Die Freimaurer

Manfred Poser schenkt den Brüdern, von denen man so wenig hört, einen Beitrag und hofft, dass es sie noch gibt

Wenn es um Geheimgesellschaften geht, werden immer gern die Freimaurer genannt. Ihr Name leitet sich von den Bauhütten ab, deren Steinmetze jahrhundertelang an den mittelalterlichen Kathedralen wirkten. »Haben nun schon vorher die Hütten auf christliche Ordnung Gewicht gelegt, so muss durch den Eintritt solcher ›Liebhaber des Handwerkes‹ die Tendenz des ›geistigen Bauens‹ noch ganz erheblich verstärkt werden. Fortan bauen die deutschen Hütten nicht nur stolze Münster und himmelanstrebende Dome, es beseelt sie zugleich das Streben, aus Menschenseelen Tempel Gottes zu bauen.« So steht es in dem Buch Stern von Bethlehem. Ursprung, Wesen und Ziel der Freimaurerei (Hünstetten/Taunus 1981), das Texte vom Ende des 19. Jahrhunderts versammelt.

Schon um 1430 beklagte der Verfasser der Reformatio Sigismundi (vorgeblich Kaiser Sigismund selbst) die Macht jener Bruderschaften, die in manchen Städten bereits »den Rath ordnen«. Geheime Gesellschaften waren ja nur interessant, insofern sie in die Politik eingriffen. In der Schirn bildet eine riesige Tafel die Namen der Mitglieder der geheimen Loge P2 von Licio Gelli ab. Italiener sind rasch bereit, an alle möglichen Verschwörungen zu glauben (die Tafel gibt ihnen Recht). Auch von den Amerikanern hat man diesen Eindruck. Vermutlich ist dies auf mangelnde Transparenz – Informationslücken führen stets zum Aufblühen von Gerüchten – sowie auf eine unselige Verquickung von Staatsmacht und Wirtschaftsmächten zurückzuführen.

 

Glocke in der Kirche zu Herrenberg (Foto: Manfred Poser)
Glocke in der Kirche zu Herrenberg, die natürlich über eine Bauhütte verfügt
(Foto: Manfred Poser)

 

Freimaurer Goethe

Frankfurt und Geheimgesellschaften … Da muss ich mich bei www.internetloge.de bedienen und Johann Wolfgang von Goethes Freimaurerkarriere beleuchten. Als 17-Jähriger war er in Straßburg angetan von Herder, der in Riga in die Loge Zum Schwert aufgenommen worden war. Im Mai 1764 wurde in Weimar die Loge Anna Amalia zu den drei Rosen gegründet. »Schon lange hatte ich einige Veranlassung zu wünschen, dass ich mit zur Gesellschaft der Freimaurer gehören möchte«, schrieb der 30-jährige Goethe nach seiner Schweizer Reise. (Ich blickte kürzlich in der Migros des Ortes Opfikon auf das Namensschild der Kassiererin und las verzückt: Gemma Goethe. Die Frau war Philippinin und sagte, ihr Ex-Mann aus Graubünden habe so geheißen. 54 Goethes gibt es in der Schweiz, in Glarus gleich vier. Wer weiß, was Goethe auf seiner Schweizer Reise getrieben hat!)

Am 23. Juni 1780 wurde er in die Loge aufgenommen und genau ein Jahr danach zum Gesellen befördert. Am 2. März 1782 war Goethe Meister, am 10. Dezember des Jahres wurde er in den ›Inneren Orden‹ der Strikten Observanz aufgenommen.

Allerdings war bald nicht mehr viel los mit der Loge. 1783 soll Goethe am 11. Februar in den Illuminaten-Orden aufgenommen worden sein, der schon im Jahr darauf in Bayern verboten wurde. Goethe trug den Ordensnamen Abaris. Dann kam die Italienische Reise und etwas Abstand zu allem. 1813 sprach er zum Tode Wielands, dessen Aufnahme bei den Freimaurern er vier Jahre zuvor gefördert hatte, und 1815 sorgte er für die Aufnahme seines eigenen Sohnes August. In jenem Jahr entstand auch das Gedicht Symbolum, dessen Schlusszeile sprichwörtlich geworden ist:

Doch rufen von drüben
Die Stimmen der Geister,
Die Stimmen der Meister:
Versäumt nicht zu üben
die Kräfte des Guten.

