Eine Reise zum Mittelpunkt des Zynismus

Thomas Bernhard lebt!

Alexander Schimmelbusch hatte einen Bedarf im Kopf. Die Murau Identität, ein Buch über Thomas Bernhards vorgespielten Tod und sein sich nahtlos anschließendes Aussteigerleben auf Mallorca sollte eine Marktlücke füllen. Denn seit Bernhards Tod und dem zugleich einsetzenden, Österreich weiten Aufführungsverbot gab es Bedarf an einem Nestbeschmutzer. Doch hat Schimmelbusch dabei Chancen verspielt, meint die Wiener Zeitung. Dort hätte man sich Hasstiraden gegen Koch- und Ratgeberbücher aus dem Mund eines fiktiven Thomas Bernhard gewünscht. Es sei doch auch eher eine Parodie auf den frühen Christian Kracht und keineswegs »bernhardesk«, so die ZEIT. Schön und gut, wieder ein hippes und kurzweiliges Popbuch. Doch ist das alles?

Post-pop trifft auf potente Moderne

Der Protagonist, wie der Autor Mittvierziger, österreichischer Staatsbürger und Journalist mit Namen Alexander Schimmelbusch, erwacht in seiner Wohnung im 6. Bezirk aus einem Rausch von Rotwein und Kokain, das er von einem adretten Hinterteil in seinem Bett geschnupft hatte. Er ist pleite, denn seine Latte-Macchiato trinkende und Reitstiefel tragende Exfrau ist vermutlich wieder zurück in Faserland und hat ihn mit einer unangenehmen Kastrationsfurcht zurückgelassen. In den Händen hält er etwas, das seine finanzielle Bedrängnis für immer tilgen kann: Die Aufzeichnungen von Suhrkamps Siegfried Unseld, also die Reiseberichte von Thomas Bernhards Verleger über Besuche in dessen ›Huevo del Lobo‹, wo das österreichische enfant terrible mit seiner mandeläugigen Gattin Esmeralda seit seinem Verschwinden 1989 lebt. Die beiden haben einen Sohn. Esteban, erfolgreicher und vaterkomplexbehafteter Spross der Generation Y, den Schimmelbusch sogleich in New York aufsucht:

Als Esteban eintrat, konnte ich gerade noch ein Prusten unterdrücken, jetzt sah ich die Ähnlichkeit: Er war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, nur sah er viel besser aus, allerdings auf eher unseriöse Weise, als habe man Thomas Bernhard mit Julio Iglesias gekreuzt – oder mit Zorro sogar.

Die beiden haben eine höchst unzufrieden stellende Männlichkeit gemein und betrinken sich sogleich in Angedenken an den großen Egomanen, der ihnen so auf den Hormonspiegel drückt. Während Esteban im Schatten der Nummernkonten und Scheinfirmen des Vaters lebt, kreisen die Aufzeichnungen des Protagonisten vermehrt um die markante bernhardsche Rhetorik, ohne sie ganz fassen zu können. Es scheint zunächst als ringe Post-Popliteratur mit einem ihrer Väter, seinerseits noch vollkommen in der literarischen Moderne versunken. Das Signifikantenspiel der Marken und Orte auf der einen Seite wird durch den psychologisierenden und kulturverachtenden Jargon Thomas Bernhards eigenartig angereichert. Durch dieses Vexierspiel mit dieser berühmten Sprache ergeben sich die vielfältigen Ebenen der Ironie, die Die Murau Identität auszeichnen. Die Referenzen auf den österreichischen Bühnenautor und bekennenden Verächter Österreichs fungieren dabei als Folie für halbernste Generations- und Sexualitätskonflikte, durch die immerzu ein hipper Zynismus schimmert.

Nach ein paar Gläsern habe sein Vater mit dem Monologisieren begonnen, auf Autopilot, über irgendwelche Phänomene der Gegenwart, um die Distanz zwischen ihnen unter den Tisch zu kehren, die verschwiegenen Konflikte, nicht zuletzt auch die Existenz des Buches, an dem sein Vater seit über einem Jahrzehnt arbeitete, auf dem Roman stehen, obwohl es sich wieder mal um eine Art Autobiographie handeln werde, wie ihm der Alte im Elaine’s verraten hatte, in einem unvorsichtigen Augenblick der Selbstzufriedenheit.

