Einer, keiner, hunderttausend

Manfred Poser stellt sich der Frage, ob der Autor, der viele sein kann, vielleicht auch niemand sein könnte

Der obige Titel gehört zu einem Roman von Luigi Pirandello, der 1909 begonnen, aber erst 1926 veröffentlicht wurde. Auf Italienisch lautet er Uno, nessuno, centomila. Bei der Gelegenheit ist anzumerken, dass der spätere Literatur-Nobelpreisträger mit 22 Jahren, also 1889, in Bonn zu studieren begann und dort 1891 promovierte. Pirandello schlug sich immer mit dem schwierigen Menschsein herum, und der Held des Buches, Vitangelo Moscarda, fängt ein neues Leben an, landet in der Psychiatrie und findet, dass einen Namen zu haben einem Todesurteil gleichkomme; frei sei man, wenn man jeden Augenblick neu werde. Bin ich einer oder keiner, und was sage ich zu den hunderttausend, deren Weg ich kreuze? Ist der Autor oder der Mensch viele oder ist er gar alle? Wenn er alle wäre, dann wäre er gleichzeitig ein Niemand. In dem Buch Der dritte Polizist von Flann O’Brien (1911–1966), das ich gerade begeistert gelesen habe, fällt dem Erzähler sein Name nicht mehr ein. Die Polizisten wollen ihn hinrichten, da hat er die Erleuchtung und meint, wer niemand sei, den könne man auch nicht hinrichten. Genial. Das leuchtet dem Polizisten fast ein. Aber nur fast. Natürlich erinnert das an Homers Odyssee, wo der Titelheld dem Zyklopen Polyphem, gefragt nach seinem Namen, Niemand sagt (ούδεις), was dann lustig wird, wenn Polyphem von anderen gefragt wird, wer ihn verletzt habe: Niemand, sagt er.

 

Grab eines Unbekannten (Foto: Manfred Poser)
Grab eines Unbekannten (Inconnu), verstorben (décédé) am 19. Juni 2005. Gesehen auf dem Friedhof von Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, Oktober 2011. (Foto: Manfred Poser)

 

Hast du aufgehört oder es?

Die Selbstnegation gehört zur Literatur. Roland Barthes (1915–1980) hat so schön geschrieben, der Schriftsteller sei der »Joker«, der wie im Kartenspiel keinen Wert habe, aber im richtigen Kontext das Spiel entscheiden könne. Der echte Autor macht sich der Geschichte untertan. Er ist ein Kanal für das, was in ihn hineinfließt, und je weniger Persönlichkeit er dazutut, umso besser. In Rudyard Kiplings Autobiographie Something about me gibt es diese hübsche Stelle, wo der Autor seinem Vater verkündet, er habe die Geschichte nun beendet. Der Vater fragt: »Did it stop or you?« Kipling entgegnet, es sei it gewesen. »Dann sollte es nicht zu schlecht sein«, kommentiert der Vater. Vorher konnte man lesen: »Nachdem ich die grundsätzliche Idee in meinem Kopf weggeschlossen hatte, übernahm der Federhalter das Kommando, und ich sah zu, wie er Geschichten schrieb über Mowgli und Tiere, die sich später zum Dschungelbuch auswuchsen.« Vermutlich genießt diese spirituelle Theorie des Autors als channel heute nicht mehr viel Ansehen. Aber kann man ruhigen Gewissens behaupten: Das habe ich geschrieben? Wir alle kommen von irgendwo her und werden aus einem ungewissen Fundus gespeist, den man das kollektive Unbewusste (nach Carl Gustav Jung) oder den universellen Geist nennen könnte. Daher kommt auch die Anmerkung von Jorge Luis Borges, alle Bücher dieser Welt könnten aus der Feder eines einzigen Autors stammen, gehören wir doch alle gewissermaßen zu einer spirituellen Gemeinschaft. Jedenfalls ist es ein Genuss, etwa Jane Austens mit ruhiger Meisterschaft geschriebene Romane zu lesen: Da sind keine Schlacken drin und alles passiert scheinbar, wie es passieren muss. Auf der anderen Seite können auch dezidiert individuelle Werke wie Der dritte Polizist den Eindruck vermitteln, sie müssten genauso sein und nicht anders. Aristoteles meinte, bei großen Werken könne man nichts fortnehmen. Dies gilt, wenn der Autor (oder die Autorin) den Text vorher zurechtgeschnitten hat. Ernest Hemingway schwor auf die Wirkung äußerst karger Prosa und meinte, bei einem Eisberg sei nur ein Achtel des Eises sichtbar, sieben Achtel hingegen bewegten sich unter Wasser fort, und diese unsichtbare Masse gebe dem Werk Dynamik und Bedeutung – ziemlich esoterisch. Der unsichtbare Text ist wohl das, was die gedruckten Worte mit sich tragen, und natürlich muss ich da wieder an die jüdische Torah denken, die ohne die mündliche Überlieferung nicht zu denken ist. Das Gedruckte ist nur etwas, das viele Interpretationen zulässt.

