Ein Leserbrief

Liebe DER SPIEGEL-Redaktion,

dasselbe Spiel, jeden Montag. Verschlafen aus der Wohnung, die Haustreppe herunter, im letzten Moment den Bus ergattern und ihn dann doch verpassen, weil eine entscheidende Kleinigkeit vergessen wurde: der Briefkasten und mit ihm DER SPIEGEL. Also zurück, hektisch den Schlüssel heraus, noch hektischer merken, dass er nicht auffindbar ist, und dann wird mit der Hand im Briefschlitz geangelt. SPIEGELlesen ist harte Arbeit.

Einzig quälender ist die Lektüre desselben. Ich verstehe so wenig. Deswegen lese ich ja DER SPIEGEL. Aber das mit dem Lernen ist so eine Sache. Mir ist oft soviel schleierhaft. Liest man sich nur Matthias Matusseks Artikel "Alle Macht den Wortequirlen" (online leider nur gegen Bares) durch, bleiben hunderte Fragen und kaum Antworten.

Da erdreistet sich die Jury in Stockholm tatsächlich, einer Autorin den Preis in die Hand zu drücken, die nach Meinung von DER SPIEGEL bzw. Matthias Matussek als Preisträgerin ganz und gar ungeeignet ist. Warum hat Stockholm denn nicht nachgefragt? Herr Matussek hätte sicher gern mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Jetzt müssen die Nordlichter halt mit der Kritik leben. Ob Stockholm das verkraftet? Ich wage zu prognostizieren, dass im nächsten Jahr der Preis ausgesetzt wird. Die Jury wird sich einige Bedenkzeit erbitten. Im Grunde ist das auch egal, DER SPIEGEL sei dank weiß ich ja, was von der Jury zu halten ist.

Also, diese „schwedische Sonderausgabe von ‚Wer wird Millionär?’“ hat gepatzt, soviel steht fest. Soweit komm ich noch mit. Anstelle des eigentlichen Preisträgers Philip Roth wird eine „sympathische Steiermärkerin, 57, zart, graublond, [...] für ihre eher schwer verdaulichen Sadomaso-Schinken und den umso geläufigeren Kaschmirschal-Alpen-Antifaschismus mit dem güldensten und ehrwürdigsten Preis behängt, den der Weltliteraturbetrieb zu vergeben hat“. Na horch, horch! Wann wird die Sendung denn übertragen? Moderiert sie ein Schwede, den wir Jauch-Verwöhnten freilich nicht kennen? Ein Österreicher, den nur wenige kennen? Oder gar ein virtueller Wiedergänger Alfred Nobels? Bisher war nichts Näheres herausfinden. Aber ich bleibe am Ball. Doch es steht fest, wer ihn bekommt. Irgendeine hübsche zerbrechliche Schickeriadame aus dem Alpenvorland. Wie heißt sie noch gleich diese Kaschmirschalträgerin? Elfriede Jelinek? „Ist das wahr? Und wer ärgert sich jetzt mehr: die, die ihn auch schon gekriegt haben und jetzt schwer ins Grübeln kommen?“ Hat Günter Grass wohl je etwas von dieser Alpenbewohnerin gehört? Kann gut sein, wenn, dann aber nicht viel, glaube ich. Er gibt ihr sogar Ratschläge. Dummerweise in einem winzigen sächsischen Blättchen. Ob die Österreicherin das lesen wird? Grass sagte der Dresdner Morgenpost: "Ich freue mich über die Wahl und hoffe, Frau Jelinek wird ihre Bedenken revidieren, in Stockholm nicht zu erscheinen. Es ist eine weit gehend amüsante Strapaze, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen." Ja weiß der denn nicht, wer die ist? Die kennt ja kaum jemand! Und wenn er wüsste, mit wem er es zu tun hat, er würde sich ärgern und schweigen.

