Doping

Der bücherBrief – Diesmal: Über Schriftsteller, Schauspieler und Sportler auf Speed

Bei Schriftstellern gehört ein lockeres Verhältnis zu Drogen fast schon zum guten Ruf. Von sechs amerikanischen Nobelpreisträgern für Literatur waren vier Alkoholiker: Steinbeck, Hemingway, Fitzgerald und Faulkner. Bei Edgar Allan Poe streiten sich noch heute die Biographen, ob er nun opiumsüchtig war oder im Delirium tremens seine bekannten wilden Anfälle bekam. Niemand kommt deshalb auf die Idee, ihre Bücher nicht zu mögen. Im Gegenteil: Malcolm Lowrys Schilderungen besoffener Zustände etwa sind unbestritten große Literatur.

Hans-Christian Dany: Speed – Eine Gesellschaft auf Droge (Umschlag)
Die Informationen für diesen Beitrag verdanke ich vor allem dem glänzend geschriebenen Buch von Hans-Christian Dany, Speed – Eine Gesellschaft auf Droge ...

Wenn Jean-Paul Sartre im Café schrieb, hatte er einen besonderen Füller für seinen Nachschub an Amphetamin-Tabletten. Trinken und Rauchen tat er sowieso, aber Amphetamine bedeuteten ihm, seinen übrigen Körper aufgeben zu können, um sich ganz in der Bewegung der Feder, der Imagination und der Entwicklung der Ideen wahrzunehmen. Ein Röhrchen »Corydran« und eine Idee – zwei Tage später war das Buch fertig. Das ist einwandfreies Doping: Der Körper soll in den Zustand gebracht werden, der für die Erreichung des gesetzten Zieles notwendig ist. Sind seine Bücher deshalb etwa schlecht?

Und was macht man mit den Büchern des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick? Er war hochgradig von Amphetaminen abhängig. Als er endlich von der Droge loskommen wollte und in eine Entziehungsklinik ging, wurde er am nächsten Tag als geheilt entlassen. Seine Leber war so krank, dass sie das für den Rausch verantwortliche Enzym gar nicht mehr bildete und der Körper das Amphetamin einfach wieder ausschied. Trotzdem fühlte sich Dick auf Droge, wenn er schrieb. Der Film »Der Zauberer von Oz« konnte nur deshalb mit Judy Garland als Hauptdarstellerin gedreht werden, weil man der damals 16-Jährigen Amphetamine verabreichte, um ihre körperliche Entwicklung zu verlangsamen. Deshalb auch ihre weit aufgerissenen Augen. Drehtage in der Traumfabrik Hollywood waren für alle eine Qual: 72 Stunden lang, dazwischen nur vier Stunden Pause und entsprechend viele Amphetamingaben.

Donald W. Goodwin: Alkohol & Autor (Umschlag)
... und dem Buch von Donald W. Goodwin, Alkohol & Autor.

Die deutschen, amerikanischen und englischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren auf Droge: Amphetamine machten den Blitzkrieg möglich! Später dann das »Wunder von Bern«: »Pervitin« hieß da das Mittel.

Kinder, die ›nicht richtig funktionieren‹, bekommen Ritalin. Sie sind heute die größte Gruppe legaler Nutzer von Amphetaminen. Der Mediziner Gottfried Benn hatte dies übrigens schon in den dreißiger Jahren empfohlen. Als Appetitzügler werden Amphetamine eingesetzt, und in Asthmamitteln sind sie ebenfalls enthalten. Studenten glauben, mit Amphetaminen besser und schneller lernen, und Lastwagenfahrer, länger durchhalten zu können. Der Körper wird ruhiggestellt, geformt oder auf Trab gebracht, ganz wie es der Einsatz eben erfordert. Warum, frage ich mich, sind dopende Sportler bei Olympia eigentlich ein Skandal?

 

Apropos »Alkohol & Autor« ...

Am Montag, den 18. August 2008 findet im buchLaden 46 in Bonn eine Veranstaltung unter dem Titel »Die Liebe ist ein Höllenhund« mit Stories und Gedichten von Charles Bukowski und Songs von Tom Waits und Frank Zappa statt. Es liest Maximilian Hilbrand in Begleitung von Markus Quabeck (Kontrabass) und Thomas Weger (Gitarre). Beginn ist um 21 Uhr, der Eintritt kostet 10,– Euro.

 

* * *

Holger Schwab ist seit 1979 Buchhändler mit eigenem Geschäft in Bonn. Eine Auswahl der Buchempfehlungen und Gedanken zum Literaturbetrieb, die er als »bücherBriefe« an die Kunden des buchLadens 46 verschickt, veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen hier in unserem Online-Magazin.

 

* * *

Dem Thema Rausch in der und rund um die Literatur hat die K.A. übrigens 2005 ein eigenes Heft gewidmet, dessen Beiträge mittlerweile komplett online stehen – darunter etwa ein Artikel darüber, was der »Säufer-Poet« E.T.A Hoffmann tatsächlich in Berliner Kneipen trieb, sowie eine Besprechung verschiedener Bücher über den Einfluss des Alkohols auf die Literatur, unter anderem des oben genannten.

 

"Warum (...) sind dopende

"Warum (...) sind dopende Sportler (...) ein Skandal?"

- weil sie im Wettbewerb agieren und sich durch Doping Geld und Ehre erschleichen

- weil es im Wettbewerb darum geht, festzustellen, wessen körperliche und psychische Voraussetzungen (also in etwa die Kombination aus natürlicher Stärke/Begabung und erfolgreichem Training) die beste Leistung zulassen, und nicht darum, wer im biologisch-chemischen Unterricht am besten aufgepasst hat oder sich den fähigsten (korruptesten) Arzt leisten kann
- weil sie in der Regel vorgeben, NICHT zu dopen, und damit oft als Vorbild dastehen (wollen)
- weil im Gegensatz dazu das Schreiben KEIN Sport ist (und ein Wettbewerb allenfalls, wenn man dabei etwas missversteht)
- und
- und
- und

Aber ich nehme ohnehin nicht an, dass die Frage besonders ernst gemeint war... :-)

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!