Die Kunst der Melancholie

Ein Künstlerporträt zum 90. Todestag von Amedeo Modigliani

Gestern vor 90 Jahren starb einer der bedeutendsten Künstler der Moderne und des 20. Jahrhunderts: Amedeo Modigliani. Seine Porträts mit den überlangen Gesichtern sind zu seinem Markenzeichen geworden und begeistern bis heute. Doch wer war dieser Mann, der in einem einzigen Werk die Seele seines Gegenübers zu erfassen vermochte? Amedeo Modigliani war vor allem ein Individualist. In Zeiten, in denen Künstler Stilrichtungen wie dem Kubismus, Expressionismus und Futurismus folgen, ordnet sich Modigliani nicht unter. Er entwickelt eine eigene Malweise und etabliert sich vor allem als Porträtmaler. Seine Kunstwerke wirken beinahe klassisch. Im Gegensatz dazu steht sein exzessives Leben. Dieses beginnt am 12. Juli 1884 in Livorno/Italien. Im Alter von 14 Jahren unternimmt er seine ersten Malversuche. In den Jugendbildnissen zeichnet er Fotografien mit Bleistift nach. Modigliani beginnt das Studium der Malerei in seiner Heimatstadt. Hier nimmt sein Künstlertum seinen Anfang. Modigliani erfährt schon früh den Verlust von geliebten Menschen und erleidet selbst schwere Krankheiten. Er ist sich seiner Sterblichkeit von Kindesbeinen an bewusst – Melancholie zieht sich wie ein roter Faden durch seine Werke. Bei zahlreichen Erholungsaufenthalten in Neapel, Rom, Venedig und auf Capri, die seine Tuberkuloseerkrankung heilen sollen, besichtigt er die barocken Kirchen und Museen. Er nimmt an Ausgrabungen teil und vertieft sich in die Betrachtung von Statuen und Fresken aus römischer Zeit. In seinen späteren Werken sind Parallelen zur frühen Formsprache und der spätbarocken Kunst des 18. Jahrhunderts erkennbar. Nachdem Modigliani in Florenz die Scuola Libera del Nudo besucht hat, geht er 1903 nach Venedig und setzt sein Studium fort. Dort entwickelt er einen neuen Begriff und eine neue Sehweise von Porträtmalerei. In seinen feingliedrigen Arbeiten nähert er sich dem Modell, wobei er nicht die menschliche Natur nachahmt, sondern diese psychologisch deutet. Drei Jahre später führt ihn der Weg nach Paris, wo er bis zu seinem Tod am 24. Januar 1920 leben wird. Modigliani nimmt Aktzeichenunterricht. In Paris baut er sich ein großes Umfeld auf, das aus Künstlern wie Pablo Picasso und Marcel Duchamp sowie Literaten besteht. Hier etabliert er sich, wenngleich zunächst erfolglos, allmählich als Künstler. Er wird Mitglied der Societé des Artistes Indépendants. 1907 lernt er den Arzt Paul Alexandre kennen, der sein erster Förderer und Mäzen wird. Daraufhin stellt er zum ersten Mal im Salon des Indépendants aus. Die Bekanntschaft mit dem Bildhauer Constantin Brancusi führt zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit Stein, die Modigliani beeindruckt. Er hegt selbst den Wunsch, Bildhauer zu werden. Seine bildhauerische Schaffensphase erstreckt sich jedoch nur von 1909 bis 1913, in der der Künstler 25 Skulpturen anfertigt. Modigliani führt ein ausschweifendes Leben, das vom Drogen- und Alkoholkonsum beherrscht wird. Oft empfindet er Schwermut und Zweifel, seine Kräfte schwinden zunehmend. Diese Lebensumstände bilden einen starken Gegensatz zu seinen Werken, besonders zu seiner Malerei ab 1913. Der rastlose Künstler fertigt fast klassische Gemälde an. Er malt hauptsächlich Porträts von Frauen und nur relativ wenige Bildnisse von Männern. Sein Idealbild zeigt die reine, schöne Frau. Die Begegnung mit der englischen Dichterin und Journalistin Beatrice Hastings, die Modigliani 1914 kennen und lieben lernt, verleitet den Künstler dazu, sich bis zu seinem Lebensende fast ausschließlich der Porträtmalerei zu widmen, die er als seine Lebensaufgabe ansieht. Modigliani entwickelt den für ihn typischen Porträtstil, der sich durch verlängerte Gesichter mit meist leeren Augenhöhlen, dünnen Augenbrauen, kleinen Mündern und langen Nasen und Hälsen auszeichnet. Trotz ihrer scheinbaren Gleichheit und Einfachheit haben die Porträts nichts Gewöhnliches und Banales an sich, sondern zeigen intensive Gesichtsausdrücke. Modigliani arbeitet die Individualität der Dargestellten, meist in ihrer Trauer, Benommenheit und schwermütigen Zärtlichkeit, heraus und behauptet gleichzeitig seine künstlerische Eigenart. Sein Ziel ist dabei, die Gegenwart des Dargestellten hervorzurufen. Er malt mit ruhiger Klarheit und folgt dabei dem klassischen und Renaissance-Ideal einer Gestaltung, die aus der aufmerksamen Wiedergabe der Wirklichkeit resultiert. Die oft melancholisch stimmenden Porträts sind sein wichtigstes Sujet. Nach der Trennung von Beatrice Hastings lernt Modigliani 1917 die Kunststudentin Jeanne Hébuterne kennen, die ihn bis zu seinem Tod begleiten wird. In diesem Jahr ermöglicht ihm Léopold Zborowski seine erste Einzelausstellung, bei der 32 Werke gezeigt werden. Zu dieser Zeit fertigt Modigliani eine Serie von Aktdarstellungen an. 1918 ist er am Ende seiner physischen Kräfte. Jeanne und er verreisen an die Côte d’Azur, wo er seine wenigen Landschaftsbilder anfertigt. In Nizza wird die gemeinsame Tochter Jeanne geboren. Ein Jahr später ist Hébuterne wieder schwanger. Modigliani unterzeichnet ein Eheversprechen, das er nie einlösen wird. 1919 erkrankt er erneut an Tuberkulose. Am 24. Januar 1920 stirbt er in Paris. Einen Tag später begeht die schwangere Jeanne Selbstmord. Amedeo Modiglianis Bedeutung für die Kunst des 20. Jahrhunderts liegt darin begründet, dass er sich keiner Kunstströmung zuordnen lässt. Das, was andere Künstler zur Abstraktion und in die Auflösung der Gegenständlichkeit treibt, nimmt er in das Porträt auf. Dazu gehört die Darstellung des Gesichts. Der Einzelgänger verfolgt persönliche Ziele – ein Porträtmaler abseits aller Moden.

 

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