Ein stumpfes Messer

Slut: »Songs aus Die Dreigroschenoper von Kurt Weill/Bertolt Brecht«

Slut: Songs aus Die DreigroschenoperDie Dreigroschenoper: 78 Jahre ist es her, dass das berühmteste Stück Bertolt Brechts uraufgeführt wurde, und noch immer ist es für viele Theater- und Opernliebhaber mit einem Namen verbunden: Lotte Lenya. Die legendäre Sängerin und Schauspielerin prägte das dramatische Werk Brechts und seines Komponisten Kurt Weill wie keine andere. Jetzt tritt die Band Slut aus Ingolstadt, allen voran Sänger Christian Neuburger, in ihre Fußstapfen – oder besser gesagt: in ihren Schatten. Slut, die mit ihrem alternativen Rock-Pop (wenn man diese in sich widersprüchliche musikalische Einordnung mal gelten lassen möchte) seit 1996 fünf Platten aufgenommen haben und mal mehr, mal weniger Erfolg hatten, haben sich mit dem Theater ihrer Heimatstadt zusammengetan, um eine aufgepeppte Version des gesellschaftskritischen Stückes aufzuführen. Von Oktober 2005 bis Januar dieses Jahres wurden 40 ausverkaufte Vorstellungen gegeben, und Slut ließen es sich nach diesem Erfolg nicht nehmen, ihre Interpretation der Dreigroschenoper im Studio aufzuzeichnen. Die New Yorker Weill Foundation, ebenso wie Brechts Erben dafür bekannt, mit Veröffentlichungsrechten eher zu geizen, verbot der Band allerdings, alle 13 Lieder herauszubringen. Deshalb liegt nun also eine kleine EP mit fünf Songs aus dem Bettlerdrama vor: »Die Moritat von Mackie Messer«, »Seeräuberjenny«, der »Kanonensong«, das »Eifersuchtsduett« und das »Zweite Dreigroschenfinale«. Das ganze Gezänke zwischen Slut bzw. ihrer Plattenfirma Virgin Records und der Weill Foundation hätten eigentlich nicht sein müssen, denn die CD ist kaum der Rede wert. Slut spielen, wie sie immer spielen, mit satten Gitarren, einem kräftigen Schlagzeug und einem Sänger, dessen Stimme keinen wirklich markanten Ausdruck hat. Nicht dass das ein Minuspunkt für die Band ist – frühere Alben von Slut sind für deutsche College-Rock-Punk-Pop-Standards wirklich gut –, aber zwischen Studentenunterhaltungsrock und dem Musiktheater von Brecht/Weill liegt doch ein beträchtlicher Unterschied. Mackies Messer ist stumpf, Jenny Towler wäre wohl kaum mit dem Messer in der Brust gefunden worden, wenn jemand versucht hätte, es mit der nicht vorhandenen Intensität von Neuburgers Stimme in sie hineinzubohren. Vielleicht ist das aber auch ein Stilmittel, vielleicht soll dieser lakonische Gesang erst recht den zynischen Inhalt der Lieder deutlich machen? Nein, dafür hören sich diese fünf Lieder viel zu sehr nach Slut an, nach dem, wie sie schon immer Musik gemacht haben. Nach nicht einmal 20 Minuten ist man schon gelangweilt von dieser Brecht/Weill-Interpretation und im Grunde fast erleichtert darüber, dass es den Ingolstädtern nicht erlaubt war, mehr davon zu veröffentlichen. Und doch findet sich unter den fünf Songs ein Lichtblick: der Song von der Seeräuberjenny. Die Version von Slut klingt im Gegensatz zu den anderen vier Stücken weder uninspiriert noch ideenlos oder glatt. Aber ist das die Leistung der Band oder die der Vorlage? Das Intro beginnt mit einem schmutzigen, leicht verzerrten Bass, das »lumpige Hotel«, in dem Jenny arbeitet, wird durch die Musik vor dem inneren Auge des Zuhörers sichtbar. Auch insgesamt verleiht die Musik dem düsteren Text einen beinahe würdigen Rahmen. Doch Lotte Lenya – man muss es doch nochmal betonen – hat das schon vor Jahrzehnten mit ganz anderer Musikbegleitung besser hinbekommen: mit blecherner Stimme und rumpelnder Begleitkapelle, die den passenden, absichtlich schäbigen Sound zum Ambiente des Stückes erzeugt. Aufgebaut sind beide Versionen ganz ähnlich. Vor allem in der letzten Strophe, Jennys Vision der von ihr angeordneten Massenhinrichtung, wird es still. Aber gerade an dieser Stelle, wo die Musik sich so weit zurücknimmt, kommt alles auf den Gesang, die Intonation an. Scharf, schneidend und böse wirkt hier Lotte Lenyas Stimme, ganz im Gegensatz zum Gesang Christian Neuburgers, der schon eingeschlafen scheint, bevor der erste Kopf unter der Axt der Piraten gefallen ist. Schade, dass diese an sich interessante Idee, die Stücke von Brecht und Weill in moderne Popmusik zu überführen, nicht funktioniert hat. Dass dies funktionieren kann, weiß jeder, der den »Alabama Song« aus Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny in der Interpretation der Doors gehört hat. Aber gut, das waren schließlich auch die Doors und keine deutsche Provinzband. Slut haben die Dreigroschenoper nicht neu erfunden – nur mittelmäßig und kaum erwähnenswert gecovert.

 

Slut: Songs aus Die Dreigroschenoper von Kurt Weill/Bertolt Brecht. Virgin/EMI 2006. Ca. 20 Min. Spielzeit. Ca. 6,80 Euro. Slut im Internet: www.slut-music.de

 

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