„Dass das Echo der internationalen Kritiker eher verhalten ausfällt, ist verständlich. Die blättern verdutzt in nicht endenden austriakischen Sentenzen, in denen Alpinisten, Faschisten und Geschlechtsorgane durcheinander purzeln [...].“ Arme internationale Presse. Verwirrung auf allen Wegen. Recht hat Matussek. Da gibt es beispielsweise diesen unglaublich großen und weltweit anerkannten Zeitungsgiganten Die Krone. Entsetzen in der Redaktion. Die hatten nicht mal ein Bild von ihr auf der Titelseite. Wer ist denn diese Jelinek? Noch nie von gehört. Höchstens mal wegen österreichischer Nestbeschmutzung. Wo wir schon bei Österreich sind, ich habe so einige Schwierigkeiten mit dem Textverständnis. Herr Matussek schreibt: „Schon spricht Österreichs rechtskonservativer Kultusminister von ‚der Anerkennung für den kreativen Standort’? Ist das nicht der Haider? Und der sagte doch, ich las es irgendwo, er werde dieser Kommunistin nicht gratulieren. Oder geht es um einen anderen rechtskonservativen Politiker? Ach ja, der Haider ist ja nicht Kultusminister. Aber wer ist das denn dann? Egal, DER SPIEGEL tut schon ganz gut daran, ihn und die unzählbaren internationalen Stimmen nicht beim Namen zu nennen. Ist ja auch nicht so viel Platz im Heft. Der Rahmen des Wochenmagazins wäre angesichts des weltweiten Entsetzens wohl gesprengt worden. Achtzehn Seiten mussten für das weltbewegende Thema China frei bleiben. Es blieb bei all den anderen Themen nur so wenig Platz, dass aus China eine Serie gemacht werden musste, und dann ist da noch die Nobelpreisträgerin für Frieden. Wie heißt die gerade nochmal? Nahm ja auch eine ganze Spalte weg. Immerhin, der Daily Telegraph eine der führenden britischen Tageszeitungen wird zitiert: „Die Schweden sind so pervers, dass ihr Preis nichts mehr wert ist.“ Wenn die sich nicht äußern würden, könnte man glatt glauben, diese Schmierfinken von der Londoner Times hätten recht, wenn sie unter dem Titel "Heldin des Feminismus gewinnt Literaturnobelpreis" schreibt: "So sehr sie den Leser in Unruhe versetzt, ist sie in ganz Europa als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart anerkannt." Diese gräßlichen Konservativen müssen auch immer den Liberalen hinterherbellen. Der Guardian hat das schon richtig gemacht. Die lassen einfach einen amerikanischen Professor zu Wort kommen. Erstens ist der ja Ami und disqualifiziert sich so per se, und zweitens ist er auch noch ein Blatt im Wind. Erst blödfinden und dann jubeln, so hat man das gerne. Bob Corbett: "Ich kochte vor Wut, aber ich las und las. Jelinek eroberte mich im Sturm, da ich anerkennen musste, dass ihr Werk von wirklichen Personen handelt." Von den Querulanten in Italien ganz zu schweigen: "Dies ist eine alte Geschichte: In der Heimat des Walzers, der Blauen Donau, der Operetten, der weißen Rösslein hat es immer eine Gruppe von Künstlern gegeben, die gegen den habsburgischen Mythos gerudert haben. Sie heißen Kraus, Horvàth, Musil, Bernhard. Auch Elfriede Jelinek, einer der mutigsten, meistverdienten und stärksten Nobelpreise, die in den letzten Jahren verliehen wurden, geht in diese Richtung.“ (La Stampa, Turin) Italiener halt, Spalter! Wobei mir gerade auffällt: Der Daily Telegraph wird nur mit dem Zitat eines führenden britischen Literaturagenten zitiert. Wer ist das denn schon wieder? Beurteilt der Redakteur vom Telegraph die Wahl so harsch, dass DER SPIEGEL sich scheute ihn selbst zu zitieren? Man muss halt auf die Qualität des Heftes achten. Es würde mich aber schon interessieren, wer hinter den entsetzten und verwunderten internationalen Stimmen steckt? Bin halt neugierig. Und Moment mal, Österreich? Internationale Presse? Dann ist die von mir erwähnte Kronenzeitung gar keine internationale Presse? Aber DER SPIEGEL würde dann zur solchen? Jetzt wird es konfus.

