Die zerstörerische Macht des Aberglaubens

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006»Chokh Gyalo« gehört zu den leiseren Inszenierungen der »Biennale Bonn :Indien«. Hier kommt man ganz ohne buntes Farbspektakel à la Bollywood aus, ohne pompöse musikalische Untermalungen. Stattdessen zeigt sich Goutam Halders dramatische Umsetzung der Kurzgeschichte des bengalischen Autors Tarashankar Bandyopadhyay sehr reduziert. Eine knittrige Leinwand, auf der die unendliche Weite eines Mangohains, einer Wüstenlandschaft gleich, erscheint – das reicht. Und auf der Bühne ein spärliches Lager unter einem Palmzweig, wie eine kleine Oase im sandigen Nichts.

© NandikarDoch von Idylle keine Spur: Einsam, trist und öde mutet diese Landschaft an. Eine sonore, furchteinflößende Stimme durchdringt den dunklen Raum und geht durch Mark und Bein. Sie erzählt die Legende einer Schlange, die mit ihrem Gift das Land vernichtete. Eine ebensolche Legende ist, was nun auf der Bühne folgt: die der gefürchteten Hexe, die in dieser Einöde lebt und durch deren Adern schwarzes Blut fließt. Einst eine junge und schöne Frau, wurde Surodhuni aus ihrem Heimatdorf vertrieben und als Hexe gebrandmarkt. Krankheit und Tod scheinen ihr auf Schritt und Tritt zu folgen. Seit 40 Jahren lebt sie abseits der Zivilisation – ausgegrenzt und sich von den Menschen fernhaltend, um keinem mehr schaden zu können. Denn auch sie selbst glaubt an ihre fatale Macht. Kontakt zu anderen Menschen hat sie nur bei ihren täglichen Bettelstreifzügen. Die Dorfbewohner geben ihr zwar reichlich Nahrung, doch nur, weil sie sich vor ihren Flüchen ängstigen. Wann immer sich einzelne Menschen zu ihr auf das Feld verirren, keimt ihre Sehnsucht nach menschlicher Nähe auf. Sie will helfen, wo sie kann, und richtet doch immer nur noch mehr Schaden an.

Dieses traurige Schicksal und die sympathische Charakterzeichnung der Alten machen es dem Zuschauer zunächst leicht, sich auf die Seite der Alten zu schlagen. Wenn auch der Erzähler sie als »grausame Hexe« bezeichnet, lässt das Bild des alten, zahnlosen, auf ihren Stock gebeugten Muttchens doch jedes Herz erweichen. Schnell verurteilt man also die Dorfbewohner, nimmt das Bühnengeschehen als Märchen, das die eigene moralische Stärke bestätigt. Doch nicht lange kann sich der Zuschauer derart selbstgefällig in seinem Sessel zurücklehnen und sich von der Gefahr der voreiliger Verurteilung freisprechen. Vielmehr wird man sich im weiteren Verlauf des öfteren bei der Überlegung ertappen, ob denn diese Frau nicht vielleicht doch über dämonische Kräfte verfügt.

© NandikarDenn nicht nur den Kommentaren des Erzählers, auch der Meinung der Dorfbewohner kann man sich nicht lange entziehen: Voice-Einspielungen aus dem Off, ein wahres Stimmwirrwarr, lassen das Publikum an den Beschimpfungen und Hasstiraden gegen Surodhuni teilhaben. Unmerklich fast schlägt das Mit-ihr-Leiden um in Zweifel. Sicher möchte die Alte der Frau nur helfen, die sich mit ihrem Baby auf das Feld verlaufen hat, und wenn sie dem Kleinen ein Schlaflied singt, wirkt das geradezu anrührend. Aber verwandelt sich das herzerwärmende Schlaflied nicht in einen eiskalten Todesgesang, wenn man kurz darauf vom Erzähler erfährt, dass das Kind durch Surodhunis vernichtenden Blick gestorben ist? Und wird der Zuschauer nicht gar selbst Zeuge ihrer teuflischen Verfluchungen? Ist alles bloß Manipulation durch den Erzähler und die Stimmen der Dorfbewohner? Sind die Geschehnisse vielleicht nur eine Kette unglücklicher Zufälle oder gar bloße Einbildung der alten Frau, die in ihrer Verzweiflung dem Wahnsinn immer näher zu kommen scheint?

Zu all diesen Fragen gibt die Inszenierung keine eindeutigen Antworten – und gerade darin liegt ihre Stärke. Auf virtuose Art und Weise werden die Mechanismen der Vorurteilsbildung offengelegt, die Zuschauer immer wieder zur Selbstreflexion gezwungen. In der Rolle des »Richters« muss das Publikum immer wieder neu für sich abwägen und entscheiden, welcher Position es Glauben schenken will. Selbst wenn man sich gegen die Vorverurteilung wehrt, muss man doch letztlich die Frage zulassen: »Würde ich mich selbst dieser Frau nähern wollen?« Hier zeigt sich sozialkritisches Theater von seiner besten Seite. Ohne moralische Wertungen aufzuzwingen, schafft es die Inszenierung, wachzurütteln und die Gefahren von Aberglaube und Vorurteilen für den Zuschauer erlebbar zu machen.

Neben der kunstvollen Einheit von Bühne, Licht und Ton lebt die Inszenierung vor allem von der wunderbaren Protagonistin: Swatilekha Sengupta spielt mit einer schier unglaublichen Intensität. Durch sie wird die Inszenierung zu einem herausragenden Theatererlebnis – mit Sicherheit ein Highlight der Biennale Bonn und auch weit über diesen Rahmen hinaus bemerkenswert.

 

CHOKH GYALO. Schauspiel von Goutam Halder nach einer Kurzgeschichte von Tarashankar Bandyopadhyay (in Bengali mit Simultanübersetzung).
Kammerspiele Bonn-Bad Godesberg. Europa-Premiere: 16. Mai 2006.
Inszenierung: Goutam Halder. Künstlerische Leitung: Rudraprasad Sengupta. Produktion: Nandikar (Kalkutta)

 

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