Ein blinder Fleck aufgehellt
Mit Altem Rathaus und Münster, Beethovenhaus, Beethovens Standbild auf dem Münsterplatz oder der Beethovenhalle nebst Beethovenkopf besitzt Bonn eine Fülle von charakteristischen und einprägsamen Symbolen. Auch der Blick auf die Hofgartenseite des leuchtend gelb gefassten Stadtschlosses – vorzugsweise vor blauem Himmel – ist aus dem Selbstbild der Stadt und der Universität, die das ehemalige Residenzschloss der Kölner Erzbischöfe und Kurfürsten seit 1818 für ihre Zwecke nutzt, nicht wegzudenken. Wie sehr das Schloss Bestandteil des Stadtbildes ist und wie selbstverständlich es zum Bild von Bonn und Universität dazugehört, scheint man tatsächlich daran zu merken, dass die letzten umfassenden historisch-kunsthistorischen Veröffentlichungen dazu einmal über hundert (Edmund Renard, 1896), einmal siebzig (Walter Hahn, 1938) und einmal immerhin vierzig (Hans-Joachim Kunst, 1968) Jahre alt sind.
Panorama-Aufnahme des Bonner kurfürstlichen Schlosses (Foto: © Dr. Thomas Mauersberg, Pressestelle der Universität Bonn)
Täglich beleben zahlreiche Studierende und Lehrende, Passanten und Gäste den gewaltigen Bau, der auf allen Seiten in das Stadtbild hineinwirkt. So normal scheint der Umgang mit dem Schloss geworden zu sein, dass sich eine gewisse Blindheit eingestellt hatte. In den vergangenen Jahren sind am Kunsthistorischen Institut der Universität mehrere Magisterarbeiten entstanden, die sich durch einen intensiven neuen Blick in die Quellen auszeichneten. Ihre Ergebnisse machten deutlich, dass trotz der genannten Publikationen die äußerst verwickelte Bau- und Ausstattungsgeschichte des Baus in weiten Bereichen unzureichend erforscht, teilweise noch gar nicht ausreichend erhellt war.
Um darauf aufbauend einerseits Benutzern und Besuchern, andererseits Bewohnern und Gästen Bonns sowie nicht zuletzt der Kunstwissenschaft den Bau in der Fülle seiner Geschichten zu erschließen, war es an der Zeit, ihn seinem kunsthistorischen Rang entsprechend und mit zeitgemäßer, quellenkritischer und sorgfältiger Herangehensweise in den Blick zu nehmen. Es galt, einen blinden Flecken mitten im Herzen der Stadt aufzuhellen. Dieses Vorhaben ist mit dem Band Das kurfürstliche Schloß in Bonn 2008 in sehr erfreulicher Weise bewältigt worden. Herausgegeben von Herrn Prof. Georg Satzinger ist er hervorgegangen aus einem Seminar am Kunsthistorischen Institut. Die Beiträge decken die Zeit vom 16. Jahrhundert bis zum Wiederaufbau nach 1945 in äußerst lesenswerter, reich bebilderter und umfangreich dokumentierter Weise ab. Eingeflossen sind dabei besonders die Ergebnisse von Magisterarbeiten sowie Vorarbeiten im Zusammenhang mit neu aufgenommenen Promotionsvorhaben. Der Band erfasst die gesamte Geschichte des Baus und seiner Ausstattung, mit einem Ausblick auf die Gartenanlagen. Die Bedeutung des Schlosses für die topographische Entwick-lung der Stadt Bonn und später für die Universität wird ebenso behandelt wie seine Stellung in der Kunstgeschichte des europäischen Raumes. Und nicht zuletzt werden alternative und nicht ausgeführte Planungen berücksichtigt. Die Vorgehensweise der 17 Beiträge ist im wesentlichen chronologisch, wobei die (im Band nicht ausdrücklich so gekennzeichneten) Abschnitte teils mit mehreren Beiträgen bestückt sind.
