Film in the key of life

Über 20th Century Women von Mike Mills

In Mike Mills Film 20th Century Women lernt der Zuschauer Jamie kennen, der Ende der 1970er Jahre im kalifornischen Santa Barbara im Kreise von Frauen aufwächst. Ähnlich wie bei Linklaters Boyhood oder Lonergans Manchester by the Sea kommen dabei alle Tonarten des Lebens zur Geltung. Man kommt den Figuren so nahe, dass man sie auch nach dem Abspann weiter begleiten möchte.

Jeder weiß es: Die meisten Filme sind nach Mustern gestaltet, durch die festgelegt ist, worum es ungefähr geht, welche Art Figuren vorkommen und wie sich das Ganze anfühlen wird. Wenn wir Zuschauer etwa erfahren, dass der Film dem Coming-of-Age-Genre zuzuordnen ist, wissen wir, was auf uns zu kommt: Junge Menschen lernen durch die erste große Liebe, durch sexuelle Erfahrungen oder durch Befreiung von den Eltern oder Freunden, wer sie sind und werden dadurch erwachsen (Klassiker wie The Graduate oder Almost Famous sind so gebaut). Dieses Muster kann zwar variieren, aber es bleibt doch erkennbar. Mike Mills’ Jahrhundertfrauen (engl. Originaltitel 20th Century Women) scheint auf den ersten Blick ein solcher Coming-of-Age-Film zu sein. Aber das trifft es nicht genau, er funktioniert anders – und gerade deshalb ist er so gut.

Eine Hausgemeinschaft in Kalifornien

Die Handlung und die Figuren des Films verdienen es, ausführlicher dargestellt zu werden: Im Jahr 1979 hat sich im kalifornischen Santa Barbara in einem etwas baufälligen Haus eine besondere Hausgemeinschaft zusammengefunden. Dorothea (Annette Bening) wohnt dort mit ihrem 15 Jahre alten Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) und drei Untermietern zusammen, die aber keineswegs nur da sind, um die Kasse der alleinerziehenden Mutter aufzubessern. Im Gegenteil: Als die Mittzwanzigerin Abbie (Greta Gerwig) gesteht, wegen einer Krebs-untersuchung und ihren emotionalen Begleiterscheinungen mit der Miete in Rückstand zu sein, versichert ihr Dorothea, dass sie sich keine Sorgen zu machen braucht.

Als zu Beginn des Films ihr Auto Feuer fängt, fragt sie bei Untermieter Nummer zwei, dem Hippie William (Billy Crudup) nach, ob er wisse, wo man preiswert ein Auto herbekomme. Schließlich wird er, der schon bei den Ausbesserungsarbeiten im Haus hilft, das alte Auto wieder repariert haben und launig bemerken, dass man es ja von der Miete abziehen könnte. Julie (Elle Fanning) schließlich wird Dorothea vorhalten, sich immer nur Männer auszusuchen, die sie gar nicht wirklich interessieren, dafür aber solche zu verschmähen, die keine sichere Bank sind – wie eben William. Dass Julie, die selbst erst siebzehn ist, so mit ihrer Vermieterin redet, deutet schon an, dass in diesem Film auf einer Ebene kommuniziert wird: Keiner hat die Weisheit gepachtet, weder die Alten noch die Jungen, und alle versuchen, dem Leben gemeinsam auf die Spur zu kommen. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass Dorothea die beiden jungen Frauen bittet, Jamie beim Erwachsenwerden zu helfen.

Die »Zutaten« eines Coming-of-Age-Films sind also angerichtet, aber das Menü, das wir präsentiert bekommen, ist viel üppiger als das. Man könnte, um im Bild zu bleiben, sagen, dass jener Teil nur eine Vorspeise ist, die den Magen öffnen soll für den Hauptgang. Aber was ist der Hauptgang? Schwer zu sagen. Vielleicht sollte man sich an den Titel des Films halten – und die Frauen genauer betrachten.

