Ein Sommer mit Kikujiro

Japan-Liebhaber Manfred Poser hat ein Buch von und über Takeshi Kitano entdeckt

Kitano par Kitano (Cover; Ausschnitt)Noch vor Sommerbeginn las ich in einem Satz die vielen Sätze des Buches Kitano par Kitano, in diesem Jahr bei Bernard Grasset in Paris erschienen. Dann legte ich es auf einen Stapel, und immer wenn ich vorbeikam, fiel mein Blick auf Takeshi Kitanos Gesicht auf dem Titelbild: Er hält sich das linke Auge zu und trägt eine unergründliche Maske zur Schau wie der blinde Masseur Zatoichi in seinem Film von 2003. Der französische Journalist Michel Temman lebte zufällig in Kitanos Nähe und unterhielt sich über vier Jahre hinweg mit ihm; daraus wurde dieses Buch ...

 

Ein japanisches Arbeitstier

»Kitano über Kitano« wäre der deutsche Titel. Der japanische Fernseh- und Regiestar erzählt in dem Buch auf 300 Seiten aus seinem Leben und von sich. Takeshi Kitano ist seit 30 Jahren der populärste Künstler seines Landes, leitet wöchentlich ernsthafte Talkshows, Kitsch-Revuen und Satire-Sendungen. Er hat 15 Filme gedreht, von denen Hana-Bi 1997 den Goldenen Löwen in Venedig erhielt, Zatoichi den Silbernen. Im Anhang des Buches sind 100 Werke aus der Feder seines Fernseh-Egos »Beat Takeshi« aufgeführt, vermutlich die Dialoge und Monologe seiner Sendungen, denn wären es »echte« Bücher, hätten wir es mit einem Übermenschen zu tun. Dennoch ist Kitano ein japanisches Arbeitstier – aber ein spezielles, das morgens in Shorts und Sandalen in seinen Rolls-Royce steigt, um sich ins Studio fahren zu lassen. Kitano par Kitano (Cover)Kitano ist der Familienname, Takeshi der Vorname; diese Klärung ist wichtig, weil der Regisseur in Japan »Kitano Takeshi« heißt. Die Japaner nennen den Nachnamen zuerst. Darum treten diese Probleme mit Kenzaburo Oe oder Oe Kenzaburo auf, mit Kohei Oguri und Oguri Kohei. Da wir nicht viele japanische Vornamen kennen, können wir nicht spontan sagen, ob wir es mit der europäischen oder der japanischen Version zu tun haben. (Auch die Ungarn nennen übrigens den Nachnamen zuerst, was in Italien und Deutschland früher auch häufiger war.) Während ich dies schreibe, läuft im Hintergrund Kikujiros Sommer, Kitanos zauberhafter Film aus dem Jahr 1999. Das Klaviermotiv im Hintergrund könnte einen zu Tränen rühren. Ein achtjähriger Junge hat Schulferien, langweilt sich und will seine Mutter suchen. Ein etwas ungehobelter, aber gutmütiger Tunichtgut (Kitano) hilft ihm und versucht unermüdlich, den Kleinen zu unterhalten. Es ist ein poetisch gestalteter Bilderbogen mit komischen Leuten und komischen Szenen, und es wird ein legendärer Sommer, obgleich der Junge seine Mutter nicht findet und die Mutter seines Freundes in einem Altenheim aus dem Fenster starrt. Als sich die beiden trennen, fragt der Kleine: »Signoree, ma come ti chiami?« Wie heißt du? – »Kikujiro, scemo (Dummerchen)!« Kikujiro hieß Kitanos Vater. In Italien lief der Film einmal im Nachtprogramm auf Rai tre, darum habe ich ihn auf Italienisch, aber in Schneesturmqualität, weil ich damals nur die ersten beiden Programme gut empfing. In Europa sind die Italiener übrigens die größten Kitano-Fans. Nicht umsonst stammen seine beiden größten Ehrungen von den Filmfestspielen in Venedig. Frankreich ernannte ihn dieses Jahr zum »Commandeur des Arts et Lettres«. Das sind Länder, in denen das Kino etwas gilt. Wenn es um Kitano geht, wird es immer gleich lustig (und welche Träume ich nach dem Schreiben hatte!). Japanische Filme! Mit Stolz muss ich vermerken, dass es dem Film Umoregi (2005) des 1945 geborenen Kohei Oguri als einzigem gelang, die stets präsente Giovanna Braghetti in einem St. Galler Kino in eine Tiefschlafphase zu versenken. Dabei wusste sie nicht, dass es einen noch meditativeren Oguri-Film gibt, Nemuro Otoko (Sleeping Man, 1990): Die Kamera betrachtet einen Bewusstlosen.