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- Der Südturm des heutigen Uni-Hauptgebäudes in der Abenddämmerung (Foto: © Ulrike E. Klopp, Pressestelle der Universität Bonn)
Herausgegriffen seien hier Beispiele aus zwei Epochen, zunächst aus dem 18. Jahrhun-dert: Sehr umfangreich werden die Planungen und Baumaßnahmen geschildert, die Kurfürst-Erzbischof Joseph Clemens 1697–1702 durch Enrico Zuccalli sowie ab 1713, noch im französi-schen Exil, und nach seiner Rückkehr 1714 durch Robert de Cotte durchführen ließ. Dargestellt werden zunächst faszinierende, nicht verwirklichte Alternativplanungen. Für die Klärung der Baugeschichte insgesamt ist von großer Bedeutung, dass die Umplanungen de Cottes eindeutig auf eine geöffnete Dreiflügelanlage zielen und damit Zuccallis Plan des Vierflügelbaus auflockerten (vor diesem Hintergrund stellt der Ausbau der 1920er Jahre keineswegs eine Wiederherstellung des barocken Endzustandes dar, wie dies bislang meistens vertreten wurde). Ebenfalls in diesem Abschnitt stellt Eric Hartmann die Baugeschichte unter den Nachfolgern Clemens August ab 1723 und Max Friedrich ab 1761 bis zum Brand von 1777 dar. Die Ausführungen stützen sich nicht zuletzt auf eine aufwendige Durchsicht der entsprechenden Quellen wie Baurechnungen und Inventare, die im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf lagern. Als Ergebnis bleibt festzuhalten, dass, entgegen früherer Ansichten, ein Gutteil der Innenausbauten auf Clemens August zurückgeht, was freilich unverhältnismäßig viel Zeit in Anspruch nahm. Hingegen gelang es dem Nachfolger Max Friedrich in relativ kurzer Zeit, die Arbeiten fertigstellen zu lassen und mit der Modernisierung von Ausstattung und der Renovierung der Hofkapelle bislang völlig unterschätzte eigene Akzente zu setzen. Für den gleichen Zeitabschnitt nimmt Marc Jumpers Raumnutzung und Ausstattung in einer ebenfalls sehr quellennahen Analyse unter die Lupe. Bei der Benennung der Räume sind dadurch mehrere Richtigstellungen bisheriger (und stets unhinterfragt wiederholter) Ansichten möglich, so beispielsweise bei der Position von Audienz- und Schlafzimmer, die in der Enfilade im ersten Stock eben nicht hinter den mittleren Fenstern der Hofgartenfassade lagen, sondern in der östlichen Hälfte der Flucht angeordnet waren. Auch offene Fragen werden aufgeworfen, von denen die nach Clemens Augusts bevorzugter Wohnung im Schloss sicherlich eine besonders spannende ist, die aber leider nicht definitiv beantwortet werden kann.
Zum anderen seien die beiden großen Bauphasen des 20. Jahrhunderts genannt, nämlich der Ausbau des nach dem Brand 1777 nur teilweise wiederhergestellten Baus seit 1924 sowie der Wiederaufbau ab 1945. Der Ausbau der Jahre 1924–1931 und v.a. die neue Universitätsaula von Bruno Paul (1928–1930) werden von Rudolf Gatzka dargestellt. Nachdem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Naturwissenschaften und die Medizin eigene Gebäude erhalten hatten, war es möglich, die Raumverteilung und -ausstattung des Hauptgebäudes für die Institute insbesondere der philosophischen und der beiden theologischen Fakultäten anzupassen. Um den weiter steigenden Raumbedarf zu befriedigen, erfolgte mit dem Ausbau der Stadtseite die vermeintliche Wiederherstellung des von Zuccalli geplanten Vierflügelbaus. In diesen Zusammenhang gehören beispielsweise die Figuren, die den Mittelrisalit der Stadtfassade krönen und verschiedene Wissensgebiete repräsentieren. Der Vierflügelbau jedenfalls hatte in dieser vollständigen Weise zuvor nicht bestanden – zumal der Nord-West-Turm nie gebaut worden war. Besonders wichtig ist der Hinweis, dass trotz der barockisierenden, angepassten Außenansicht das Innere eher vom damals herrschenden Stil einer Neuen Sachlichkeit geprägt war, wobei die Neue Aula durch den Orgelprospekt von Ludwig Gies den ausdrucksstarken Höhepunkt der Innengestaltung bildete. Dieser Prospekt wurde 1933 als entartet entfernt, blieb zwar im Krieg eingelagert erhalten, wurde aber beim