Fluide und mehrfach beschrieben: Die ortlose Stadt

Die Erweiterung der Urbanität in die virtuelle Dimension

Im Transcript-Verlag erschien in diesem Jahr der Band Die ortlose Stadt. Der Titel suggeriert eine neue Theorie des Stadtbegriffes, de facto fallen jedoch verschiedene Blickwinkel und Konzepte des Urbanen auf das unnahbare Wesen des Städtischen zusammen. Eine Analyse der Funktionsweise zeitgenössischer urbaner Räume gestaltet sich in der Publikation ähnlich schwierig wie der Versuch, gesichertes Wissen über vage Beschreibungen zu generieren. Die drei Autoren Alain Bourdin (Professor für Stadtplanung), Frank Eckardt (Stadtsoziologe) und Andrew Wood (Professor für Medienwissenschaft) präsentieren Metaphern und Darstellungsformen des komplexen Phänomens des Städtischen und zeigen zugleich stadtgeographische und medientheoretische Phänomene anhand gegenwärtiger Tendenzen städtischer Perzeption, Konstruktion und Reproduktion auf. Am Ende steht kein Theoriepalast, sondern ein Mosaik verschiedener Ansätze, das die Virtualisierung der Stadt zu reflektieren sucht und – frei von Lösungsansätzen – neue Wechselwirkungen in der Stadtentwicklung offenbaren will.

Die Fiktion der planbaren Stadt

Nach Bourdins Auffassung verändern sich die Materialität der Stadt und die städtischen Institutionen weitaus langsamer als die soziale Erfahrung des Urbanen. Angesichts dieser unzähmbaren Dynamiken wirkt heutige Stadtplanung etwas zurückgeblieben und veranlasst manche Entscheider aufgrund der wachsenden Komplexität dazu, den Kopf in den Sand zu stecken. Deutliche Kritik üben die Autoren an Akteuren der Stadtplanung sowie der Politik, die den ganzheitlichen Blick auf die Stadt zugunsten einer reinen Verwertungslogik aufgegeben haben.

Die Erforschung der Stadt hat laut der Autoren nicht zuletzt mit einem sprachlichen Problem zu kämpfen: Die Sprache der Stadt und ihre Regeln stehen in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Sie sind das Produkt von Konventionen, die durch bestimmte Kontrollinstanzen reglementiert und kontrolliert werden. Die Aufrechterhaltung eines Redestils in der Erforschung der Stadt kollidiert mit dem Bedürfnis nach einer Sprache, die nicht »vom Kirchturm her« auf die Stadt schaut. Nach Aussage der Autoren hat sich zu dem Zeitpunkt, an dem niemand mehr außerhalb der selbstreferentiellen Zirkel der Stadtforschung versucht, mit urbanistischem Vokabular Bedeutungen herzustellen, die Frage danach, was eine Stadt eigentlich ist, weitestgehend erledigt. In der Sprache, nach der die Autoren suchen, sollen Begründungszusammenhänge nicht durch kategorischen Dualismus so simplifiziert, dass man den Eindruck gewinnt, die Verschiedenheit der wahrgenommenen Prozesse in der Stadt stünden sich als abstoßende Magnetpole gegenüber.

Fragmentierung der Narrative

Nichts scheint einfacher, als über die Stadt zu reden. Städte brauchen diese Erzählungen. Eine Stadt, deren Geschichte nicht in Entwicklung, Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen aufgezeigt wird, sondern in Erstarrung, Traditionalisierung und einer Abschottung gegenüber Veränderungen, droht permanent fixiert zu werden und genau das zu verlieren, was sie eigentlich ausmacht. Für Bourdin bleibt die moderne Stadt jedoch immer unvollständig und ohne ein Ende in der imaginativen Produktion des Ortes verhaftet, da ein »Endzustand« von Stadt weder möglich noch wünschenswert wäre.

Die Konstitution des gesellschaftlichen Raumes der modernen Stadt wird durch die Vielzahl der daran beteiligten Akteure und Gruppen immer wieder in der Konstruktion von Orten neu verhandelt und erstritten. Ortlosigkeit und Orts(re)konstruktion bedingen sich – sie sind Teil eines wechselseitigen Prozess der Beteiligten. Nicht nur die Geschichten der Stadt haben sich geändert. Viel deutlicher haben sich die Umstände der Wahrnehmung, des Erlebens, des Darüber-Schreibens und Erzählens verändert. Nahezu bis ins Unendliche hat die Digitalisierung des Urbanen die Menge der vorhandenen Narrative potenziert. Dabei kommt es nicht darauf an, das vereinende Narrativ zu finden, sondern die Vielfalt vorhandener Narrative zuzulassen. Von dieser Pluralität der Narrative ausgehend, die sich in die Wahrnehmungshorizonte der Menschen einschreiben, können laut Aussage der Verfasser, die Transformationszustände der Stadt umfassender beobachtet werden.

Urbanität ohne Orte?