 

Sein Leben, davor und danach

Takeshi Kitanos Filme sind unterhaltsamer, und langsam sollte ich von ihm sprechen. Geboren ist er am 18. Januar 1947 im Tokioter Viertel Andachi. Über seinen Vater Kikujiro meinte er: »Ich sagte nie ein Wort zu meinem Vater. Er sagte nie etwas zu mir.« Als junger Mann verdiente er sich im Vergnügungsviertel Asakusa seine Sporen als Komödiant oder »Manzaïshi«: Manzaï ist eine kabarettistische Dialogform zwischen einem ernsten und einem komischen Darsteller, dem tsukkomi und dem boke. Kitano erfand sich hier als »Beat Takeshi«: seine zweite Identität.

Szene aus »Kikujiros Sommer«
Szene aus »Kikujiros Sommer«

In seiner Kindheit erlebte er Angehörige der Yakuza mit, der japanischen Mafia. Der Gedanke der »Familie« muss ihm gefallen haben, denn seit er populär ist, seit 1983, umgibt er sich mit seiner »Gundan« (Schwadron), einer auf ihn eingeschworenen Truppe unter Führung von Masayuki Mori. 1989 drehte er endlich seinen ersten Film, Violent Cop. Der nächste, A Scene at the Sea (Das Meer war ruhig, 1991), war ein Werk über einen stummen Surfer. Kids Return und Hana-Bi sind sehr gewalttätige Filme, wie übrigens auch Zatoichi, wo das Blut nur so spritzt. Aber die Melancholie seiner Filme überdeckt die Gewalt, und Werke wie Dolls und Kikujiros Sommer sind echte Kunstwerke, zeremoniell und majestätisch in Szene gesetzt.

Takeshi Kitano spricht auch über seine Vorlieben und sein Land. Er erwähnt seine Liebe zu Afrika, das er nie besucht hat, er kritisiert die Lethargie der japanischen Filmindustrie, die nur wenige Filme im Jahr produziert, und den Verlust der kulturellen Identität. Japan ist ein hochtechnisiertes Land, in dem Zen-Teezeremonien, Schwertkunst und Bonsai nurmehr eine marginale Rolle spielen. Immer wieder kommt er auf seinen schlimmen Unfall vom 2. August 1994 zurück, als er 47 Jahre alt war. Manche Menschen schaffen es, durch Selbstbeobachtung und Geduld aus einer Sackgasse in ihrem Leben herauszukommen. Bei Kitano, der ständig unter Strom stand und sich durch sein Leben pflügte, war eine Wendung wohl nur unter dramatischen Umständen möglich. Er sei damals, sagte er, überarbeitet gewesen und habe das Gefühl gehabt, sich im Kreis zu drehen. »Ich suchte bei den anderen etwas Neues und fand nichts. [...] Ich wusste, dass irgendetwas in mir zerbrochen war.« Der Film Getting Any? war ein Flop. Das Thema des Todes verfolgte ihn, und in Sonatine ist das deutlich zu sehen.

Szene aus »Kikujiros Sommer«
Szene aus »Kikujiros Sommer«

Morgens um drei Uhr jagte er mit seinem Scooter los und prallte an einen Randstein. Er selber meinte, er habe kurz vor dem Aufprall noch einmal »Go!« geschrien und Gas gegeben. Er hatte seinen Helm nicht festgezurrt. Sein Gesicht war völlig entstellt, und er schwebte in Lebensgefahr. Den Ärzten gelang es, den früheren Kitano wiederzubekommen. Er verlor allerdings ein Auge, leidet seither unter Schmerzen und Gesichtszuckungen und zieht ein Bein nach. Dieser Unfall teilt das Leben Takeshi Kitanos in ein Vorher und ein Nachher.

In Hana-Bi setzte er sich nachher nochmals mit dem Tod auseinander – und akzeptiert ihn, wie er es auch im letzten Kapitel des Buches tut, das von seinem Verhältnis zum Tod handelt (La mort dans l’âme). Nach dem Tod bloß nicht reinkarniert werden, ist sein Wunsch wie der vieler Asiaten. Der Tod ist ihm nun vertrauter, er deprimiere ihn nicht, sagt er. Dann äußert er aber auch, er verstehe nicht, wieso er überlebt habe. Er denkt an die lange Traumserie, die er im Krankenhaus hatte, und meint: »Es ist ein bisschen so, als wäre alles um mich herum nichts als ein Traum gewesen. Vielleicht wache ich endlich auf?« Lassen wir Takeshi Kitano noch ein paar Sätze sprechen:

»Einige meiner Landsleute halten mich für einen Außerirdischen. Andere behaupten, dass ich verkehrt herum denke. [...] Manche denken vielleicht, ich sei auf dem Höhepunkt meiner Karriere. Was mich angeht, so habe ich vor allem den Eindruck, beim Kino einen Misserfolg auf den anderen zu häufen und jedes Mal, wenn ich im Fernsehen auftrete, ein Verbrechen zu begehen. Aber Humor zu verbreiten, sogar Trash, ist das einzige Mittel, das ich gefunden habe, um in diesem Land ein freier Mann zu bleiben.«

 

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