Fromme Frauen im Frühmittelalter

Manfred Poser blickt ins frühe Mittelalter und findet Asketinnen in Arabien ... und in St. Gallen

Der Schleier, das Schweigen, die Unterwürfigkeit der Frauen – das war in arabischen Ländern nicht immer so. Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (1922–2003) schrieb, dass sich »die Lage der Frau im Laufe der Zeit verschlechterte, dass die einst flexiblen Regelungen sich verhärteten und Negativvorstellungen sich ausbreiteten. Die koranische Feststellung (Sura 2:228), dass ›die Männer über den Frauen sind‹, wurde zunehmend im Sinne einer Erniedrigung der Frauen ausgelegt, wodurch viele ihrer verbrieften Rechte beschnitten wurden [...] Denn je länger desto mehr setzte sich der Gedanke durch, Frauen sollten nicht lesen und schreiben lernen, obgleich bekannt ist, dass zumindest eine der Frauen des Propheten des Lesens und Schreibens kundig war.«

Heilige Frauen im Islam

Die Stelle stammt aus ihrem Buch Meine Seele ist eine Frau (München: Kösel, 1995), in dem es um legendäre heilige Frauen und die »einst flexiblen Regelungen« geht. Die Asketin Rabi‛a von Basra (etwa 718–801) steht am Anfang der islamischen Mystik. Sie sprach von Liebe, nicht von Kasteiung. Viele Wunder werden ihr zugeschrieben. Eine ihrer Gefährtinnen, Maryam al-Basiriyya, starb bei einer Gebetsversammlung plötzlich – aus Verzückung. Auch eine andere, Raihana al-Waliha, lebte in ständiger Ekstase, Rabi‛as Zeitgenossin Scha‛wana war bekannt dafür, dass sie andauernd weinte, und sie wie auch Amina ar-Ramliyya wurden von großen männlichen Asketen gebeten, für sie Fürbitten zu sprechen. Ein früher islamischer Philosoph hat einmal gesagt, Gott zeige sich am ehesten in der Gestalt der Frau. Seit Ibn Arabî (1165–1240), der auch Dante Alighieri beeinflusste, ist die Liebe zur Frau von der Liebe zu Gott nicht zu trennen. Sigrid Hunke sagt es in ihrem Buch Allahs Sonne über dem Abendland so: »Diese Züge des göttlichen Eros haben der religiösen arabischen Lyrik ein Gesicht verliehen, das oft dem der arabischen Liebeslyrik zum Verwechseln ähnlich sieht.« Die Schönheit des geliebten Partners wird sakral umkleidet und zum Ort der Theophanie; der/die andere wird zum Spiegel und zeigt mir meinen Engel, mein verborgenes spirituelles Wesen. Es gab sogar verheiratete Sufifrauen wie Fatima von Nischnapur, die einen Asketen zum Mann hatte, und Rabi‛a bint-Ismail. Anscheinend durften Frauen damals sogar an Koranrezitationen und dem Gottesgedenken (dhikr) teilnehmen. Fatima, die Tochter des Sufis al-Kattani, soll bei der Predigt des Sumnun wiederum aus Verzückung gestorben sein, und mit ihr drei Männer. Nach dem 12. Jahrhundert sind, wie Frau Schimmel schreibt, sogar Frauenkonvente bekannt (obwohl der Islam kein Mönchtum kennt; die Kongregation der Gläubigen sei alles, meinte der Prophet), in Bagdad, Mekka (gleich drei), Medina und Kairo. Man werde bei diesen Konventen manchmal an die Frauenstifte in Europa erinnert. Also schauen wir auf Europa.

 

Heilige Frauen in St. Gallen

Im Jahr 2006 war in der St. Galler Stiftsbibliothek die Ausstellung Frauen im Galluskloster zu sehen. Das Benediktinerkloster, um 719 von Otmar dort gegründet, wo Gallus seine Klause gehabt hatte, war freilich ein Männerkloster. Im Begleitband erwähnt Stiftsbibliothekar Ernst Tremp die »frauenfeindliche Haltung des Mittelalters«, die letztlich auf die Kirchenväter zurückgehe. Die Frau galt als »zu bewältigende Kategorie« sowie als »Stolperstein auf dem Weg des Mannes zu seiner Vollendung«. Im Laufe der Spätantike und des Frühmittelalters sei »eine dicke Schicht von männlichen und klerikalen Vorurteilen gegenüber Frauen« entstanden.