 

Bücherwand (Foto: Frieda Poser)
Alle Bücher der Welt von einem Autor? Die Bücherwand von Fritz Schütte in Berlin-Treptow. (Foto: Frieda Poser)

 

Kipling übrigens war nicht Hemingways Meinung und wandte sich gegen das radikale Kürzen: Er schrieb, man würde es instinktiv spüren, wenn etwas fehle, was der Autor zu Beginn in seinen Text hineingedacht habe. Ich habe kürzlich einen meiner Romane um zehn Prozent gekürzt und fand, dass viele Stellen ohne Probleme wegfallen konnten; dafür gab es andere Passagen, die für mich untrennbar zu der Geschichte gehörten und einfach nicht fehlen durften. Man ist immer in der Gefahr, seine Sätze für heilig zu halten. Dann hackt man einen Absatz mutig weg, und es ist, als wäre er nie dagewesen.

 

Unsichtbar bleiben

Dann suchte ich ein Zitat, schlug meine Kladde auf, und sofort war es da: »Dafür hat Hegel in Sätzen wie ›Je schlechter der Künstler ist, desto mehr sieht man ihn selbst, seine Partikularität und Willkür‹ prophetisch plagiiert« (Theodor W. Adorno in seinen Noten zur Literatur). Der Autor will unsichtbar bleiben. Ich hatte das Wort vom Unsichtbarsein in mir, schlug zufällig Ein Lesebuch von Günter Eich auf und hatte das Gedicht Huhu vor mir.

Wo die Beleuchtung beginnt, bleibe ich unsichtbar. Aus Briefen kannst du mich nicht lesen Und in Gedichten verstecke ich mich. Den letzten Schlag Gab ich euch allen. Mich triffst du nicht mehr, solang ich auch rufe.

Ich hatte aus Interesse Stellen übers Unsichtbarsein gesammelt wie jene aus Friedrich Doucets Buch Die Toten leben unter uns:

»Auch ein Sich-Unsichtbarmachen, ein Auftreten wie unter der aus der Siegfriedsage bekannten Tarnkappe, ist für Lamas lediglich ein psychoenergetisches Problem. Nötig ist dazu, wie sie erklären, durch Konzentration jegliche, also auch wirklich die allergeringste geistige Regung zu unterdrücken. Gelingt dies, so weckt man auch keine Empfindungen bei seiner Umgebung. [...] Folglich wird, wer keinerlei Gedankenempfindungen ausstrahlt, nicht gesehen; er bleibt unsichtbar.«

Der Autor ist darum wie ein Toter – in der Geschichte der Mystik, ob in der jüdischen, ostasiatischen oder orientalischen, heißt es immer wieder, man müsse schon zu Lebzeiten sterben, nichts solle einen in dieser Welt interessieren, dann werde man recht handeln. Man schreibt gut, wenn man nur die Geschichte schreiben will und nicht an Verkaufszahlen, den eigenen Ruf oder daran denkt, was die Leser goutieren könnten. O Musen, beschwor man in der Antike zu Beginn eines Werks, steht mir bei! Nur eine der neun ist zuständig, bei uns am ehesten Kalliope (καλλιοπη – für epische Dichtung, Philosophie und Wissenschaft). Wenn sie uns küsst, müssen wir uns ihr widmen, denn eifersüchtig ist sie, diese Muse, und, da sie sich schnell ärgert, flüchtig.

 

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