Wiederaufbau nicht erneut verwendet. Beim Wiederaufbau nach 1945 veränderte das Schloss sein Aussehen als Großform zwar nur wenig, doch sind die zahlreichen kleinen Umbauten und v.a. die vollständige Aufgabe der erhaltenen Reste historistischer Ausstattung dafür verantwortlich, dass eine sehr eigenständige Baufassung entstanden ist. Carlos López führt die verschiedenen Maßnahmen in sehr geraffter Form vor, unter denen die heute vielleicht am deutlichsten wahrnehmbare die, nicht historische, äußere Farbgebung des Schlosses von 1960 ist. Erfreulich ausführlich dokumentiert Simone Kaldeborn die Innenausstattung nach 1945. Wandfeste Details wie Holzvertäfelungen und Lampen in Hörsaal I, die barockisierende Gestaltung von Fest- und Senatssaal, die Säulenhalle und das große Treppenhausrondell sind nur einige Beispiele für die sehr qualitätvolle Gestaltung des Universitätshauptgebäudes, bei deren Stilformen und den barockisierenden Anklängen immer wieder der historische Hintergrund des Schlosses nachwirkte. Insgesamt zeigt sich an Umfang von Text und Fußnotenapparat der Zeitabschnitte und der einzelnen Beiträge, dass der Schwerpunkt in der Erforschung des Schlosses derzeit beim 18. Jahrhundert liegt. Die insgesamt kürzer ausgefallenen Beiträge zum frühen 19. und zum 20. Jahrhundert weisen jedoch darauf hin, welche vielfältige Anregungen zu weiteren Forschungen der Band geben kann. Gerade hier dürfte nämlich reiches Quellenmaterial (nicht zuletzt Fotografien) darauf warten, gesichtet und ausgewertet zu werden. So verdient beispielsweise die frühe Geschichte der Bonner Universität und ihrer Vorgängerinstitutionen genauere Betrachtung. Gleiches gilt für den Wiederaufbau nach 1945 und die Ausstattung der 1950er Jahre, die an vielen Stellen des Gebäudes in den letzten Jahren bereits verschwunden ist: Durch Umbauten zum Brandschutz und durch ästhetische Modernisierungen sind viele Einrichtungsdetails undokumentiert verlorengegangen, beispielsweise Holzmöbel, die auf den Fluren ersetzt wurden. Es liegt auf der Hand, dass die Geschichte der Universität als Gebäude nicht abgeschlossen ist, sondern fortgeschrieben wird und immer wieder neue Aufmerksamkeit verdient.
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- Der Südturm des Uni-Hauptgebäudes auf dem Buchcover
Die zahlreichen Abbildungen des Bandes machen die Argumentationen anschaulich – wobei zum einen die historischen Fotografien als wichtige Quellen hervorzuheben sind und die dokumentierten Veränderungen nicht selten Aha-Effekte hervorrufen. So zum Beispiel ein Bild der Stadtseite vor dem Ausbau der 1920er im Vergleich zu einem nach dem Ausbau. Zum anderen müssen hier die qualitätvollen Neuaufnahmen des heutigen Baus gewürdigt werden, die Institutsfotograf Jean-Luc Ikelle-Matiba angefertigt hat: beispielsweise setzt eine Neuaufnahme des Haupttreppenhauses die Ästhetik der elegant geschwungenen Treppe gekonnt in Szene. Dem Bau wären sicher noch viele weitere solche Aufnahmen abzugewinnen. Ein umfangreiches Verzeichnis der Quellen und der gedruckten Literatur sowie ein Personen- und ein Ortsregister runden den Band ab und erschließen ihn.
Diese neue Publikation zum Bonner Residenzschloss bietet auf angenehmste Weise wissenschaftliche Forschung in gut lesbaren Texten. Der historisch-kunsthistorischen Fachwelt liefert sie neue Ergebnisse und viele wichtige Anregungen, gleichzeitig ist sie auch einem Laienpublikum weitgehend gut verständlich. Gerne mag man mit diesem Buch in der Hand durch das heutige Universitätshauptgebäude streifen und auf Entdeckungsreise durch die Entstehungsgeschichte des Schlosses gehen. Georg Satzinger (Hg.): Das kurfürstliche Schloß in Bonn. Residenz der Kölner Erzbischöfe. Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität. München, Berlin: Deutscher Kunstverlag 2008. 168 Seiten mit 88 farbigen und 17 schwarzweißen Abbildungen. ISBN 978-3-422-06721-9. 29,90 Euro.
Fotos: © Dr. Thomas Mauersberg (1)/Ulrike E. Klopp (1), beide Pressestelle der Universität Bonn.

