Ein Leben hinter Mauern

Theater Bonn und fringe ensemble präsentieren einen Spionage-Abend zwischen Ost und West

Anlässlich des nahenden 60. Geburtstags der Bundesrepublik Deutschland hat das Theater Bonn in Zusammenarbeit mit dem fringe ensemble das Projekt 60 Jahre in 6 Wochen ins Leben gerufen. In dieser Reihe werden Aufführungen in der Werkstatt gezeigt, die sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen. Der achte November stand dabei unter dem Motto Spitzel Spione und die Mauer.

Impressionen von der Berliner Mauer – Foto: © Marika Kude/PIXELIO
Impressionen von der Berliner Mauer (Foto: © Marika Kude/PIXELIO)

Das Knacken des alten Radios, welches trotz langer Antenne keinen Empfang hat, und das Funksprechgerät auf dem wackeligen Tisch machen sofort klar: Man befindet sich in der DDR. Arne Lenk, der als linientreuer Interviewer und Moderator fungiert, referiert Paragraphen aus einem dicken Wälzer, der die Regeln und Gesetze der »Werbung von inoffiziellen Mitarbeitern« erklärt. Aus einer Kiste steigt mühsam die ehemalige Regierungsdirektorin des BND und DDR-Spionin Dr. Gabriele Gast, gespielt von Maria Munkert. Mit Strickzeug in der Hand erklärt sie rückblickend, wie sie als Spionin angeworben wurde, und dass ihr aufgrund ihrer Liebe kaum eine andere Wahl blieb. Und schließlich, so hebt sie hervor, sollten ihre Auskünfte auf ihr Studium und die Universität beschränkt bleiben. Das gewohnt karge Bühnenbild der Werkstatt lenkt die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Dialoge und lässt ihn gebannt den Erklärungen und Rechtfertigungen lauschen, die wie der vorgelesene Text eines Tagebuchs durch den Raum hallen. Kaum überrascht es daher, als die Schauspielerin des fringe ensembles Justine Hauer sich schließlich aus der Kiste erhebt und als die wahre Vorleserin der Geschichte zu erkennen gibt.

Exemplarisch greift die Inszenierung drei weitere Schicksale ehemaliger Spitzel auf und vermischt in ihren Texten Wirklichkeit und Fiktion: In einer durch Seifenblase und Quietsche-Entchen angedeuteten Badewanne liegend berichtet eine ehemalige Spionin beinahe sarkastisch von ihrem Leben als Versteckspiel: dem Ehemann, von dem niemand wissen durfte, und den kilometerweiten Fahrten, um sich mit ihm in einer fremden Stadt zu treffen. Vereinzelte Telefonate, die bereits als Privileg empfunden wurden. Und der Kinderwunsch, der im Dienste für das Land unerfüllt bleiben musste. Sarkastisch und resigniert wirkt auch Wolfgang Bergmann, gespielt von Stefan Preiss, der seine Geschichte geduckt sitzend aus einer kleinen Kiste heraus erzählt. Hocker und Lampenschirm lassen an eine Wohnung in der DDR denken. Und auch die beengte Lage zeigt eine Parallele auf – oder charakterisiert sie vielmehr seine sechs Jahre im Gefängnis? Ein Blatt Papier nach dem anderen wird von der Wand gerissen – Symbole für einen Abrisskalender, mit dem er seine Tage im Gefängnis zählt? Tief enttäuscht ist er, von der Bundesrepublik, wo es zwar Bananen und Orangen, dafür aber kein fortschrittliches Gesundheits- und Bildungssystem gab. Da fiel es ihm leicht, nach dem Studium als junger und intelligenter Mensch einer Zusammenarbeit mit der DDR zuzustimmen. Und Gorbatschow …? Den nennt er einen Opportunisten und Scharlatan. Nein, am Mauerfall kann er nichts Positives entdecken. Und der unterschiedlichen Strafregelung für Spione aus dem Westen und Osten, der kann er natürlich auch nicht zustimmen.

Impressionen von der Berliner Mauer – Foto: © ingelotte/PIXELIO
Impressionen von der Berliner Mauer (Foto: © ingelotte/PIXELIO)

Severine Hoensbroech versetzt den Zuschauer mit ihrer Inszenierung für einen Abend zurück in das geteilte Deutschland zur Zeit des Kalten Krieges. Die damals als Spione zwischen Ost und West arbeitenden Menschen werden von einer unüblichen Perspektive gezeigt: als Menschen, die aufgrund ihrer persönlichen Situation und Gefühlslage bereit dazu waren, Informationen in die jeweils andere Hälfte Deutschlands weiterzugeben, und am Ende für ihre Tätigkeiten ins Gefängnis wanderten. Durch die Theaterperspektive wird ihr Handeln nicht relativiert und dennoch wird deutlich, dass man beim Thema Spionage zu Zeiten von DDR und BRD nicht nur in den Kategorien Schwarz-Weiß denken darf, sondern auch die Schattierungen dazwischen berücksichtigen muss.

Ein Stück, welches seinem schwierigem Thema gerecht wird, den Zuschauer aber dennoch durch Wortwitz und Situationskomik das ein oder andere mal schmunzeln lässt. Die nachfolgende Diskussion mit Dr. Gabriele und Dietmar Popp, beide ehemalige Spione der DDR, bot Zeit für Fragen des Publikums. Denn Stoff für eine Diskussion bietet das Stück mehr als genug. Wer noch tiefer in spannende Geschichtsmomente der Bundesrepublik eintauchen möchte, für den öffnet die Werkstatt mit einem Stück nach Wolfgang Koeppens Das Treibhaus, einer szenischen Lesung Der Stein sowie Uwe Tellkamps Lesung aus seinem Roman Der Turm erneut ihre Pforten. Spitzel, Spione und die Mauer. Ein Spionage-Abend zwischen Ost und West. Szenische Einrichtung: Severine Hoensbroech. Theater Bonn – Werkstatt. Weitere Veranstaltungen in der Reihe 60 Jahre in 6 Wochen: Sa., 15. November Szenische Lesung aus Der Stein von Marius von Mayenburg. Sa., 22. November Lesung von Uwe Tellkamp aus seinem Roman Der Turm. So., 23. November sowie 6. und 30. Dezember Inszenierung von Wolfgang Koeppens Roman Das Treibhaus.

Fotos: Marika Kude, ingelotte/PIXELIO

 

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