Die mächtige Frau

Manfred Poser beschwört das Matriarchat herauf

Charles Dickens’ Heldinnen waren zumeist junge Mädchen, die leiden und dann tragisch sterben mussten wie die kleine Nell im Old Curiosity Shop. Auch seine Schauspielerin Ellen Tennant war ja erst 18 und er 45. Jeder Autor hat seine Biografie, seine Vorlieben. Das Gegenbild der jungen, arglosen Heldin ist die mächtige Frau, die Große Mutter. Sie ist ein Archetypus im Sinne C. G. Jungs, und Schriftsteller – natürlich Männer – haben sie gestaltet.

Sacher-Masoch

Im 19. Jahrhundert muss man Leopold von Sacher-Masoch (1836–1895) nennen, der in seinem Roman Venus im Pelz (1870) eine mächtige Frau schildert, Wanda.

»›Wart’ nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der Peitsche‹, drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen. Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen Rücken, meine Arme, meinen Nacken, ich biss die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien. Jetzt traf sie mich im Gesicht, das warme Blut rann mir herab, sie aber lachte und peitschte fort.«

Der Erzähler liebt Wanda, und sein Angebot, ihr Sklave zu sein, nimmt sie an. Sie erzieht und demütigt ihn, verlässt ihn aber, da sie – paradoxe, aber nicht unlogische Wendung – einen starken Mann suchte. Da war eine bislang unbekannte  Leidenschaft geschildert, eingebettet in schwüle Atmosphäre, verstörend und erregend. In Gottesmutter (1883) wird ein junger Mann, Sabadil, von Mardona, der Oberpriesterin einer Sekte, gefoltert. Sie ist die ideale Frau des Masochisten: kalt, grausam wie die Natur, strafend. Dennoch liebt sie Sabadil und wird geliebt, doch es geschieht ein Verrat, ein Missverständnis, und daraus entspringt grausame Strafe.

Weibliche Statuen in einer Höhle auf Sri Lanka. (Foto: Manfred Poser, 2005)

Ich habe eine italienische Ausgabe, und auf der Rückseite steht ein geglückter Satz: »Ein im höchsten Maße dramatischer psychologischer Komplex (nodo), der dazu beiträgt, jene schwüle (torbida), mystisch-rituelle Atmosphäre zu schaffen, die aus Warten, Reue, Angst, Verlangen und Schuldgefühl besteht und das Werk des österreichischen Schriftstellers charakterisiert.« Die Faszination der mächtigen Frau ist nicht nur das Verlangen nach der Peitsche; es ist weitaus subtiler. 

Sacher-Masoch war ein Erfolgsautor, geschätzt von Victor Hugo, Emile Zola und Henrik Ibsen. In der Folge des Venus-Buchs erschien die Psychopathia sexualis von Krafft-Ebing, und plötzlich fand sich Sacher-Masoch als Namensgeber einer sexuellen Pathologie wieder. Er und seine Anhänger wehrten sich so verzweifelt wie vergeblich. Sein Werk ist vergessen, nur im Masochismus lebt Leopold fort.

Bald nach Venus im Pelz erhielt er glühende, schwärmerische Briefe, die mit Anatol unterzeichnet waren. Sacher-Masoch nahm es als Spiel und genoss es, wollte aber ein Treffen, das der geheimnisvolle Anatol lange ablehnte. Es kam dazu, doch der rätselhafte Briefschreiber verbarg sich. Es war nur zu erahnen, dass er groß war und seine Stimme voll und tief. Erst 1881, bei einem Gespräch mit Dr. Grandauer in Passau, wurde alles klar, wie Wanda von Sacher-Masoch in ihrem Buch Meine Lebensbeichte erzählte: Anatol war mit ziemlicher Sicherheit der bayerische König Ludwig II. (1845–1886).

Schreckliche Ehrfurcht

1886, im Todesjahr Ludwigs II., kam dann She. Es ist ein Abenteuerroman, der großartige Schauplätze und viele Wendungen bereithält, und Spielbergs Indiana-Jones-Filme verdanken Rider Haggard einiges; doch Ayesha, die Schöne und zugleich Diabolische, lässt einiges zu wünschen übrig. Sie taucht auf, in weiße Schleier gekleidet, verbreitet Furcht und Schrecken, doch als sie dann mit dem Erzähler konferiert, den sie schwärmerisch mit »Oh Holly« anspricht, wirkt sie wiederum zu brav und weibchenhaft, als dass sie einen faszinieren könnte.

