Faust und das Ewig-Weibliche

Manfred Poser ignoriert die Heiligen Drei Könige und geht mit dem Faustus und den Frauen ins Neue Jahr

Körper, Geist und Seele: Daran knüpfe ich an. Eine wichtige Gestalt der deutschen Literatur überschreibt seine Seele dem Teufel. Der Film Faust des Russen Alexander Sokurow bekam am 11. September 2011 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig. Michael Fassbender spielt den Faust in dem auf Deutsch gedrehten Film. Weitere Darsteller: Florian Brückner und Hanna Schygulla. Es geht um einen Sexsüchtigen, und wenn man las, der Regisseur habe den Stoff »ziemlich frei behandelt«, sollte das wohl bedeuten, dass von Goethes nach Wissen gierendem Geist, der seine Seele dem Mephisto verkauft, nicht viel übrig geblieben ist.

Vorbild für den Doktor Faustus könnte der gnostische Prophet, Wundertäter und Zauberer Simon Magus gewesen sein, von dem in der Apostelgeschichte ein Wortgefecht mit Petrus überliefert ist. Hans Jonas (1903–1993) schreibt in seinem Buch Gnosis, »dass Simon in der lateinischen Umwelt den Beinamen Faustus (›der Begünstigte‹) benutzte: dies zeigt, gemeinsam mit seinem ständigen Beinamen ›der Magier‹ und der Tatsache, dass er von einer Helena begleitet wurde, die, wie er behauptete, die wiedergeborene Helena von Troja war, dass wir hier eine der Quellen der Faustlegende der frühen Renaissance vor uns haben.«

Bei Goethe trifft Faust Helena im dritten Akt des zweiten Teils. Ihr Sohn Euphorion (gezeugt mit Achilleus) wurde von Zeus, dessen Liebe er nicht erwiderte, durch einen Blitz getötet und bittet seine Mutter: »Lass mich im Jenseits nicht allein.« Sie klagt noch: »Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band. / Bejammernd beide, sag’ ich schmerzlich Lebewohl. / [...] Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich.« Sie umarmt Faust und lässt ihm seine Gewänder zurück.

Die Gnosis war früher als das Christentum, wollte aber dennoch christlich sein. Simon Magus war ein Rivale der Apostel, und er machte keine halben Sachen: Er gab sich als die höchste Gotteskraft aus, noch über den Weltschöpfer erhaben, und seine Helena war »die aus den oberen Himmeln herabgeführte Weisheit, die Mutter des Alls«. Hans Jonas äußert sich bewundernd über Simons ›Unverfrorenheit‹.

Helena oder Luna gehörte zu einem Kreis von 30 Schülern des Dositheos (30 für jeden Tag des Monats), den Simon entmachtete, wobei auch Helena ihm zufiel. Also ließ er sich danach als Zeus, Helena als Athene verehren. Dass Simon sie aus einem Bordell in Tyros geholt habe, brachte der christliche Autor Irenäus in Umlauf. Die Christen taten, was sie konnten, um Simon in Verruf zu bringen.

Die Anima kann auch eine Hure sein

Der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875–1961) erwähnt die Irenäus-Version in seinem Aufsatz Seele und Erde (1927). Darin spekuliert er über die Seele und stellt den Begriff vor, mit dem er bekannt wurde: den Archetypus. Archetypen sind der erdgebundene Anteil der Seele, vererben sich mit der Hirnstruktur und sind der Anteil, mit dem die Seele – »ein ausgedehntes Gebiet sogenannter psychischer Phänomene« – mit der Natur verhaftet ist.

Wir leben sozusagen seelisch im oberen Stockwerk eines Hauses, das nach unten hin immer älter wird und dessen Fundamente womöglich aus der Römerzeit stammen. Jung spricht von der Anima, die, weiblich gestimmt, die Emotionen des Mannes beherrscht, und vom Animus, der die Frau unterirdisch leitet, wie es in China die himmlische Schen- und die irdische Gui-Seele gibt.