 

Die heilige Wiborada vor der Klause der Cilia in Konstanz
Umschlagbild des Buchs zur St. Galler Ausstellung 2006: Die heilige Wiborada vor der Klause der Cilia in Konstanz

 

Um 900 gab es erst wenige Frauenklöster. Die fromme Asketin Wiborada musste also einen eigenen Weg finden. Sie erlebte die Welt durch eine Wallfahrt nach Rom, reiste nach St. Gallen und ließ sich nach vierjähriger Probezeit 916 von Bischof Salomon von Konstanz bei St. Mangen in der Nähe von St. Gallen in eine Klause einmauern, die etwa drei mal drei Meter maß und ein Fensterchen mit Glocke aufwies. Ihre Klause wurde zum Wallfahrtsort und auch zu einer Nachrichtenbörse. Durch einen Traum wusste Wiborada, dass die Ungarn kommen würden. Sie warnte und rettete das Kloster, wurde aber 926 von den Hunnen erschlagen. Wiborada wurde 1047 als erste Frau heiliggesprochen und rückte in die St. Galler heilige Obrigkeit vor, an die Seite von Gallus und Otmar.

 

Schreibende und stiftende Frauen

Andere Frauen taten es Wiborada gleich, die zu ihrer Leiterin wurde. Sie begründete dadurch das sogenannte Inklusentum, das es bis zur Reformation gab. Später entstanden in der Nähe von St. Gallen allerdings Klöster von Kapuzinerinnen, Dominikanerinnen und Benediktinerinnen. Die Frauen dort schrieben auch selbst Bücher. Vier Handschriften der Stiftsbibliothek können einer Schwester Endlin zugeschrieben werden, doch das war schon im Spätmittelalter, als auch in einem Frauenkloster die »Legenden heiliger Frauen für fromme Frauen« entstanden. Es war die Zeit, als in Spanien Teresa von Ávila (1515–1582) in köstlichen Büchern selbstironisch und bescheiden spirituelle Lektionen gab. (Heute: der Kloster-Blog. »Aus dem Benediktinerinnenkloster St. Andreas in Sarnen schreibt Schwester Rut-Maria Buschor jeden Freitag zum Alltag im Kloster, einer Welt, die räumlich nah und gleichzeitig fremd ist.« Zu lesen regelmäßig in der Neuen Zürcher Zeitung.)

 

Die heilige Teresa von Ávila
Die heilige Teresa von Ávila, große Autorin und Gründerin des Ordens der barfüßigen Karmeliterinnen

 

Von 1300 bis 1500 war das Buch ein Attribut der Frauen, die häufig damit abgebildet wurden. Sie strebten oft nach dem Besitz von Büchern in der Volkssprache. Von 242 hochstehenden Frauen besaßen 70 Prozent Bücher. (Bei den Männern werden es weniger gewesen sein; wie heute.) Aus dem Frühmittelalter weiß man, dass Frauen als Stifterinnen und Wohltäterinnen auftraten. Das Gundis-Evangelistar entstand um 895 und ist nach seiner Stifterin benannt (GVNDIS steht auf dem Titelblatt). Der Prachtband des Evangelium longum, geschrieben von dem Mönch Sintram, verdankt sich der wohlhabenden Amata, die vor ihrer Wallfahrt nach Rom 903 ihren Besitz mit Einverständnis ihres Mannes dem Kloster St. Gallen überschrieb, denn die Reise galt als gefährlich. Tatsächlich kam das Paar nicht zurück. Auch Frauen namens Beata, Daghilinda und Waldrata verkauften oder vermachten ihren Besitz dem Kloster.

 

Sulzburg

 

Skulptur über dem Portal der Klosterkirche St. Cyriakus (Foto: Manfred Poser)
Nonnen beten für den Weiterbestand der Welt: Skulptur über dem Portal der Klosterkirche St. Cyriakus (Foto: Manfred Poser)

 

Ich habe einige Jahre in St. Gallen gelebt und wohne jetzt bei Freiburg. Drei Kilometer von hier, in Sulzburg (ich kann zu Fuß hingehen), gibt es die tausend Jahre alte Klosterkirche für St. Cyriakus, einen 309 gestorbenen Märtyrer. Hier regte Graf Birchtilo 993 die Gründung eines Benediktinerinnenklosters an. Man ängstigte sich damals vor der Jahrtausendwende; wer weiß, was passieren würde, eine Sintflut, ein Weltenbrand, die Ankunft des Antichrist … (Tausend Jahre später fürchtete man einen weltweiten Computerabsturz und rief die Magier der Software an.) Die Nonnen sollten tüchtig beten, und sie werden wohl mit dazu beigetragen haben, den Untergang der Welt zu vermeiden. Die Basilika entstand 997, und 1008 wurde sie zur Klosterkirche. Das Kloster wurde dann 1523 aufgehoben. Vergessen wir aber nicht – um schon sachte zum nächsten Beitrag überzuleiten – die Tracht der frommen Frauen. Sagt man Tracht oder Habit? Sie verhüllen sich bis auf ihr Gesicht, tragen das weite Ordensgewand, das keine Konturen des Körpers zeigt und außerdem einheitlich ist: eine Uniform. Es ist gewissermaßen ein Ganzkörperschleier.

 

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