Ein Soundtrack für Berlin

Das Debütalbum des Seeed-Frontmanns Peter Fox
Peter Fox: »Stadtaffe« (Cover)
Peter Fox: Stadtaffe (Cover)

»Guten Morgen, Berlin! Für Sie am Mikrofon: Peter Fox.« So oder so ähnlich könnte sich das nicht vorhandene Intro von seinem neuen Album anhören. Nach drei erfolgreichen Alben mit seiner Band Seeed lädt er nun zu einer kommentierten, musikalisch untermalten und teilweise sehr persönlichen Führung durch die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland ein. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Berlin durch Stadtaffe, das Solo-Debüt des Seeed-Sängers. »Ich kaufe mir Baumaschinen, Bagger und Walzen und Kräne. Stürze mich auf Berlin und drück auf die Sirene.« Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor? »Dickes B, oben an der Spree«? Der neue Sound, fernab von Seeed, verzichtet weitestgehend auf Rootsreggae und setzt stattdessen auf groß inszenierte Streicherszenarien, die die 12 abwechslungsreichen Songs des Albums unterlegen. Und auf dem ersten Blick scheint es wirklich als wäre Alles neu, wie bereits der erste Titel des Albums heißt.

Peter Fox, bürgerlicher Name Pierre Baigorry, fängt mit sechs Jahren an Blockflöte zu spielen. Wenig später besinnt sich der gebürtige Berliner eines besseren und steigt auf Klavier um. Ob solche frühkindlichen Klassik-Anwandlungen wohl Spuren hinterlassen? Im Fall von Peter Fox scheint es so. Dass er nach seinem Schulabschluss eine Ausbildung als Klavierbauer beginnt, ist dabei nur der Anfang. Die erfreulichen Spätfolgen zeigen sich beim Hören von Stadtaffe. »Filmmusik zum Tanzen« – so der Kommentar des Reggae-Artisten über seine neue CD. Stadtaffe wurde mit dem Babelsberger Filmorchester eingespielt, dessen imposanter Streichersound sich durch das ganze Album zieht. »Auf E-Gitarren steh ich nicht so, denn zu dem Thema ist irgendwie schon alles gesagt. Schlagzeug und Orchester liefern die komplette Musik und damit einen ganz eigenen Sound, der intensiv, fett und dabei gleichzeitig filigran ist.« Stadtaffe ist ein Konzeptalbum im weitesten Sinne, da die Musik schon vor den Texten entstand. Herr Fox war hier eher Produzent als Artist, ursprünglich sollten die Gesangsparts von Cee-Lo Green beigesteuert werden, der bereits aus dem Lied Aufstehen von Seeed mit Fox zusammengearbeitet hatte. Ein Glück, dass diesem der Erfolg seines Projektes Gnarls Barkley dazwischen kam, sonst müssten wir bei Stadtaffe auf wunderbare deutsche Reimkunst verzichten. Wer sonst, außer Peter Fox, könnte so herrlich zum Ausflippen auffordern, indem er »Gepäck« auf »Bug und Heck« reimt und diese dann schüttelnd sehen will? Nicht nur das allgegenwärtige Orchester legt den Bezug zur Filmmusik nahe, Stadtaffe ist ein Soundtrack über das Leben, Lieben und Feiern des Peter F. in der Hauptstadt Berlin. Schwarz zu blau ist eine wunderbare Hommage an seine Stadt und beschreibt »müde Gestalten im Neonlicht mit hässlichen Falten im Gesicht« und Berlin, wie es nach einer durchzechten Nacht, langsam wieder aufwacht. Eine Szenerie, die der Seeed Sänger schon des öfteren erlebt haben muss, Schwarz zu blau ist sein Liebeslied an eine dreckige Stadt, die er trotz allem zum Atmen braucht. Über das, was vor dem melancholischen Erwachen geschieht, vermitteln die Songs Der letzte Tag, Fieber und Lok auf zwei Beinen einen sehr guten Eindruck. Fox lässt es ordentlich krachen und ist »gut drauf wie ne Horde Kinder ohne Aufsicht«. Hier strömen partytaugliche Beats aus den Lautsprechern – frei nach dem Motto: »Reich mir dein Glas, es könnte voller sein!« Aber es war nicht nur die Musik allein, die dazu beitrug, dass Peter Fox schlussendlich Blockflöte und Klavier verbannte und stattdessen zum Mikro griff: »Männer wollen immer Schlagzeug, Gitarre oder Bass spielen. Zumindest bei uns war das so. Später merkte ich, dass Singen bei den Bräuten sehr gut ankommt und dann fand ich’s natürlich auch geil!« Die Bräute also! Dass es mit ihnen – auch für einen Sänger – nicht immer einfach ist und dass Peter Fox auch ruhigere Töne anschlagen kann, zeigt der Song Ich Steine, du Steine, der trotz Cee-Lo's einfühlsamer Stimme, auf englisch sicherlich nicht halb so gut funktioniert hätte. Sätze wie »Du hast gekocht, es gab Steine. Die liegen jetzt in meinem Bauch«, wirken auf deutsch einfach viel stärker. Ein schönes Debüt, das beim ersten Durchskippen der Lieder bei einem ungeduldigen Hörer vielleicht noch nicht überzeugen kann, wer sich aber ein weinig Zeit nimmt, wird mit einem herrlichen Soundtrack zum Leben des Peter Fox' und seiner Stadt belohnt. Peter Fox: Stadtaffe. Warner Music Group Germany, 2008. Ca. 43 Min. Spielzeit. Ca. 15,– Euro.

 

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