Zu der Schmach der unsicheren nachwachsenden Generation kommt, dass Bernhard auf einmal so verdammt potent ist. Vergessen ist der asexuelle und eher misogyne Ton seiner Werke. Das mallorquinisches Aussteigerleben ist gefüllt von Frauen, die allesamt exotisch, wild und willig sind: »›My God, you’re dead, aren’t you, you’re dead‹, sagte Lauren, ›we actually ran your obituary. You’re dead, aren’t you? Oh my God, drink my blood, please.‹« Bernhard mutiert so zum Popgott im besten Sinne des Wortes.

Nationales Heiligtum des Zynismus

Nicht nur in Die Murau Identität ist Bernhard längst ein großes Idol geworden, scheint der Roman selbstreflexiv sagen zu wollen. Vergessen all die Schmach, die von der Bühne des Wiener Burgtheaters zum Bedenkjahr heruntergeschrieen wurde, der Vorwurf des Antisemitismus, den das Wiener Publikum zur Uraufführung von Heldenplatz getroffen hatte oder der Prozess um Holzfällen. Nach Bernhards Tod ist nun die katholisch-nationalsozialistische Sonne wieder zu einer österreichischen geworden, die mit Wohlwollen auf das nationale Kulturgut scheint: »Dies vor allem deshalb, da in den letzten Jahren, Bernhard betreffend, ein typisch österreichischer Prozeß in Gang gekommen ist, eine Art Mozartisierung. Bernhard entwickelte sich vom Nestbeschmutzer zum Nationalheiligtum.«

Der Zynismus der Kulturwelt ist offensichtlich. Was ehemals nicht nur eine Beleidigung war sondern schlicht als unmoralisch galt, ist schon längst hippe Ironie. Bernhard ist einfach zu cool. Allerdings mokiert Schimmelbusch diesen Umstand nur halbherzig, spielt eher gelangweilt mit der unverwechselbaren Polemik, die jedem Bernhard Leser nicht aus dem Kopf geht, die trancehafte Rhythmik seiner halb skurrilen Beschimpfungen nie vergessend:

Wenn ich es schaffte, die Meatballs zu essen, was in meinem Zustand zweifelhaft erschien, würde es mir besser gehen, das wusste ich. Entweder die Meatballs richten dich auf, dachte ich mir, oder die Meatballs richten dich zugrunde. Ich winkte einen Kellner herbei, der wie Aladdin gekleidet war.

Wenn am Ende der Wallfahrten seines Protagonisten Bernhard selbst zu Wort kommen soll, so ist Schimmelbuschs Scherenschnitt des Literaten entsprechend banal. Er ist kindlich selbstverliebt, widersprüchlich, luxusverwöhnt und außer der amüsanten Eigenschaft, die Herzen aller Männer zu brechen, ist er ein weiterer Statist in Schimmelbuschs dekadenter Welt des Post-pop: »Thomas Bernhard und sein Immobilienmakler-Kumpan klauen im Suff eine chinesische Vase aus einem Bordell, die Bernhard seinem Verleger schenkt, der seine Freude an dieser in seinen autobiographischen Schriften festhält«. In diesen Schriften klagt der hintergangene Unseld dann: »Bernhard hatte mir in Wahrheit also eine Ramsch-Vase aus dem Asia-Balkan-Bordell geschenkt.«

Während diese Episoden teilweise erfrischend witzig, absurd komisch, zeitweise auch etwas gekünstelt von Schimmelbusch konstruiert werden, verdichtet sich das eigentliche Zentrum der Parodie. Schreibende Männer, ihre Verleger, ihre Musen, ihre Genres und ihre Egoprobleme rund um dysfunktionale Beziehungen und knappe Statussymbole sind Mittel zum Zweck, ein viel größeres System aufs Korn zu nehmen: Die Literatur.

