Einfältig? Nein, präzise, nüchtern & sensibel!
»Die Erde dreht sich, und man kann nur warten, daß sie sich weiterdreht und sich dadurch die Perspektive ändert, so daß man die Dinge eben auch mal wieder anders sieht.« Insgesamt 29 kleinere und größere Perspektivwechsel, verpackt als Simple Storys, bilden beziehungsweise entschlüsseln auf 320 Seiten den Roman aus der ostdeutschen Provinz.
Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, lebte vier Jahre in Altenburg, dem Hauptschauplatz seines 1998 im Berlin Verlag erschienenen Romans. Im selben Jahr erhielt er dafür den Berliner Literaturpreis mit Johannes-Bobrowski-Medaille.
Obschon sich viele Gründe für den Erfolg des Romans und dessen
Auszeichnung finden lassen, wird schnell deutlich: Die äußere Handlung ist keiner davon. Hat man diese und die Zusammenhänge zwischen den etwa 20 Protagonisten erst einmal entwirrt und zusammengepuzzelt, wird man schmerzlich feststellen, dass man daran seine Zeit verschwendet hat – sie sind einzig Instrument des Erzählers. Ingo Schulzes Intention, die Auswirkungen der Wende in Ostdeutschland, im von ihm gewählten Zeitraum von 1990 bis 1997, aufzuzeigen, erreicht den Leser auch ohne sie.
Die Geschichte einer Entwicklung, besser gesagt eines Zusammenbruches, des ehemaligen SED-Mitglieds Ernst Meurer wird auffällig deutlich und aufwendig in den Roman eingeflochten. Ihm wird aufgrund eines noch vor der Wende verfassten Leserbriefs die Zugehörigkeit zur Stasi nachgesagt, worauf er seine Arbeit als Schuldirektor kündigt und aus der Partei austritt. Nachdem er im Februar 1990 auf einer Italienreise mit dieser Vergangenheit konfrontiert wird, setzen bei ihm Misstrauens- und Verschwörungsängste ein. Diese erreichen ihren Höhepunkt mit Meurers Warnschuss aus seiner Gaspistole im Treppenhaus, mit dem er sich endgültig Ruhe verschaffen will, und enden mit der anschließenden Einweisung in die Psychiatrie. So platt bekommt der Leser die Akte Meurer selbstverständlich nicht vorgelegt. Sie bildet sich aus Reiseberichten oder Psychiatriebesuchen, berichtet aus immer wechselnden Perspektiven, langsam heraus.
Oder nehmen wir eines der wenigen persönlichen Aufeinandertreffen zwischen Ost- und Westdeutschland in der zweiten Story. Connie Schubert kellnert im »Wenzel« – Harry Nelson war ein gern gesehener Gast aus Frankfurt, der in der Gegend nach Bauland suchte. Diese Episode endet damit, dass Connie Schubert von Harry Nelson vergewaltigt wird und beide die Stadt nach kurzer Zeit in unterschiedliche Richtungen verlassen. Beide Personen tauchen im weiteren Verlauf nur noch als Randfiguren auf. Dennoch brennt sich die Geschichte ein. Vielleicht durch die prominente Stellung auf Nummer zwei, vielleicht dadurch, dass man schnell lernt Verknüpfungen zu erstellen oder alte Fäden aufzugreifen und hier enttäuscht wird. Vielleicht aber auch, weil Connie zu den wenigen gehört, die es rechtzeitig in den Westen geschafft haben und denen es dadurch besser ergeht.
Doch mehr als diese sparsamen Informationen, die vom Erzähler äußerst präzise gesetzt werden, braucht es nicht, um ein Gefühl für die Bitterkeit, den Zerfall und die Problematiken der Zeit nach der Wende zu erhalten. Dass, wie beispielsweise in Ernst Meurers Fall, aus immer wechselnden Perspektiven auf die Geschehnisse geblickt wird, verbindet die Erzählungen ebenso geschickt miteinander, wie deren klarer und punktgenauer Stil.
Man trifft als Leser nur vereinzelt auf starke Gefühle oder gar innere Monologe, auch wenn in 16 der 29 Storys ein Ich-Erzähler zu Wort kommt. Selbst die Wiedergabe unfassbarer Todesfälle, wie dem des verkannten Schriftstellers Enrico Friedrich, der nach einem Selbstmord im Treppenhaus von seinen Nachbarn gefunden wird, ist nüchtern und protokollarisch.
Friedrich lag eine Treppe höher unterm Fenster, das Gesicht nach unten, das rechte Bein unnatürlich verdreht. Erst nach einer Weile bemerkte ich das Blut, das ihm aus Mund und Nase lief. Sein linkes Auge war geöffnet, das rechte nicht zu sehen. Niemand wollte Friedrich berühren. […] Zuerst dachte ich, Friedrich habe wohl selbst gemerkt, daß niemand sein Zeug lesen wollte, und sich deshalb kopfüber die Treppe heruntergestürzt. Petra sagte jedoch, das sei noch lange kein Grund, sich umzubringen.
Eine weitere Besonderheit sind die Momente, in denen die Handlung durch das sensible Beobachten des Erzählers in den Hintergrund gerückt wird. In »Kapitel 16 – Büchsen« trifft Schwesternschülerin Jenny auf Marianne Schubert, mit deren Mann sie noch bis zu seinem Tod eine Affäre hatte und sie unterhalten sich. Worüber ist egal. Das Wesentliche ist die Aspirintablette im Wasserglas, die immer wieder das Gespräch unterbricht:
Sie zog das Glas zu sich heran und ließ eine Aspirintablette aus der Verpackung ins Wasser fallen. […] Beide Frauen beobachteten die Aspirintablette, die sich am Glasboden wie eine Flunder bewegte. […] »Wie Brausepulver«, sagte Jenny. […] Die Tablette schwamm an der Oberfläche. Einzelne Stücke lösten sich ab und trieben zum Rand. Aus dem Glas sprühte es auf den Briefumschlag. […] Die Frau hielt das Glas mit der aufgelösten Tablette in der Hand. […] In dem leeren Glas war von der Tablette ein schmaler weißer Ring zurückgeblieben. […] »Ist Ihnen besser – mit der Aspirin?«
Nimmt man sich also die Zeit, alle Handlungsstränge und Konstellationen aufzulösen und den Roman anschließend ein zweites Mal zu lesen, gleicht dieser das Entwirren und Puzzeln mit all seinen Besonderheiten aus und Erfolg und Auszeichnungen erweisen sich als durchaus angemessen.
Schulze, Ingo: Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999. 320 Seiten. ISBN 978-3-423-12702-8. Euro 9,90.