Vergessen wir den Blick ins Ausland, die verstehen ja eh nichts von Literatur. Weiter zur Autorin: Wer ist sie? Sie ist Österreicherin und trägt Kaschmirschals, haben wir bereits gelernt, und ich wiederhole mich, soweit so gut. Ach, und sie schreibt sinnloses, unflätiges Zeug wie: „Der Schwanz steht dem Mann, den sie hier sehen, immer noch, das tut er fast immer, super.“ Bah, man sollte sowas verbieten. Immerhin, die Aussage dieses Satzes ist „noch einfach. Das ist das Schwein, der Mann. Das Übrige ist komplizierter. Die Bilder ihrer Prosawerke, so raunt die Kritik, schlagen sich gegenseitig tot. Man könnte auch sagen: Alles verquirlt sich mit allem, Ressentiments, Psychogurren, surreale Arie, hassendes Lodern, Vulgarität.“ Mir wird ganz schwindelig. Stimmt das alles? Wäre erschreckend! Das mit dem Mann und dem Schwein leuchtet mir ein. Glück gehabt! Hätte Matthias Matussek dem Leser mitgeteilt, in welchem Buch dieser einfache Satz zu finden ist, ich für meine Person wäre wirklich überfordert gewesen. Der kommt doch sicher in diesem unflätigen Machwerk Lust vor, oder? Wie? Die hat noch andere Bücher geschrieben? Stimmt ja, dann aber in Die Klavierspielerin? Nicht? Ja, wo denn dann? Herr Matussek zählt keine anderen Prosawerke auf! Habe ich was überlesen? Wieviele hat die denn geschrieben? Die Gier nach Skandal trieb dieses Weib sicherlich zum Verfassen weiteren Schmutzes! Im Internet kann ich leider kein anderes Zitat mehr finden, zumindest nicht auf den ersten Seiten von Google.
Vielleicht wird ja im weiteren Artikel für Klarheit gesorgt? Frau Jelinek ärgert sich über das Lob eines anonymen Kultusministers, „aber das ist die dialektische Falle der Avantgarde seit Anfang des letzten Jahrhunderts. Ist es überhaupt Avantgarde?“ Was? Was ist Avantgarde? Das Jelinek? Oder die Texte Jelineks? Die Kunst Jelineks?

Setze ich mal voraus, dass Jelinek wirklich Avantgarde ist oder war, und dass das auch so stimmt, folgt schon meine nächste Frage: „Zunächst ist die Preisvergabe, keiner bestreitet das, ein Quotenurteil, stürmisch gefeiert von Alice Schwarzer und natürlich allen, die Jelinek unter Vertrag habe.“ Stimmt das? Ich bin verwirrt! Die Nobelstiftung behauptet es sei keine Quotenentscheidung gewesen. Das habe ich von der SPIEGELseite vom 07.10.2004:

Der Sprecher der Akademie, der Stockholmer Publizist Per Wästberg, hat die Vergabe des Nobelpreises an Jelinek als "wunderbar" bezeichnet. Wästberg sagte unmittelbar nach der Bekanntgabe: "Sie ist eine Autorin, die mit ihrem Zorn und mit Leidenschaft ihre Leser in den Grundfesten erschüttert." Jelinek habe dabei vor allem "die Konsumgesellschaft Österreich kritisiert, die nicht ihre eigene Vergangenheit aufgearbeitet hat". Jelineks Prosa sei ebenso einzigartig wie ihre Dramen. Die Akademie habe bei der Entscheidung nicht darauf gesehen, dass Jelinek eine Frau ist.