Steinfigur im Etruskerort Tarquinia (Foto: Manfred Poser)Steinfigur im Etruskerort Tarquinia nordwestlich von Rom. (Foto: Manfred Poser)

Die Anima sei ein »überindividuelles Bild, das bei vielen, individuell sehr verschiedenen Männern genau übereinstimmende Züge aufweist, so dass man beinahe einen bestimmten Typus Frau daraus rekonstruieren könnte. Auffallend ist, dass diesem Typus das Mütterliche im gewöhnlichen Sinne des Wortes durchaus fehlt. Sie ist Gefährtin und Freundin im günstigsten Falle, im ungünstigsten ist sie eine Hure.« Das alte Zerrbild Heilige/Hure, das Ewig-Weibliche!

Der Philosoph Hans Leisegang (1890–1951) widmet in seinem Buch Die Gnosis dem Simon Magus 50 Seiten. Die Gnosis wurde nach Christi Kreuzigung in vielen Abwandlungen bis zum Jahr 300, vor allem durch den Perser Mani, zu einer Weltreligion. Das Christentum sah sich in Bedrängnis. Was mich nun an der Gnosis und für diesen Beitrag interessiert, ist die weibliche Komponente der Lehre.

Leisegang erwähnt Simons drei Prinzipien: den männlichen Geist, den weiblichen Gedanken (die ›Ennoia‹ oder ›Sophia‹) und dazwischen, im Luftraum, den mannweiblichen Weltschöpfer. Bei Xenokrates und den Pythagoreern entlässt der Weltgeist oder Schöpfer (als die 1) »die Zweiheit aus sich heraus [...] Diese Zweiheit ist die Weltseele; sie ist die Göttermutter [...] Der Weltgeist als das männliche Prinzip und die Weltseele als das den Geist in sich aufnehmende weibliche bringen als ihren Sohn den Kosmos hervor.« Hier hat die Frau ihre Rolle bei der Entstehung der Welt.

Die verschwundene Prophetin

In dem Buch Leisegangs wird auch erwähnt, dass es in Griechenland den Typus der Prophetin gab. »In allen Mysterien kam der Frau eine führende Rolle zu.« Der Dionysoskult, eine mystische Bewegung, wurde von Frauen getragen, und die Weissagung oder Interpretation von Zeichen (Mantik) wurde ausgeübt »von Pythien, Kassandren und Sibyllen, die vom göttlichen Pneuma befruchtet mit ›rasendem Munde‹, ohne ihrer eigenen Sinne mächtig zu sein, ihre Prophezeiungen ausstießen«.

Wo es sich um Ekstase oder Mystik handelte, war die Frau präsent. Und im gnostischen Weisheitsbuch Pistis Sophia (zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert geschrieben), in dem Jesus seine Rettung der Sophia beschreibt, dürfen Maria, Martha und Salome ungeniert sich am Gespräch beteiligen wie auch Johannes, Philipp und Petrus, und letzterer beklagt sich sogar über Maria, die »dauernd redet und keinen zu Wort kommen lässt«.

Noch einmal Hans Leisegang: »So ist die Rolle, die Helena in der Simonlegende spielt, von hier aus wohl zu verstehen, während sie dem Juden durchaus anstößig erscheinen musste; denn hier hatte die Frau in der Religion und der Religionsausübung so gut wie nichts zu sagen; sie war zeitweise unrein, und Priesterin konnte sie niemals werden.« Auch bei den Christen nahmen Männer die Sache in die Hand, und Ekstase, Mystik und Schwärmerei hatten keinen Platz mehr.

Eine Frau auf dem Berg (Foto: Manfred Poser)Eine Frau auf dem Berg (Säntis-Massiv, Herbst 2005. Foto: Manfred Poser)

Frauen durften zuhören, konnten vielleicht noch einen Orden gründen, Heilige werden oder ein paar Stigmata vorzeigen, die von Männern peinlich genau unter die Lupe genommen wurden. Dabei liegt auf dem Grund der Religion eigentlich das Mysterium. Davon wissen Männer wenig. Die Seele und die Frau oder das Dunkle und die Frau, vom Manne aus betrachtet, wird uns hier noch eine Weile beschäftigen.


 

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