Die Süße des Blutes

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Amerika – Land der Freiheit, Land des Erfolgs, der Demokratie, des Fortschritts, vielleicht auch der Kultur. Hier kann jeder eine Heimat finden, gleichgültig, von woher er an die Gestade dieser menschenfreundlichen Insel geschwemmt wurde. So mag auch Mohan (Shah Rukh Khan) gedacht haben, bevor er sich wie viele Tausende vor ihm auf den Weg ins vierte Jerusalem begab, um dort als Angestellter der NASA zu reüssieren. Am Todestag seiner Eltern fällt ihm nun aber doch ein, nicht in Washington D.C. geboren worden zu sein. Was also ist zu tun? Man hole sich, gleichsam als lebenden Sterlingsilber-Bilderrahmen, seine vormalige Kinderfrau aus der auf Hindi »Swades« genannten Heimat in die neue Welt. Damit sich diese aber auch nicht dagegen wehrt, reist man besser selbst hin – denn Tatsachen überzeugen mehr als Worte.

Swades (Filmplakat)Eine derartige Einleitung klingt holprig, direkt, simpel und ungestüm. Aber der von der Kritik mit gewisser Enttäuschung aufgenommene Nachfolger des mit seiner Bollywood-Produktion »Lagaan« bekannt gewordene Regisseur Ashutosh Gowariker führt auf diese Weise in seine Geschichte ein. Dass diese Art der Erzählführung ausgerechnet bei Frauen so viele Rosen sammeln kann, erstaunt daher umso mehr. Womöglich sind Männer doch weitaus sensibler als bisher vermutet wurde, nimmt man allein die Reaktionen des Publikums der Aufführung am vergangenen Mittwoch als Beleg. Doch sind diese vielleicht nur eine Auszeichnung des Unverständnisses gegen die besondere filmische Ästhetik und die »typischen« Bestandteile eines Bollywoodfilmes: unmittelbare Darstellung, Tanz, Musik, schöne Frauen und ein glücklicher Ausgang.

All diese Elemente finden sich selbstverständlich auch rund um die Konfliktsituation wieder, der Mohan ausgesetzt wird, nachdem er das Flugzeug in Delhi verlassen hat, um sich mit einem luxuriösen Wohnmobil auf den Weg in ein hinterindisches Kuhdorf zu begeben. Daselbst trifft er nicht nur seine ehemalige Jugendgespielin wieder, die als Dorfschullehrerin einen vergeblich anmutenden Kampf gegen die Honoratioren des Ortes um die Aufnahme der Kinder der Paria-Kaste in den Unterricht führt. Ebenso wird er mit allen ihm sinnlos erscheinenden Segnungen der Unterentwicklung konfrontiert, wie sie durchaus noch typisch für das ländliche Leben auf dem Subkontinent sind: mangelnde Stromversorgung, Kastenwesen, Armut, Unwissenheit, um nur die wichtigsten zu nennen. Als Zwitterwesen beider Seinsweisen, einerseits dem westlichen materiellen Fortschrittsbegriff verpflichtet, andererseits kulturkonservativ, tritt er als der Idealtypus auf, der die Segnungen beider Seiten glaubwürdig vertreten und zugleich für entsprechende Veränderungen werben kann. Insofern beschreitet Gowariker durchaus andere, weniger bunte Pfade als die meisten seiner Regie-Kollegen in Indien, die sich zuerst an den kommerziellen Interessen der Filmwirtschaft orientieren. Mit »Swades« liegt ein Aufklärungsfilm à la Oswalt Kolle vor, dessen Intention und Verve stark an die Formel Lenins erinnert: »Kommunismus ist gleich Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.« Als es dem Satteliten-Konstrukteur Mohan mit der Dramatik eines erdhügelversetzenden Befreiungs-James-Bond gelingt, mittels einer Wasserturbine selbst die Blinden zu erleuchten, vereinigen sich kathartisch Vergangenheit und Gegenwart, Harmonie und Aufbruch. Angesteckt von der Begeisterung der Dorfprogressiven und der Überzeugung der Alten gräbt sich der Zweifel tief in das Herz Mohans, ob er am rechten Ort wirkt. Was ist schon die Erforschung des Weltalls gegen den Hunger von Millionen Indern?

Letztlich spielt Gowariker in durchaus verständlicher Weise auf der patriotischen Klaviatur. Die Sinnerfüllung des Lebens bleibt trotz der anonymen Abgesondertheit nicht verborgen einem längst im Westen abstrakt gewordenen und verselbstständigten Streben nach dem Superlativen. Das Fanal der existenziellen Bedeutung wird so im Angesicht menschlicher Grundbedürftigkeit entzündet, das kaum nur aus Romantik und Technizität zusammengesetzt werden kann, dem immer die Sehnsucht nach Woher und Wohin eingeflochten ist. Amerika bleibt daher zwar immer ein Traum, aber einer, der sich dort erfüllen muss, wo man sich nicht verleugnen kann.

 

Swades. Indien 2004. Länge: 210 min.
Regie: Ashutosh Gowariker. Darsteller: Shah Rukh Khan, Gayatri Joshi, Kishori Ballal u.a.
Aufführung (Hindi mit englischen Untertiteln) im Rahmen der Biennale in der Brotfabrik Bonn, 17. Mai 2006.