Nun gut, das kommt von den Leuten, die Jelinek den Preis aufs Auge gedrückt haben, aber da sind ja auch noch andere. Claus Peymann behauptet steif und fest, dass die Quote nichts mit der Entscheidung zu tun habe: "Ich bin zu Tränen gerührt. Das ist eine der besten Entscheidungen des Nobelpreiskomitees. Jeder irrt sich, wenn er meint, das war die Frauenquote.“ Was stimmt denn jetzt? Matthias Matussek schrieb doch wie oben zitiert, dass keiner es bestreiten würde, dass die Quote erfüllt würde. Und dann ist da noch die Sache mit dem Vertrag? Ich muss gestehen, dass ich das komisch finde. Warum „versprechen die 1,1 Millionen Euro einen ‚sorgenfreien Lebensabend’“, wenn Frau Jelinek bei so vielen Leuten unter Vertrag steht, ergo ein recht großes monatliches Einkommen haben wird? Wie ich darauf komme? In den Zeitungen kurz nach Bekanntgabe der Preisträgerin wurde schon viel gejubelt. Sind die alle gekauft? Jubelperser? Feministinnen oder - ich will es ja nicht hoffen, dass es sowas gibt - Feministen? Was ist mit den anderen Autoren? Schreibt Jelinek etwa auch noch für andere? Peter Handke bejubelte die Entscheidung des Nobelkomitees, und Günter Grass, ich erwähnte ihn bereits, schien mir ebenfalls nicht ganz abgeneigt zu sein? Wobei, halt! Bei Grass stellte ich bereits fest, dass der offensichtlich nicht weiß, mit wem er es zu tun hat. Der jubelt ganz unschuldig, müssen wir ihm verzeihen, nicht wissend wen er lobpreist. Man sollte ihm das mal sagen. Und wenn Handke sie unter Vertrag hat, warum gibt es Leute, die ihn als Nobelpreiskandidaten in Erwägung ziehen? Wenn wir wissen, dass seine Texte eigentlich von Jelinek sind bzw. sein könnten, sollten wir nicht vorsichtiger sein? Oder erledigt sie nur als Nebenerwerb seine Büroarbeit? Das hätte sich ja jetzt mit dem horrenden Preisgeld erledigt. Armer Handke, wo gute Bürokräfte doch so schwer zu finden sind!

Doch ich verliere den Faden, wo waren wir grad nochmal? Ach ja, Frauenquote. „Keine Avantgarde also, sondern eine ziemlich abgeklatschte Feminismus-Front“ - und erneut muss ich nachfragen: Wieso ist das jetzt denn keine Avantgarde mehr? Weil die Feminismus-Front in Form Alice Schwarzers sich freut? Avantgarde ist keine Avantgarde, wenn sie als Frauenquote in Preisverleihungen geehrt wird? Ist das so? Ich muss das nicht verstehen, es reicht, wenn Herr Matussek sich mit sowas auskennt. „Wenn man diesen Preis als Frau bekommt“, sagt Jelinek nach Matussek, „kann man sich nicht uneingeschränkt freuen.“ Im Folgenden: „Sie [die Quote] ist kunstfeindlich, und Jelinek selbst ist selbstkritisch-verzagt darüber.“ Ist es so arg um die arme Autorin bestellt? Muss man sich sorgen? Wird die feministische Front sie auffangen? Und wer ist eigentlich dieser wackere Kritiker-Kavalier, der sie tröstet? Ich konnte leider aus Herrn Matusseks Artikel nur erfahren, dass er für den Tagesspiegel schreibt. „Und da ist immer noch weit und breit kein Einziger auf dieser Frankfurter Party, der ‚Skandal’ ruft oder sich ‚Bruhahahaha’ auf die Schenkel klopft.“ Halt! Da waren wir gerade noch bei einem anonymen Retter vom Tagesspiegel und nun schon auf einer Frankfurter Party? Was für eine Party? Und warum Skandal? Und was ist Bruhahahaha? Ich werde das Gefühl nicht los, dass mir die Redaktion von DER SPIEGEL etwas vorenthält. Fehlt da gar ein Absatz? Gab es wieder Probleme mit dem Platz?