Hier winden sich Kronen
In ewiger Stille,
Die sollen mit Fülle
Die Tätigen lohnen!
Wir heißen euch hoffen.

Spirituelles Bauen! Das Gute bewirken im Verborgenen – möchte man da nicht auch Freimaurer sein? Die Symbole sind Kelle und Zirkel, die Rituale sind geheim. Die alte Bruderschaft der Steinwerker, also die alten Bauhütten bildeten eine freie Kunst und waren somit weder dem Zunftzwang noch dem Magistrat unterworfen. Gesellen und Meister waren alle Brüder. Da sie im Land auf der Suche nach Arbeit herumreisten, brauchten sie eine Art Geheimgesellschaft. Eine Überlieferung behauptet, dass die Satzung des ersten Hüttenbundes in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand, zur Zeit von Albertus Magnus und Friedrich II. und Manfred von Hohenstaufen.

Eine sehr gute Einführung ins Freimaurertum stellen die fünf Gespräche von Ernst und Falk dar, die Gotthold Ephraim Lessing, ebenfalls Freimaurer, 1778 schrieb. In meiner Lessing-Ausgabe nehmen sie 33 Seiten ein, und wiederum die Internetloge hat sie im Volltext.

 

Freimaurer Mozart

Gerade als Goethe Meister der Freimaurer war, kam die Krise. 1784 war das. In Bayern wurde der Illuminatenorden verboten, und in Wien schloss Kaiser Joseph Mitte Dezember 1785 das Freimaurer-Kapitel. Wolfgang Amadeus Mozart war, seinem Vater folgend, ein Jahr vorher der Loge Zur Wohltätigkeit beigetreten, und der Loge Zur Wahren Eintracht gehörte Joseph Haydn an. Mozart ist auch Mitglied der 1786 neu gegründeten Loge Zur neugekrönten Hoffnung, und seine Oper Die Zauberflöte (1791) ist ja, man weiß es, ein der Freimaurerei verpflichtetes Werk, zumal der Librettist Emanuel Schikaneder auch Freimaurer war. Anscheinend hat Mozart am Ende seines Lebens, am 18. November 1791, die Kleine Freimaurerkantate aufführen lassen. Dies war sein letzter Auftritt, zwei Wochen vor seinem Tod.

 

Freimaurer-Grab auf dem alten Freiburger Friedhof (Foto: Manfred Poser)
Freimaurer-Grab auf dem alten Freiburger Friedhof
(Foto: Manfred Poser)

 

Problematisch wurde dann, dass die Grundpfeiler der Freimaurerei – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität – der Losung der Französischen Revolution so ähnlich waren. Diese Ideale waren den alten Machthabern ebenso suspekt wie später Napoleon. Die Herrscher fürchten Geheimgesellschaften und denken in ihren eigenen Kategorien, die sich letztlich auf eine reduzieren lassen: Macht. Eine Vereinigung, die uneigennützig das Gute will, lässt sich damit nur schwer in Einklang bringen.

Die Freimaurer bekamen Probleme, und die mächtigen Handwerkszünfte auch. Gerade war ich in Zürich und erfuhr bei einer Führung, dass die Stadt 1798 eine Zunftverfassung besaß, bevor die Zünfte verboten wurden. Auf einer Schiffsfahrt von Rapperswil nach Zürich saßen mir zwei Männer gegenüber, die auf ihren T-Shirts die Aufschrift www.igschmiede.ch trugen. Diese Interessengemeinschaft Schmiede ist jedoch erst 2002 entstanden und hält alle zwei Jahre ein Schmiedetreffen in Stäfa am See ab, das die beiden wohl besucht hatten. Es gibt also heute noch unter Handwerkern den Logengedanken.

Vor wenigen Wochen sah ich kurz vor den Nachrichten im Ersten einen Spot von ›Freien Handwerkern‹, die ihre Steuerlast beklagten und ihr Aussterben an die Wand malten, weshalb sie zum Eintritt in ihre ›Loge‹ einluden. Ein interessanter Einfall, geschichtlich ja nicht unmotiviert. Das ist anscheinend auch heute noch attraktiv: einem geheimen Zirkel angehören und im Verborgenen am Wohl der Welt basteln.


 

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