»Schreckliche Ehrfurcht kann der Hohen Liebe vorausgehen und sie hervorrufen, und manchmal muss sie das auch«, schreibt Rabbi Adin Steinsaltz in seinem Buch In the Beginning (1992) über das chassidische Gedankengut. In der jüdischen Kabbalah steht ja oben Kether (die Krone), unten Malkuth (die Erde). Chockmah, die Weisheit – ein männliches Prinzip –, projiziert sich auf Binah, die Formgeberin und Große Mutter. Jedoch ist Chockmah der Regent des ›Pfeilers der Liebe‹. Binah dagegen beherrscht den linken Pfeiler, den ›Pfeiler der Strenge‹, denn Form diszipliniert den Geist. Ein Mann ist in eine Frau verliebt und wirbt um sie; seine Liebe hat sein Objekt und unterwirft sich den Gegebenheiten, wie der Geist sich in Form kleidet.

Eine der dicken Frauen von Niki de Saint-Phalle, hängend unter dem Dach des Hauptbahnhofs Zürich. (Foto: Manfred Poser, 2010)

In meinem Roman steht:

»Völlig überraschend der Auftritt: Das muss Cherry sein, im schulterfreien Kleid, eine Art Tarnanzug mit Schlitz im Kleid, hochhackige Schuhe, einen langen roten Schal in der Hand, den sie sich über die Schulter wirft. Sie ist mager, nicht mehr ganz jung, vielleicht vierzig, mit hervorstehenden Wangenknochen, wild und großartig: ›She was savage and superb, wild-eyed and magnificent‹, schrieb Joseph Conrad.«

In seinem Buch Heart of Darkness (1902) hat eine Afrikanerin am Flussufer ihren Auftritt, und das ist eine spektakuläre Szene.

Matriarchat

Von de Sade bis Joseph Conrad reicht das 19. Jahrhundert, das sich inmitten von Viktorianismus und Industrialisierung fruchtlos und endlos mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern herumschlug. 1861 erschien das Buch Das Mutterrecht des Basler Wissenschaftlers Johann Jakob Bachofen (1815–1887), der zu einem wichtigen Theoretiker des Matriarchats wurde. Er fing bei den Griechen an – Venus/Aphrodite, Göttin der Liebe, die ›Gliederlöserin‹ – und postulierte einen Hetärismus, dem die ›Gynaikokratie‹ oder das Matriarchat folgte, um vom  Patriarchat entmachtet zu werden.

Dazu fand ich in Konrad Federls Antiquariat in Landsberg am Lech das Buch Eros im Alten Orient: »Aus der Urflut erhob sich in der Vorstellung des Ägypters die befruchtende und lebenspendende weibliche Götter-Trinität Hathor, Nut und Isis.« Aus dem Schoß der Riesenkuh Hathor entsprang alle Tage die Sonne. Hinter ihr stand »gewaltig in ihrem geheimnisvollen Dunkel die Gestalt der großen Himmelsgöttin Nut«, welche den Sonnengott auf ihrem Rücken trug. »Wie alle Urzeitgöttinnen war sie die Mutter ihres Vaters und die Tochter ihres Sohnes in einem.« Das Männliche hing vom Weiblichen ab; entscheidend war die Trinität der Muttergottheit, die als »Vater der Väter, Mutter der Mütter von Anbeginn der Welt existierte und diese schuf«. Männer waren von den Mysterien ausgeschlossen.

Das von Johanna Fürstauer (geboren 1931) geschriebene Buch gehe auch auf »gewagte Fragen« ein, schreibt der Verlag in der Ausgabe von 1965. In jener Zeit wurde wohl mit den Ergebnissen der Forschung auch an die Erregungs- und Vorstellungsbereitschaft des Lesers appelliert. (Man sollte bei Wikipedia Fürstauers  Veröffentlichungsliste durchsehen: Da bleibt kein Wunsch offen.) Nächstens mehr davon.


 

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