Wenn die britischen Stimmen bitter klängen, dann gäbe es nach Matussek einen guten Grund dafür: „Dieser Tage feierten die Feuilletons auf der Insel Graham Greenes 100. Geburtstag – ein weiterer Gigant, den die guten Menschen aus Stockholm übersehen haben, und Greene wurde 86 Jahre alt.“ Ich hoffe, dass ich nicht der Einzige bin, dem das langsam sehr abstrus vorkommt. Was hat denn jetzt der Greene damit zu tun? Er habe den Preis nicht bekommen, trotz seines hohen Alters, und die Stockholmer hätten ihn übersehen. Ja, schon verstanden, mir ist einfach nicht einsichtlich, was das tragische Schicksal des Vergessenen mit Jelinek zu tun hat. Es war bisher überhaupt nicht die Rede von den Vergessenen. War es doch? Ach, ganz am Anfang bei der Frage, wer sich ärgert: „Oder die, die wieder in die Röhre geguckt haben und sich zunächst fragen: Who is this Jelinek?“ Gut, ist wirklich nicht schön, wenn man Jahre wartet, mit 86 verstirbt und keinen Nobelpreis bekommen hat. Aber wie viele Wartende gab es denn seit der Verleihung des ersten Literaturnobelpreises? Einige, genau, und es liegt in der Natur der Sache, dass, wenn einer ausgezeichnet wird, sich ein paar andere wundern und ärgern. Ist die Folgerung aus der ganzen Misere nicht einfach, dass Preisverleihungen stets ungerecht sind und sie somit erst gar nicht abgehalten werden dürften?

Und dann sind ja noch diese herzlosen Leute da, die sich ohne an die armen Vergessenen zu denken, für den Preisträger freuen. Haben die überhaupt keinen Anstand? „In der deutschsprachigen Geisteswelt [...] kuschelt sich der ‚kritische’ und ‚intellektuelle’ Mainstream zusammen. Es ist ein Heimspiel. Man trinkt Wein aus Pappbechern und ist sich mit den Schweden und allen anderen halbwegs normal tickenden Menschen einig darüber, dass man gegen die Ausbeutung ist und gegen den Faschismus.“ Sollte man das nicht sein? Oder habe ich die Aussage dieser stelle einfach falsch verstanden? Geht es denn immer noch um die Vergessenen? Um dieser ganzen Sache rund ums Vergessen endgültig Einhalt zu gebieten, wäre es doch praktisch, Listen mit den Namen der Übergangenen zu veröffentlichen. Ohne schlechtes Gewissen ließe sich dann der Wein genießen. Vielleicht druckt man der Einfachheit halber diese Listen auf die Pappbecher?

Vergessen wir die Vergessenen für einen kleinen Augenblick und wenden uns ein weiteres Mal der Nobelakademie zu. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Herr Matussek mit einigen Vorurteilen und Befangenheiten den Blick gen Norden wendet. Gut, ihm gefällt die gesamte Urteilsbegründung der Akademie nicht. Er findet den schwedischen Österreichhass übertrieben, auch wenn er sich dem Grundtenor weitestgehend anschließen kann. Sehe ich das richtig? Wie ich darauf komme? Na, er schreibt schließlich: „Wer hasst Österreich nicht?!“ Beachten sie das Ausrufezeichen. Ich werte das als Zustimmung. Sollte ich meine Haltung zu Österreich - ich hasse dieses Land bisher noch nicht - grundlegend überdenken? Eine Antwort erhalte ich in Herrn Matusseks Text ebenso wenig, wie einleuchtende Antworten auf folgende Fragen:

  1. Warum hält der Autor die Stockholmer Preisbegründung für grauenhaft?
  2. Wie kommt Beyonce Knowles ins Spiel?
  3. Warum wissen alle Betriebsnudeln, dass „der Preis [in diesem Jahr] an eine thematisch ziemlich eingeengte Lieferantin von Theaterskandalen, wie sie routinierter nicht sein könnten und eigentlich nur noch Theatergreise wie Claus Peymann zappelig machen“, geht?
  4. Was sind „Betriebsnudeln“ und haben sie einen standardisierten Katalog an Betriebsnudel-Sätzen?

