Drei, Zwei, Eins – Statt einem robusten Mandat

Neil LaBute: Der große Krieg

Das Gedenkjahr an das Ende des hierzulande Erster Weltkrieg genannte Großereignis ist mittlerweile fast vorüber. Doch bevor es fast vergessen werden könnte, bietet das Schauspiel Bonn etwas, was es zwar nicht wieder in die Erinnerung rückt, aber sich doch daran anlehnen möchte. Seit nun zwei Jahren entsprießt einer fast ungewöhnlich anmutenden Beziehung (jetzt aber bitte nichts Falsches denken) zwischen dem vielgespielten Dramatiker Neil LaBute und der hiesigen Darstellerin Birte Schrein ein mitunter wirkungsvoller Kraftakt Bonner Uraufführungsbemühungen. Galt es in der letzten Spielzeit »Helter Skelter« als Weltpremiere zu feiern, so gelangte nun mit »Der große Krieg« die Fortsetzung dieses Schnellschreib-Fitneß-Unterfangens zu ebensolcher Geltung. Fast überflüssig ist dabei zu erwähnen, daß jene Stücke Frau Schrein wahrlich auf den Leib geschrieben wurden.

Szenenfoto aus »Der große Krieg« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Der große Krieg
(Foto: © Thilo Beu)

Anders als im Triptychon Helter Skelter (da waren es noch drei Verantwortliche) wurde nun unter der alleinigen Regie von Jennifer Whigham wiederum ein dreigliedriges Panorama partnerschaftlicher Innenansichten geboten. Eingebettet in die Stücke Die Furien und Was Ernstes erwies sich »Der große Krieg« allerdings nur dem Namen nach als militärisches Spektakel. Wie die erfolgsverwöhnten Franzosen pflegen auch die Anglo-Amerikaner diese sogenannte Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts furios »groß« zu nennen. Für LaBute fiel allerdings vom Frühstückstisch der Geschichte dabei lediglich ein Metaphernkrümel ab. Da die Kriege unserer Zeit schließlich weitab von den Bewohnern der westlichen Welt stattfinden, muß die Unruhe in ihren Gliedern zwischen den Bestandteilen derer Körper gesucht und benannt werden. Szenenphoto Ehekrieg: Ein Ehepaar (Yorck Dippe) trifft sich im rotgeäderten Koordinaten-Stellungskriegssystem der Bühne, um im Zuge der Scheidung den Besitz aufzuteilen und über den Verbleib der Kinder zu reden. Sie beschimpfen sich erbarmungslos mit ihren Patronenhülsen der Worte. Der Ehemann ist entsetzt, als sein Gespons sagt, er solle die Kinder nehmen, sie wolle sie nicht, da diese sie sowieso immer nur an ihn und die schrecklichen Jahre der Ehe erinnerten. Wo andere einen Schluß vermuten, werden nur drei Punkte markiert: Die Ehe-Birte tritt empört aus dem Schauspiel, weil sie als Schauspielerin (und vielleicht auch junge Mutter) das nicht mehr weiter spielen könne und fordert die Zuschauer auf, nach Hause zu ihren Kindern zu gehen und ihnen zu sagen, daß sie sie lieben. Dippe tritt ob dieses Affronts ebenso empört ab. Das Publikum kichert – nicht ganz zu unrecht, denn zu derbwitzig ist die plötzliche Wendung aus dem Schauspiel, das doch nur Spiel bleibt.

Szenenfoto aus »Die Furien« – © Thilo Beu
Szenenfoto aus Die Furien
(Foto: © Thilo Beu)

Dialogisiert und paroliert man im Mittelstück, sitzen Die Furien im nur augenscheinlichen Trialog vor einer als Schneeböschung deutbaren weißstofflichen Längshalbierung der Bühne auf ihren einfachen kalten Stühlen. Wollte sich wohl ursprünglich ein Pärchen (Schrein, Dippe) um die Aufklärung eines beiläufigen Streits sorgen, eskaliert die Sitzung dank der ihrem Marionetten-Bruder soufflierenden inzestuösen Jamie. Tatsächlich bleibt der Freund-Bruder nur der Lautverstärker in einem gehässigem Zwist der die Schuldbegriffe der Ablehnung und des Ablebens hin- und herschiebenden Geiferweiber. Wird vorgeblich die Intrige monströs mit dem Tod begründeter Trennung oder wahlweise Freigebung verhandelt, greift LaBute die berühmte Prinz Karl-Diana-Camilla-Geschichte einer Zweisamkeit auf, in der einer einfach zu viel ist. Doch auch hier wie in allen drei Dramoletten werden die Frauen als die starken konstruktiven Zerstörerinnen gezeichnet, in und zwischen denen die Bedeutungen von Freundschaft und Familie unhaltbar wild wirbeln. Die großartige Anke Zillich als Jamie zelebriert diese hinterfotzige Lügen-Verantwortung mit einer teufelsrachigen Stimme, daß einem nicht nur die eigenen Stimmbänder kratzen, sondern gar die Haare der Furcht zu Berge stehen.

Über Was Ernstes darf die auch hier trotz der lahmsten aller gebotenen Abbildungen hinreißende Birte Schrein einen Monolog der Einsamkeitsliturgie vortragen. In einem leuchtenden Tor stehend und wartend kasuliert sie über das Gefühl, unverhofft in eine erhabene Beziehung zum idealen Manne geraten zu sein. Nicht nur, daß er sie und ihr Kind liebe, von hoher Schönheit und Hingebung, sei er außerdem voll des Respekts und der Achtung. Mehr und mehr jedoch keimen die Zweifel am apostrophierten Charakter oder gar an der Existenz jenes adonis admirabilis. All diese gehobenen Eigenschaften zerstieben im Aufzählen ihres Fehlens ebenso, wie er weder zur Verabredung mit der Geliebten erscheinen will noch die Erzählerin selbst in jenem Das-erste-Mal-Café sitzen kann. Ganz offenbar vertraut sich eine Alleingelassene mit verklärtem Blicke der Allmächtigkeit des Unerreichten an. Ob nun beim kleinen oder großen Krieg, ob inmitten der Schlacht, beim Aushandeln des Waffenstillstands oder mit dem Trauma der Niederlage, die Fließbandproduktionen Neil LaButes gewähren die gewohnten Sezierungen der Gemeinsamkeiten als gefühlsstarkes Auseinanderdriften. Nicht in der Erinnerung, doch aber im Theater wohnt man gern derartiger Unterhaltungsscharmützel bei. Der große Krieg. Die Furien/Der große Krieg/Was Ernstes. Schauspiel von Neil LaBute. Deutsch von Jennifer Whigham und Lothar Kittstein. Inszenierung: Jennifer Whigham. Theater Bonn – Werkstatt. Uraufführung: 12. Dezember 2008. Weitere Termine: 29. Januar sowie 7. und 14. Februar 2009.

Fotos: © Thilo Beu

 

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