Mein Beileid, Herr Jüngling,

Mein Beileid, Herr Jüngling, dass Sie sich diesen Film antun mussten, der Ihren intellektuellen Erwartungen so gar nicht entsprochen hat. Ich muss zugeben, ich bin kein regelmäßiger Besucher dieser Seiten, aber nimmt man den von Herrn Andres verlinkten Artikel als Beispiel, so scheinen Sie hier normalerweise auch ein anderes Publikum anzusprechen, als die Schar der Bollywood-Fans, die auf Ihren Artikel geantwortet haben. ;)

Die Frage ist nur, braucht "Swades" überhaupt eine kritische Analyse, wie Sie sie versuchen, oder wäre es mit einem simplen Filmtipp nicht viel besser getan. In sofern vielleicht schlicht nicht Ihre Aufgabe? Dann hätten Sie sich diesen unangenehmen Abend ersparen können, mit unsensiblen Fans wie mir, die doch glatt die Lieder mitzusingen wagen. Auch wenn Sie mein Rumgetanze auf dem Stuhl vielleicht zu Ihrem Glück nicht bemerkt haben.

Gut, der Film lief im Rahmen der Biennale, Ihr Publikum hätte sich also auch dorthin verirren können. Aber auch dann nützt diesem Publikum Ihr Artikel leider nicht viel mehr, als sie darin zu bestätigen, dass ein gebildeter Mensch mit diesem Film nichts muss anfangen können.

Vielleicht hätte es Ihrem Artikel in diesem speziellen Falle gut getan, die Beschreibung der Handlung deutlicher von Ihrer Kritik zu trennen. Die einzigen, bei denen Sie davon ausgehen können dass ihnen die Handlung des Films schon bekannt ist, sind nämlich leider die Fans, die den Film trotz seiner intellektuellen Defizite lieben.

Wenn ich jetzt mit meiner "dummen und heftigen Replik" Ihren Artikel aufwerte, dann denke ich, haben Sie sich das nach diesem anstrendenden Abend redlichst verdient.

Machen Sie sich doch mal wieder einen schönen Abend im Theater, mit einem Stück von jemandem, der Oswalt Kolle auch kennt und der Ihren intellektuellen Verriss zu schätzen weiß. Schönen Gruß!

Wie es scheint, wurde nun

Wie es scheint, wurde nun endlich mal dieser Artikel gelesen und auch beim Wort genommen. Einen herzlichen Dank an die deutschsprachige Bollywood-Fraktion! Dem Kollegen wünsche ich ein gesundes Maß an Gelassenheit...

Gruß,
Stefan

Sollten Kritiker sich nicht

Sollten Kritiker sich nicht vorab mit der Marterie die sie kritisieren befassen und wertfrei kritisieren, wie z. B. die tatsächlichen Mängel des Filmes hervorheben? Die Qualität der Aussage durchleuchten?

Hier ist es aber wohl eher so gelaufen, dass jemand rein persönlich mit dem Film nichts anfangen konnte und so äußerst merkwürdige Sätze zustande kamen. Hier wurden Dinge kritisiert die nicht zu kritisieren sind um einfach irgendwie darzustellen, dass es dem Film an jeder Qualität mangele. Und gleichzeitig darf der geneigte Leser die Intellektualität des Autors bewundern. Der ist eh auf der sicheren Seite, den an BW-Filmen gibt es immer so einiges auszusetzen aus westlicher Sicht.

Und trotdem sind die Kritikpunkte hier subtil angegriffen und man weiß nicht so recht was will der Autor sagen?

Kritisiert er, dass der Film Inder die in die USA zum Studieren und Arbeiten einreisen zur Thematik hat?
Nein wohl nicht? Aber warum zieht er das dann ins Lächerliche?

Ich habe noch nie so eine seltsame unsachliche Kritik gelesen.

Alles was ich an dieser Kritik herauserkennen kann, ist dass der Autor den Film nicht mochte. Tatsächlich weiß ich immer noch nicht, ob es ein guter oder schlechter Film ist und ob er sich lohnt oder nicht, denn diese Kritik ist einfach zu unsachlich und zu unprofessionell.

In diesem Film steckt übrigens eine ganz klare nicht zu übersehende Aussage, was genau so gewollt ist. Viel mehr oder weniger gibts da nicht zu kritisieren, man kann es wohlwollend hinnehmen oder sagen, kann ich nichts mit anfangen. That´s it.

Außerdem als kleine Anmerkung, der Film wurde nicht für uns Europäer sondern für das indische Kinopublikum gedreht. Und ich bin sicher die Inder sind sicher ihres Wasser- und Stromproblems bewusst, dass nicht nur in ländlichen Gegenden sondern auch in Mumbai z. B. existent ist.

Korrektur! Natürlich heißt

Korrektur!
Natürlich heißt die Produktion, mit der Ashutosh Gowariker sich einen Namen machte, nicht wie fälschlicherweise angegeben "Laandra", sondern selbstverständlich "Lagaan". Besonders die kennerschaftlich Empörten mögen an dieser Stelle um Verzeihung gebeten sein.
Der Autor

Was soll denn bitte "Laandra"

Was soll denn bitte "Laandra" sein?
Ich kann mich in allen Punkten meiner Vorrednerin nur anschließen. Sowas ist wirklich traurig :(

"Laandra"???? Ein bisschen

"Laandra"???? Ein bisschen Recherchieren vor dem Schreiben sollte eigentlich das Grundrauschen bei einem Journalisten sein. Nicht nur hier bleibt mir nur, fassungslos und mitleidig den Kopf zu schütteln. Es ist keine Schande, etwas nicht zu verstehen. Aber das dann als kritischen Kommentar zu verkaufen.... *kopfschüttel*

 

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