Selbstverständlich habe ich mir redlich Mühe gegeben, selbst auf die Antworten zu den eben gestellten Fragen zu kommen, aus Herrn Matusseks Ausführungen lassen sich diese leider nicht zufriedenstellend klären. Zwar kündigt er an, dass die „Preisbegründung [...], in ihrer ganzen Grauenhaftigkeit [es verdient hat] genauer unter die Lupe genommen zu werden,“ ich konnte aber das angekündigte unter die Lupe Nehmen im Artikel nicht finden. Ist es eventuell so, dass er den Leser dazu auffordert? Oder meint er etwa den knappen Diskurs über musikalische Flüsse von Stimmen? Ach, das kann ja eigentlich gar nicht sein. Herr Matussek nimmt nur in aller Kürze Bezug und dann auch nur auf einen einzigen Satz des Theaterstückes Raststätte oder Sie machen's alle. Sollte es tatsächlich so sein, dass Herr Matussek anhand einer Stelle („Kein Saft schießt ihnen in die Legebatterie, wo ihre Eier gelagert sind“) die Preisbegründung für ungerechtfertigt hält? Wenn, dann kann ich ihm beipflichten, möchte aber kurz anmerken, dass mir betreffendes Zitat sowie das gesamte Stück zur Analyse des Sprachflusses nicht wirklich geeignet erscheint. Tatsächlich, in Raststätte wird sprachlich wenig geflossen, aber zum Beispiel im Sportstück, in Stecken, Stab und Stangl, Burgtheater oder Macht nichts – Eine Trilogie des Todes sind angeblich einige zitierbare Stellen. Habe ich zumindest gehört.

Gänzlich unklar ist mir der Zusammenhang zwischen Elfriede Jelinek und Beyonce Knowles, dem angeblichen Girlie. Ich frage mich, ob Beyonce Knowles wirklich ein Girlie ist. Habe das immer so verstanden, dass die ganze Girliebewegung, wenn es denn wirklich eine gab, spätestens mit der Auflösung der Spice Girls in Vergessenheit geriet und ihr Ende fand. Irre ich mich? Und wenn ich schon in diesem Absatz bin, findet der Autor oder zumindest die Redaktion des DER SPIEGEL es nicht auch ein wenig anmaßend, die werten Herren und ja auch Damen der Nobelakademie als „Pfeifen rauchende [...] Breitcordhosen“ zu bezeichnen? Wenn Herr Matussek schon nicht auf diesen Satz verzichten wollte, warum hat ihn niemand davon abgehalten, das Wort „Betriebsnudeln“ zu verwenden? Ich gebe ungern zu, dass ich mitunter auch andere Publikationen auf dem deutschsprachigen Zeitungsmarkt kaufe, lese oder überhaupt kenne, aber ich glaube, dass solche Unverschämtheiten es niemals in eine Ausgabe der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit gebracht hätten. Derartige Feuilleton-Flegeleien stehen dem DER SPIEGEL wirklich nicht gut zu Gesicht. Eine Frau Radisch hat dort ebenfalls eine nicht allzu begeisterte Besprechung veröffentlicht, aber irgendwie schien die mir gemäßigter und sachlicher zu sein. Ich muss mich schon sehr wundern.

Wie kommt es zu der Schärfe Herr Matusseks? Hat er eine Rechnung mit Stockholm offen? Weil sie nicht Philip Roth, sondern Elfriede Jelinek zum Preisträger gemacht haben? Wenn dies die Verfehlung ist, die Herrn Matussek derartig schäumen lässt, was würde passieren, wenn jeder glühende Anhänger eines vergessenen Autoren so harsch an seine Berichterstattungen herangehen würde. So schnell wird Herr Roth hoffentlich nicht versterben, als dass sich ihm nicht noch einige Chancen auf die begehrte Auszeichnung böten. Vielleicht klappt es im nächsten Jahr, man soll die Hoffnung nie aufgeben. Ich gebe gerne zu, dass ich Der menschliche Makel ebenfalls mit einiger Freude gelesen habe, aber noch ist ja nicht aller Tage Abend und ich für meine Person würde es ihm von Herzen gönnen. Toi, toi, toi.

