hebräische Kabbalah denken, die sagt, der Schöpfer, der das All ausfüllte, habe sich und seinen Atem vor der Erschaffung der Welt kurz zurückgezogen (zimzum) und einen Rest (reshimou) seines Lichts zurückgelassen, damit sich im Raum die göttliche Kraft entfalten konnte. Für das Ende eines Songs wäre die mythische Entsprechung der erste Trompetenstoß (Atemzug) des Seraphiel im Islam, nach dem alles erlischt und vergeht. Stille und Schlaf. Die Seelen rüsten sich dann mit einem neuen Körper aus, bis nach etwa 400 Jahren der zweite Trompetenstoß ertönt und zum Jüngsten Gericht ruft.

... da wären noch die drei

... da wären noch die drei feinen Glockentöne vor John Lennons (Just Like) Starting Over, und neu angefangen hatte er ja, aber es war nur "just like", denn dann hat man ihn umgebracht. Dieter Renner meint übrigens, die ersten Töne von "Black Dog" seien, ganz profan, durch das Streichen eines Plektrons über die Seiten entstanden. Hab's immer noch nicht gehört, aber ich glaube nicht, dass Erik Davis sich da etwas ausgedacht hat. Was mir noch leid tut: die Passage über den Song You're Making Me High von Toni Braxton wieder gestrichen zu haben; die Formulierung "der Bass zieht das Stück an wie ein Schlepper" war so schön, und hier steht sie also. Grüße Manfred.

 

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