Starke, zarte Frauen

Denn tatsächlich: Mindestens so sehr wie um Jamies Erwachsenwerden geht es um die Frauen, die ihm das ermöglichen sollen. Und was für Frauen das sind! Besonders Dorothea ist eine bemerkenswerte Figur: Wie auch bei den anderen Figuren bekommen wir im Laufe des Films ihre Biografie in einer kleinen, wegen der zeitgenössischen Bilder dokumentarisch anmutenden Sequenz nachgereicht und erfahren, in welcher historischen Situation sie geboren worden und jung gewesen ist. Der Zuschauer erfährt, dass sie in der Depressionszeit geboren wurde und beinahe eine der ersten weiblichen Piloten im Krieg gewesen wäre, dass sie danach in der Wirtschaft Karriere gemacht und mit 40 erst ihr Kind bekommen hat. Diese so selbstständige und selbstbewusste Frau, die sich fragt, ob ihr Leben festgefahren sei, befürchtet, keinen Zugang mehr zu ihrem Sohn zu haben und versucht, ihn eigene Erfahrungen machen zu lassen – allerdings sitzt sie angespannt wartend mit ihrer Katze auf dem Bett, als Jamie sich einmal zu einem Konzert nach LA geschlichen hat. Bening spielt diese Figur bravourös: So stark und selbstbewusst sie ist, so reflektiert und verletzlich ist sie, und gerade diese gekonnt ausgespielte Tiefe der Figur nimmt den Zuschauer für sie ein.

Die Frauen im Film sind hoch reflektiert und mit feministischer Theorie sowie psychologischen Deutungsmustern bewaffnet, sie diskutieren mit den Männern und miteinander, aber zu behaupten, dass es allein um sie ginge, würde dem Film noch immer nicht gerecht werden.

In the Key of Life

Vielleicht ist es die besondere Erzählweise des Films, die ihn zu etwas Besonderem macht. Abwechselnd berichten Mutter und Sohn per Voice-over über die Begebenheiten und erzählen von den Biografien der Hausbewohner. Doch nicht nur das: Ihre Leben werden bis in unsere Gegenwart verlängert, am Ende erfahren wir, was aus jeder dieser Figuren nach Ende der filmisch erzählten Zeit passiert – einer der Erzähler wird dann bereits tot sein. Der Film hält so das Ganze des Lebens der Figuren im Bewusstsein und markiert den erzählten Abschnitt aus dem Jahr 1979 – der Zeit des Punk und des Beginns des Neoliberalismus, des Endes des ›roten Jahrzehnts‹ – als Episode, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es ist gerade dieses Nebeneinander von Totalitäten, das den Film auszeichnet und uns das Gefühl gibt, am Lebensvollzug ›richtiger‹ Menschen teilzunehmen.

Frauenfilm oder Coming-of-Age-Komödie als Kennzeichnungen nehmen sich dagegen viel zu eng aus. Denn das ist das Besondere: Der Film versucht, den Lebensvollzug einer Gruppe von Menschen einzufangen, und erlaubt sich deshalb, unvermittelt den Ton und den Blick zu wechseln, Komisches, Tragisches und Alltägliches zu mischen, ohne sich um die Zugehörigkeit zu einem Genre zu scheren. Das hat er gemeinsam mit Filmen wie Linklaters Boyhood oder Lonergans Manchester by the Sea: Filmen, die im besten Sinne mäandern, weil sie fremde Leben erfahrbar machen wollen. Anders gesagt: So wie Stevie Wonder mit dem Titel seines berühmten Doppelalbums Songs in the Key of Life den Anspruch vertreten hat, ein Kunstwerk geschaffen zu haben, das alle Tonarten aufnimmt, die im Leben nun einmal vorkommen, so ist es auch hier. Wenn man nach zwei Stunden aus dem Kino tritt und von den Figuren noch immer nicht genug hat, sie noch ein wenig mehr begleiten möchte, dann hat man es mit solch einem Lebens-Film zu tun. Es ist ein großes Glück, dass es sie gibt.

20th Century Women. USA 2016. Regie: Mike Mills. Cast: Annette Bening, Elle Fanning, Greta Gerwig, Billy Crudup, Lucas Jade Zumann; 119 min.

 

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