So nebenbei, Herr Matussek irrt sich, wenn er glaubt, dass Roths letzter Roman Der menschliche Makel war. 2001 erschien ein weiterer: The dying animal. Wurde sogar schon übersetzt und veröffentlicht. Ich glaube, im letzten Jahr. Unter dem Namen Ein sterbendes Tier, vielleicht gefällt Herrn Matussek dieser Roman ja genauso gut, nur so als Anmerkung. Und wenn er den aushat, könnte er sich auch nochmal an Jelineks Werke trauen. Offensichtlich hat ihm Lust ja so schlecht gefallen, dass er sich nie wieder an ein Jelinek-Buch wagte. Warum? An der Klavierspielerin hatte er doch seine Freude, so klingt es zumindest. Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass er Lust nur so nebenbei, vielleicht sogar auf die Schnelle gelesen hat. Na, kann das sein? Hand aufs Herz. Oder ist er gar auf den Untertitel Ein Porno hereingefallen? Ja, ja ... ist mir auch passiert. Da kauft man sich ein Buch Namens Lust - Ein Porno, und was bekommt man zu lesen? Harte Gewalt und zerrüttete Beziehungen. Da vergeht einem wirklich die Lust. Nein, mit einem Porno hat das reichlich wenig zu tun. Und die Frau kommt ja auch so schlecht weg bei der Sache. Dummes Ding, dabei hätte sie doch so viele Chancen gehabt, aus der Horrorehe auszubrechen. Mir wurde erzählt, dass es in einem anderen Buch Jelineks noch viel ärger um die armen Frauen bestellt ist und sie nur den Männern hinterherhecheln. Warum schreibt die Jelinek denn sowas? Sie ist doch angeblich so eine eifernde Feministin. Wie diese Löffler! Die ist der Jelinek ja „naturgemäß völlig einverständig“. Immer dasselbe mit diesen Feministinnen. Reden fortwährend von der Gewalt des Mannes gegen die Frauen und klingen wie „der Deutschunterricht Sekundarstufe II, der wasserdichte linke Kanon“. Recht so, die Linken verwässern uns doch andauernd die ganze Kultur. Wie sollen junge Autoren auch anders schreiben lernen, wenn sie in der Schule nur so ein Zeug lesen müssen. Alles eine Masche zur Unterwanderung der deutschen Kultur. Wo kann man denn diesen linken Kanon finden? Wäre ja gut wenn man den mal gelesen hat um andere vor ihm und den Werken zu warnen. Eigentlich ist es schon ganz richtig, dass Jelinek gezwungen wurde unter „der feministischen Zensur wie Heiner Müller unter der Stalinistischen“ zu operieren. Ich traue mich ja kaum zu fragen, aber was ist eine feministische Zensur? Zensieren da die Feministinnen? Wie ich darauf komme? Ja, wenn Heiner Müller unter stalinistischer Zensur operieren musste, dann schließt sich doch aus dem Sprachgebrauch Matusseks, dass Jelinek von den Feministinnen zensiert wurde, oder? Das wäre eine ganz gemeine Frechheit. Wo die sich doch so für die Sache Feminismus einsetzt. Also, so gerecht muss man schon sein, auch wenn man die nicht mag, oder? Ich wunder mich dann aber, warum die Feministinnen eine Front bildeten und diese Preisvergabe begrüßten? Komisch diese Frauen. Und wenn das alles nur ein Bluff der Feministinnen war und Jelinek gar nicht zu ihnen gehört? Dann wäre sie doch wieder der Avantgarde zuzurechnen, oder?