Literatur, die Hure

Die Entdeckungsreise des Protagonisten, der natürlich mit allen Wassern des investigativen Journalismus gewaschen ist, führt ihn durch den Dschungel des Verlagswesens zum Vater einer ausklingenden literarischen Moderne. Der Weg ist gesäumt von seelenlosen Medienmogulen, gescheiterten Verlegern, ambitionierten Journalistinnen, abgehalfterten Schriftstellern und überarbeiteten Volontärinnen und führt direkt zu einem Thomas Bernhard, der wie gehabt ungnädig auf die literarische Welt blickt. Ähnlich wie das weibliche Personal des Romans prostituiert sich Literatur gern mal im Namen der Macht. Ganz lässig und unaufgeregt. Darin sind sich sowohl Literat als auch Protagonist einig, trotz Zynismus. Schimmelbuschs Bernhard hält sich nun mit Tiraden über Kaffeehauskultur und Bildungsbürgertum zurück, denn ihm geht es nach wie vor um den Kampf von Literatur und Wirklichkeit. Die Erstere ist für ihn jetzt nicht mehr unumgängliches Mittel von Wahrheit, die sich dadurch selbst verleugnen muss, sondern wird zu einem Problem, das beseitigt werden muss.

Bernhard findet, dass Literatur sich aus Ungesagtem speist, aus unglücklichen Beziehungen, aus einer pluralistischen Gesellschaft der Meinungsfreiheit und ihrer Missverständnisse. Literatur ist der Katalysator dieser Missverständnisse, denn »[d]ie Wirklichkeit spotte jeder Beschreibung, sagte Bernhard, das sei die Wahrheit.« (Der Satz ist so gut, dass er sich dann auch gleich als Rückencover der Murau Identität wiederfindet). Tatsächlich war das Problem der Wahrheit in Bernhards Literatur ein offensichtliches und hier findet es einen neuen Klang, indem es mit einem weiteren bernhardschen Motiv gepaart wird: Auslöschung. Hat der Roman zuvor ein unbeschwertes, oft verwirrendes Motivspiel betrieben, so kommen hier alle Fäden zusammen; sowohl Anleihen aus Bernhards Œuvre, als auch die Post-pop Fragen über Genres und Generationen. Auch wenn die Antwort auf Bernhards und Schimmelbuschs Problem nun wie SciFi Klamauk klingt, sie ist dem Ton des Romans angemessen: Die Technikbegeisterung der digital Natives hat nämlich ein Mittel gefunden, Sprache nicht mehr physikalisch sondern kognitiv zu übermitteln, quasi durch Telepathie. Die Auslöschung der Literatur steht kurz bevor: »Alles würde sich verändern, sagte Bernhard. Der Graben ist zu überbrücken. Die Menschen würden sich gegenseitig verstehen können, sagte Bernhard, was naturgemäß die Auslöschung der Literatur bedeuten würde.« All dies führt naturgemäß nicht fort von der bösen Medienwelt sondern tiefer in sie hinein, hat doch Massenverleger Wiley selbst dieses Wunderwerk der Technik ins Leben gerufen und dabei nebenbei seine eigene Existenzberechtigung gelöscht. Welch ›bernhardeske‹ Idee. Dass dabei die Pilgerreise des Protagonisten damit enden muss, dass er mittellos und mit überzogenen Starbucks- und Amazonkreditkarten den Rückzug antreten muss, übervorteilt von der Frau, die uns zunächst nur in Form eines wohlriechenden Hintern präsentiert wurde, von dem Schimmelbusch Koks geschnieft hatte, bleibt angesichts dieser Literaturauschlöschung nebensächlich.

Missverständnis als Motor von Literatur ist in der Bernhardforschung keine neue Theorie, doch wurde sie nie so amüsant dargestellt wie hier. Wenn Die Murau Identität sich auch bisweilen den Vorwurf der mangelnden Tiefe gefallen lassen muss, an Kreativität und Witz fehlt es nicht und auch nicht an der Fähigkeit, alle Erwartungen in den Wind zu schlagen. Das ist nicht bahnbrechend, aber unbedingt lesenswert.

 

Alexander Schimmelbusch: Die Murau Identität. Berlin: Metrolit, 2014. ISBN: 978-3-8493-0338-9. 208 Seiten. 18,00 Euro.

 

Diese Rezension ist auch, mit vielen anderen spannenden Beiträgen, im aktuellen Heft zum Thema Arbeit zu finden. Hier zu sehen und zu erwerben.


 

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