Die Virtualisierung der Stadt und die damit einhergehende Ortlosigkeit dieser, ist nicht Ursache, sondern Begleiterscheinung der neuen Medien. Der Bedeutungsverfall der geographischen Territorien setzte bereits vor der Digitalisierung durch die steigende Mobilität der Menschen ein. Die universelle Erreichbarkeit begünstigt die sich ohnehin in Auflösung befindenden Grenzen. Anstelle dessen tritt eine Gleichzeitigkeit von Orten auf, die diese Grenzen durch moderne Informations- und Kommunikationstechnologien zunehmend beliebig erscheinen lässt. In der modernen Stadt hat es Grenzziehungen gegeben, die bestimmte natürliche Grenzen markieren, wie z.B. Seen oder Wälder. Die Grenze als Ort und der Raum der Grenze sind in der heutigen Gesellschaft zunehmend voneinander getrennt: Die Grenzziehung ist nicht mehr verortbar. Sie ist in den Innenraum der individuell-subjektiven Wahrnehmung und Imagination verlegt. Die Möglichkeit von einem Universum zum anderen mit den geringstmöglichen Opportunitätskosten, ohne Mediation oder Vorbereitung zu wechseln, erlaubt es, sich in mehreren Universen gleichzeitig aufzuhalten und agieren zu können. Die damit erfahrbare Ubiquität von Orten wird zusätzlich dadurch verstärkt, wenn durch Standardisierungsprozesse, wie z.B. Filialisierung des Gewerbes, die Austauschbarkeit von Orten auch baulich manifestiert.

Die von den Autoren vorgestellten Konzepte, wie die der Métapolis oder Omnitopia, erweitern die eingeengten Vorstellungen der Metropole. Omnitopia beschreibt den Raum, in dem sich die ausdifferenzierende Ortsproduktion der Moderne aufgehoben und zugleich beendet zu sein scheint. Es gibt kein Innen oder Außen mehr, online und offline beschreiben nicht zwei verschiedenen Welten, sondern lediglich zwei Zustände innerhalb einer holistischen Wahrnehmung.

Strom der Ströme

Die materiellen und besonders die immateriellen Ströme, die durch die Umschlagplätze der Metropolen in den Adern der Infrastrukturen fließen, beeinflussen städtische Funktionsweisen immer stärker. Doch nicht nur die Finanzflüsse oder das Brausen der Informationsströme, sondern auch die Alltäglichkeiten des Virtuellen kennzeichnen die Virtualisierung der Hypertext-Gesellschaft: Jugendliche die durch die Straßen laufen, während sie mit ihren Freunden telefonieren oder chatten.

Die Métapolis wird durch unendlich viele Flüsse transformiert, vor allem aber durch Menschenströme. Sie konstituiert eine lose strukturierte Reihe von Nutzungsmöglichkeiten für Einzelpersonen, ephemere oder dauerhafte Gruppen, für andere Akteure auf unterschiedlichsten Maßstabsniveaus. Sie ist ein Objekt des Konsums und des kommerziellen Austauschs. Nach dessen Gebrauch wird sie stets neu definiert: Ihre Nutzung überwiegt die Erhaltung. Die in ihr stattfindende soziale Erfahrung umfasst die Differenzierung, Wahl, permanente Erneuerung, Individualisierung, kulturelle Diversität und Weltoffenheit. Der Beginn der Metapolis ist vielleicht das Ende des öffentlichen Raums.

Ein hohes Maß an Kommunikation, welches sich vornehmlich auf das Private und den Konsum beschränkt, der Verzicht an lokaler Partizipation und das wohlwollende Vertrauen auf die demokratisierenden Kräfte von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien haben, spätestens seit dem Arabischen Frühling, die Euphorie derjenigen web- und technikbegeisterten Politaktivisten gedämpft, die in den neuen Medien ein postmodernes, athenisches Zeitalter aufdämmern sahen. Die reale Dystopie der Massenüberwachung überschattet den Umstand, dass der öffentliche Raum weniger als Anbahnungsort zum Kennenlernen zu verstehen sondern auf den von der modernen Stadt dafür bereitgestellten Orten der Diversität von politischen Bewegungen Materialität und raum-zeitliche Verbindlichkeit herzustellen.

Sammelsurium an Beobachtungen, Reflexionen und Verweisen

Die Anzahl der im Band kursierenden Konzepte und Begrifflichkeiten des nicht endgültig beschreibbaren ›Monsters‹ Stadt, scheint es zu sein, worauf es den Autoren ankommt. Der Band will eine Vielfalt an Annäherungen an ein vages Themenspektrum schaffen. In der Anerkennung einer erheblichen Verunsicherung des bestehenden Wissens von und über Stadt liegt Potential. Deswegen ist Die ortlose Stadt keine Vision oder Leitbild für die Stadt der Zukunft, sondern ein Buch über die prozesshaften Beschreibungen und vorhandene Imaginationen der Stadt, das im Besonderen liegt. Stadtsoziologen, Geographen, Architekten und Medienwissenschaftler sollten dieses Werk ganz weit oben auf dem Bücherstapel legen.

 

Alain Bourdin, Frank Eckardt, Andrew Wood: Die ortlose Stadt: Über die Virtualisierung des Urbanen Bielefeld: transcript Verlag 2014. 200 Seiten. ISBN: 978-3837627466. 25,99 Euro

 

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