Ein Gelübde mit Rückfahrschein

Elvira Dones' albanische Geschichte über Geschlechteridentität und kulturelle Zugehörigkeit stimmt nachdenklich und wärmt das Herz

Wer die albanische Literatur kennenlernen will, hat nun die Gelegenheit. Im Zürcher Verlag Ink Press hat Elvira Dones den absolut lesenswerten Roman Hana veröffentlicht. Die Autorin erzählt anhand ihrer gleichnamigen Protagonistin die Geschichte einer mehrfachen Geschlechtsumwandlung, die von Albanien nach Amerika führt. Angesichts der aktuellen Diskussionen über die Vielfalt der Geschlechter erscheint das Werk nicht nur genau zur richtigen Zeit, sondern findet für dieses Thema auch eine ungemein poetische Sprache.

»Die Albaner schreiben viel Poesie, sie sind verrückt nach Poesie und fürchten sich vor dem Erzählen«, sinniert Hana, die Protagonistin des gleichnamigen Romans von Elvira Dones in ihrem Bergdorf kurz bevor sie von einem Lastwagenfahrer auf dem Weg in den nächsten Ort fast vergewaltigt wird. »Zum Erzählen braucht es Strenge und Beständigkeit, die Sätze erlauben keine Täuschungen aus Trägheit. Die Poesie hingegen schon, sie ist unbefangener, flüchtig, musikalischer«, heißt es weiter. Was in dieser Reflektion einer jungen Frau, die vor einer schwierigen Entscheidung steht, nach dialektischer Schlussfolgerung -entweder Prosa oder Lyrik- klingt, wandelt die albanisch-schweizerische Autorin Dones in ein Oxymoron um. Dieses Buch ist beides: unbefangen poetisch in seiner schmerzhaften Leidenschaft und streng in seiner fragmentarischen Erzählweise.

Hana stammt aus Shkodër, einer Bergregion im Norden Albaniens. Auch wenn sie in den 80er Jahren in Tirana studiert, kann sie sich nicht von ihren Wurzeln lossagen und beschließt, nachdem ihr Onkel und Ersatzvater Gjergi ernsthaft erkrankt, das Studium abzubrechen und ihn mit den kargen Mitteln des Hofes zu pflegen. Die Milch der Ziege reicht kaum als Grundnahrung und Medikamente gibt es nur im Tal. Auf einer Mitfahrgelegenheit ins Tal kann sie sich der sexuellen Bedrohung des Fahrers nur durch ihr Messer erwehren und entscheidet danach vom alten albanischen Kodex kanun Gebrauch zu machen und für den Rest ihres Daseins als Mann zu leben.

Aus Hana wird Mark

Diesen Brauch gibt es in Albanien seit Jahrhunderten und auch wenn er heutzutage eher selten geworden ist, dient er in ländlichen Regionen noch dazu, fehlende männliche Familienoberhäupter zu ersetzen oder sich vor männlicher Aggression zu schützen. Der Kodex wird von den Dorfbewohnern respektiert, fordert eine komplette Aufgabe der Sexualität und ist irreversibel. Hana wird zu Mark. Sie gibt ihre beruflichen Perspektiven auf, entsagt der beginnenden Liebe zu einem französischen Kommilitonen und zieht sich zurück in eine selbstzerstörerische maskuline Welt, in der »die Luft nach Blei und Schnaps stinkt«.

Der Roman steht damit in der jahrhundertealten Tradition des Crossdressing-Genres, das sich vom antiken Theater Griechenlands über die Schäferidyllen der Renaissance bis zum Terry Pratchetts Weiberregiment zieht. Gleichzeitig ist das Thema des wechselnden Gender in einer Zeit, in der Geschlechterumwandlung und Transgender-Identität endlich den Weg in die öffentliche Diskussion gefunden haben, hochaktuell.

Bruch mit den Regeln

Elvira Dones geht noch einen Schritt weiter: Kurz nach dem 11. September 2001 wandert Mark zu seiner Schwester Lila nach Washington aus und versucht dort wieder Hana zu werden. Das (Wieder-)finden sexueller Identität wird somit auch zu einem Symbol kultureller Verortung. Die USA steht hier für eine weitere rollenkonservative Welt, in der Albanern trotz Melting Pot-Nostalgie lediglich die Rolle hart arbeitender Duckmäuser zugebilligt wird. Schwager Shtjëfen und Schwester Lila wirken gefangen und ergeben in der amerikanischen Leitkonsumkultur. Hana wird als Freak willkommen geheißen, den es schnell und unauffällig zu integrieren gilt. Und doch ist es Tochter Jonida, die als amerikanisierter Teenager und direktester Verfechter des westlichen Kapitalismus Hana letztlich dabei hilft, ihren eigenen, unangepassten Weg in der neuen Welt zu finden.

Wer durch die gerade international bekanntwerdende, ausgesprochen vielseitige Saze Musik auf Albanien aufmerksam geworden ist und weitere kulturelle Höhepunkte des Landes sucht, dem sei diese Perle zeitgenössischer Literatur wärmstens empfohlen. Hana ist eine stringente, zu Herzen gehende Geschichte, die trotzdem mit narrativen Regeln bricht und in ihrer sentimentalen Musikalität etwas ursprünglich Poetisches birgt.

Elvira Dones: Hana. Deutsch von Adrian Giacomelli. Zürich: Ink Press, 2017. 246 Seiten. ISBN 978-3-906811-04-8. 19 Euro.

 

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