Die ästhetischste Müllkippe der Welt

Rainald Goetz' Abfall für alle, eine postmoderne Aphorismen-Sammlung

Die Redaktion der Kritischen Ausgabe wühlt sich tiefer in Richard Kämmerlings persönlichen Literaturkanon und fördert Erstaunliches zu Tage: Rainals Goetz Abfall für alle, ein Text, der 14 Jahre zu früh erschien und schon 1998 am Puls der heutigen Zeit war; ein Werk für und aus dem Internet, über Gedankenabfall und an den Grenzen des Sagbaren.

Abfall für Alle

Einer tanzt auf der »Müllkippe« namens Deutschland und betrachtet die Reste populärer Kultur: Rainald Goetz, geboren 1954. Er studierte in München und Paris Geschichte, Theaterwissenschaft und Medizin. Das Studium der Geschichte sowie der Medizin schloß Goetz jeweils mit einer Promotion ab. Seit 1983 veröffentlicht Goetz Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Berichte, etc. und wurde aufgrund seines literarischen Schaffens nach Frankfurt als Poetikdozent berufen. Für sein Gesamtwerk wurde Goetz mit dem Berliner Literaturpreis 2012 ausgezeichnet. Legendär wurde Goetz bereits 1983 durch seinen Auftritt beim Ingeborg Bachmann Preis, den er nach Aufschneiden der eigenen Stirn, blutüberströmt beendete.

Dieser provozierende, wissbegierige Autor bietet in diesem Roman ein modernes Gedankenarchiv des alltäglichen Lebens, in dem Zeitungsartikel und Fernsehsendungen gleichwertig neben Theatervorführungen und Museumsausstellungen versammelt sind. In seinem Œuvre stellt Abfall für alle: Roman eines Jahres einen Versuch dar private Erlebnisse für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Auf knapp 900 Seiten schreibt Goetz einen Rundgang durch die Erlebnisse eines Jahres und fragt sich dabei permanent selber nach der Möglichkeit des Sagbaren.

Digital Nation 98

Erstaunlich an Abfall für alle ist die Tatsache, dass Goetz damit bereits 1998 ein Format schuf, das irgendwo zwischen Poesiealbum, Tagebuch, Facebook und Twitter die Grenzen des Interessanten und des Nervigen für sich selbst und das literarische Publikum auslotet. Denn Abfall für alle ist zunächst ein Internet-Tagebuch. Als solches verfasst, erscheint es bereits optisch als vom Buch unterschieden. Digitale vierstellige Zahlen markieren die Uhrzeiten der Niederschrift. Wochentag, Datum, Ort des Geschehens, alles wird gespeichert, eingetippt, in einem fließenden Textdokument versammelt.

»2324. Küche aufgeräumt. Harald Wieser mit Juhnke bei Jauch. Davor die Programmplätze des Fernhsehers neu geordnet. Davor ein Wigald Boning
Proträt in Spiegel Interview. Danach ein Film über Spielmaschinen in den
USA.

warum lesen Sie
nicht mal wieder n Buch?
das Wetter

meint Ulrich Wickert, zum Abschluß seiner Tagesthemen. Im Anschluß an
den Bericht von der Leipziger Buchmesse.«
(S. 140/41)

Von Ein-Wort-Einträgen, über Einkaufszettel und andere Nebensächlichkeiten, schafft Goetz es immer wieder intellektuelle Höhen zu erklimmen und spektakuläre Reflexionsschleifen eingänglich darzustellen. Diese synchronistische Daten-Darstellung kommt zunächst befremdlich daher, da der Leser in diesem ›Pool-of-Consciousness‹ einen langen Atem braucht, um Land zu sehen. Doch die Leuchttürme der Pop-Kultur retten vor dem Untergang, denn früher oder später taucht eine Referenz  auf, die den Leser wieder auf Kurs setzt.

Texttrotz

Eindrucksvoll decken sich bei der Lektüre von Abfall für alle die Probleme des Lesers mit denen des Erzählers. Das Verhältnis von Fiktion und Realität, subjektiv und objektiv und eben Produktion und Rezeption werden umfassend behandelt und machen diesen Roman zu einer sehr intensiven Lektüre.

»630. Plötzlich kams mir: daß das FIKTIVE natürlich der Ort des PRIVATEN ist. Da ist es dann sozial gehalten und gefaßt. Und daß das Nichtfikitive, das sozusagen AUTHENTISCHE fürs ALLGEMEINE zuständig wäre. Also genau umgekehrt als man doch im ersten Moment so denken würde, ganz automatisch auch denkt. Bloß ein unklarer Instinkt einem sagt: irgendwas daran stimmt nicht so ganz. Daran hatte ich vor Morgengrauen rum gemacht, ergebnislos, an diesem Problem. Immer verzwirbelter. Unter der Dusche löste sich das dann auf, im Wasser, ja. (…) Gerade solche Allgemeinheiten sind ja zugleich das Allerprivateste. (…) Bloß ob sie für andere genauso wichtig sind wie für einen selber im Moment, ist sehr die Frage. «  (S. 125)

Die titelgebende Frage nach dem Abfall ist die Frage nach dem Standort der Kunst innerhalb der zeitgenössischen Welt. Gibt es eine Grenze zwischen High-Culture und Low-Culture? Ist eine Unterscheidung überhaupt zulässig? Und natürlich: Liegt die Kunst im Objekt selbst oder im Verständnis des Betrachters?

„Das Fernsehen ist DER öffentliche Raum überhaupt, über allen, für alle, das Firmament. Was jeder sehen kann, wie er will, nach vollkommen eigenem Ermessen, nach eigener Lust.” (S. 120)

Abfall für alle bietet eine programmatische Antwort auf diese Fragen, indem der Erzähler mit sich selbst über diese Möglichkeiten und Standpunkte diskutiert, mit sich hadert, verwirft und neu ausprobiert. Die Kunst von Goetz  ist die Gabe der reflektierenden Beobachtung. In dem er darstellt ohne zu werten kann er Grenzen überwinden. Alles ist gleichwertig, alles hat die Berechtigung zum Ästhetischen. Doch wohin damit? Natürlich auf den Müll, dann kann sich jeder rauspicken, was ihm am besten gefällt.

ALLgemein

»1133. Andere machen Post, gehen mit dem Hund raus oder bringen ihre Kinder in die Schule. Ich mache Abfall. Und werde davon im guten Fall ruhiger, konzentrierter und geordneter für die eigentliche Arbeit am Text.«  (S. 129)

Die Pointe dieses Roman(s) eines Jahres ist, dass sich Goetz ausgerechnet für den Abfall entscheidet. Abfall für alle ist eine Müllkippe für Gesagtes, Gedachtes, Erlebtes, Verschwiegenes, das eben doch mitgeteilt werden will. Für das es keinen Ort gibt an dem es abgelegt werden könnte, ausser in diesem Abfall-Format der Literatur. Das abweichende Format sowie die sprachliche und stilistische Rafinesse erzeugen den Eindruck von Anarchie im Text, als Text. Abfall für alle verwirft die geltenden Regeln der Kunst und probiert völlig Neues aus. Wild, chaotisch, zuweilen gehetzt teilt der Erzähler seine Eindrücke mit. Präsentiert dem Leser schnelle Bilderfolgen, wie ein 90er-Jahre Technoclip. Immer mehr immer weiter immer schneller. Alles ist Kunst alles ist Müll: alles ist für alle!

Goetz, Rainald: Abfall für Alle. Roman eines Jahres (Online-Tagebuch, 1998/99, 5.5.). Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999. 864 Seiten. ISBN 987-3-518-45542-5. Euro 19,50.


 

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