Und bevor ich es vergesse, mir wird das mit den Feuilletons immer rätselhafter. Warum wird denn von „alle[n] Feuilletons [...] Jelineks Quoten-Nobelpreis nun augenzwinkernd damit geadelt, dass er wenigstens die Österreicher zu einer Art Selbstbeschäftigung, zu einer zweiten Art Entnazifizierung führen werde“? Ich dachte, und so wurde mir das von Herrn Matussek auch erklärt, dass „der Preis [in diesem Jahr] an eine thematisch ziemlich eingeengte Lieferantin von Theaterskandalen“ geht. Wenn ich mir das alles nochmal vor Augen rufe und Revue passieren lasse, sehe ich es doch richtig, dass Frau Jelinek fast nur über Frauenprobleme und böse Männer schreibt. Wieso kommt plötzlich die Entnazifizierung Österreichs mit rein? Okay, Nazis sind nicht nett und haben auch ein komisches Frauenbild, aber ist es nicht übertrieben, in den Schwierigkeiten zwischen den Geschlechtern sofort eine Naziproblematik zu sehen? Wie kommt das zustande? Setzen sich andere Werke Jelineks etwa mit Geschichtsaufarbeitung auseinander? Mit sozialen Problemen in Österreich? Mit einer korrupten Staatsführung und ähnlichem? Ist das etwa so? Ach, stimmt ja, Herr Matussek kommt kurz vorm Ende tatsächlich auf politische Motive in Jelineks Werken zu sprechen. Wäre das nicht löblich und wünschenswert wenn die mehr über sowas schreibt? Herr Matussek findet das offensichtlich nicht, und angesichts des folgenden Zitates sollte er seine Gedankengänge wirklich noch einmal ordnen, ich finde gerade folgende Textstelle mehr als bedenklich:

Als hätte die Welt keine anderen Sorgen, als den abgewirtschafteten Krakeeler Haider zu bekämpfen! Im Übrigen: Warum sollten diese paar antisemitischen Idioten Beschimpfungen über sich nachlesen wollen?

Will uns Matthias Matussek wirklich sagen, dass es nicht notwendig ist, rechten Strömungen Einhalt zu gebieten? Ich halte auch „diese paar antisemitischen Idioten“ für brandgefährlich. Ach ja, und wenn Herr Matussek es wirklich nicht für nötig hält, derartige Themen literarisch anzugehen, was Jelinek ja angeblich auch gar nicht macht - wir erinnern uns an vorangegangene Aussagen über diese thematisch eingeengte Autorin -, sollte er wohl nicht ganz so laut als Fürsprecher Philip Roths auftreten. Der läßt seinen Roman Der menschliche Makel auch um ähnliche Themenkomplexe kreisen. Übrigens, ebenfalls den nächsten, wie Herr Matussek im letzten Absatz seines Artikels bemerkt. Dort freut er sich auf das neue Werk Roths, „in dem er die düstere Vision einer Supermacht entwirft, die ihre Gesellschaft gleichschaltet und faschistisch ausrichtet“. Wunderlich, soll ich nun Literatur über faschistische Tendenzen ablehnen, oder befürworten. Ich bin ratlos und komme zum Schluss, dass sie wünschenswert ist, wenn sie aus der Feder eines Mannes stammt und das Schlagwort Faschismus an einer Weltmacht abgearbeitet wird. Schreibt eine Frau darüber und begnügt sich mit Kritik an einem Alpenländchen, sollte sie möglichst nicht mit Preisen ausgezeichnet werden. Das soll mal einer verstehen.

Übrigens, wer ist eigentlich dieser Marcel Reich-Ranicki? Nach der Lektüre seines Kommentars (leider nicht online) blieben überhaupt keine Fragen offen. Das klang alles so schlüssig, sachlich und reflektiert. Muss denn sowas veröffentlicht werden? Das macht dem Leser ja überhaupt keine Arbeit. Wer interessiert sich schon für sachliche Kritik?

Mit fragenden Grüßen
Frank Auffenberg

addendum: Übrigens regt man sich auch an anderer Stelle kräftig über Matusseks SPIEGEL-Artikel auf... [Marcel Diel]

Ob polemisch grossartig oder

Ob polemisch grossartig oder trottelig - Wer Elfriede Jelinek nicht kennt könnte auch einfach mal die Fresse halten. Danke.

Ja, ich dachte mir, dass man

Ja, ich dachte mir, dass man auf so einen tinef nur polemisch trottelig antworten kann. ich schicke denen das gleich mal rüber und bin gespannt. lach.

 

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