Funk-Rosinchen auf »Solo«-Pfaden

Róisín Murphys Solo-Debüt-Album Ruby Blue

Róisín Murphys Solo-Debüt-Album 'Ruby Blue'Es soll ja Leute geben, die behaupten, dass in der populär-kommerziellen Musik überhaupt nur Frauen befriedigende Ergebnisse abliefern. Und das nicht nur, weil sie in aller Regel einfach hübscher anzuschauen sind als ihre männlichen Sangeskollegen. Diese Musik-Radikalfeministen beiderlei Geschlechts hören den ganzen Tag CDs von Tori Amos, PJ Harvey, Björk, Heather Nova, Aimee Mann oder von der Ur-Mutter aller Frauen im Musikbusiness: Patti Smith. Arglose Einsteiger fangen mit CDs (und Postern) von Nelly Furtado oder Shakira an und deutsche Teenies werden mit Bands wie "Wir sind Helden" oder den von Plattenfirmen in deren Gefolge gepushten Frontfrau-Bands abhängig gemacht. Männliche Ausnahmen wie REM-Sänger Michael Stipe lassen sie nicht gelten, denn die seien in der Regel a- oder bi- oder homosexuell, wie John Lennon oder Freddie Mercury zudem längst tot, können nicht singen (Bob Dylan) oder kommen aus viel zu weit entfernten Erdteilen (Nick Cave). Man darf also ganz ehrlich einräumen, dass diese Leute schlichtweg im Recht sind. Aber es gibt Hoffnung für die gekränkte männliche Seele: Nämlich eine Frau, die zwar in das Raster dieser Connaisseure passt, aber selbst offenbar dringend Männer braucht. Um ihre Kunst ausüben zu können, versteht sich. Nicht von Britney Spears soll hier die Rede sein, sondern von Roisin Murphy, „einstiges Disco-Vamp mit Talentüberschuss“ (urteilt die Berliner Zeitung). Die Sängerin des britischen Duos Moloko (benannt nach dem Getränk in der Bar aus Anthony Burgess’ "A Clockwork Orange", in der deutschen Übersetzung „Molocke“, um hier auch einen literarischen Bezug herzustellen) hat jüngst ihr erstes "Solo"-Album veröffentlicht, Titel: Ruby Blue. Bei Moloko war es Kollege und Lebensabschnittspartner Mark Brydon, der mit seinen einfallsreichen PC-Tüfteleien den Soundteppich auslegte, auf dem sich die exzentrische Irin wild tanzend und mit einer bemerkenswerten Stimme austobte. Bekannte Moloko-Songs wie Fun for me, The time is now, Familiar feeling sowie allen voran das von Boris Dlugosch gemixte Sing it back reizen mit einer äußerst unkonventionellen Art. Weil der Output irgendwie merkwürdig, aber zu gut war, um ignoriert zu werden, packten Musik-Journalisten Moloko in die (Mitte der 90er Jahre eingerichtete) Schublade mit der Aufschrift "Trip-Hop". Darin finden sich, inzwischen leicht angestaubt, auch Bands wie Massive Attack, Faithless oder Morcheeba, die mit Stilarten wie Hip-Hop, Dub oder Funk einen Gang zurückschalteten und sie so versatzstückten, als seien sie auf einem Trip. Trip-Hop eben. Nebenher eignet sich Murphy als Aufträgerin von Second-Hand-Klamotten auch glänzend dazu, in Modemagazinen Trend-Setter-Tipps für das angesagte Outfit zu geben (siehe hier), ihre Art zu tanzen ist wohltuend Spice-Girls-unähnlich und unerhört ausgelassen: In weiten Phantasie-Roben wirft sie Arme und Beine beinahe absurd in die Luft, ohne dabei je wie ein Funkemariechen auf Dope zu wirken. Moloko war in Sachen konsumentenorientierter Elektronischer Musik also ganz vorne dabei und Murphy die Diva für die Massen. Aber wie das so ist im Leben: Alle Liebe geht einmal zu Ende und so drohte mit dem Ende der Beziehung zwischen der Murphy und Brydon auch ein abruptes Ende großartiger Musik. Aber die Murphy hat glücklicherweise schnell wieder Anschluss gefunden: Bei Matthew Herbert, und der kann, wie Brydon, auch mit dem Computer umgehen. In dem Album Ruby Blue überrascht die Murphy zunächst damit, dass sie auf dem Cover ihren Vornamen mit zwei Accent aigu versieht. Gestatten: "Róisín!" - wie auch immer sich das auf die Aussprache auswirken mag. Aber das Unkonventionelle ist hier Programm, so auch die Musik. Allein schon für die Idee, aus dem entsetzlich naheliegenden "light of the dancing flame" eine Night of the dancing flame zu machen, lohnt es, dass dieses Album das Licht der Welt erblickt hat. Herbert mischt das Klangbild immer wieder mit Bläsern, Rauschen, Geräuschen und anderen Extravaganzen auf. Einige Songs sind sperrig oder nerven dann doch, weil sich der Kerl am Rechner offenbar austoben musste, aber dieses Phänomen war auch bereits bei den Moloko-CDs zu beobachten. Unendliche Leichtigkeit versprüht hingegen das jazzige Through time, marktgerecht leichtgewichtig und etwas weniger verspielt kommt die erste Single-Auskopplung If we’re in love daher, in Ramalama [Bang Bang] verpassen Murphy und Herbert dem Rhythmus unserer Großväter mit lässig-britischem Understatement den Takt des 21. Jahrhunderts. Und die Murphy hört dabei ganz einfach auf ihr Herz ("And if I need a rhythm, it’s gonna be to my heart I listen"), wie sie bekennt. Im fulminanten Titelsong Ruby Blue gibt die Murphy auf unwiderstehlich-beiläufige Art den Rat, den man für dieses Album generell geben kann: "Check this out!" Für laut.de ist nach Hören des soulig-, funkig-, jazzigen Albums klar: Programmierer Matthew Herbert ist nur Murphys "Erfüllungsgehilfe" (und nicht etwa wie ein Mirwais Ahmadzais, der die flauen Songs von Kommerz-Queen Madonna zeitgemäß aufpeppt) und für die Musik-Feministen ist der Beweis erbracht: Gute Musikerinnen brauchen Männer höchstens, um sie genüsslich auszusaugen. Rein künstlerisch, versteht sich. Übrigens: Sollte Miss Murphy sich einmal für nahegelegene Bühnen ankündigen: Schöner als eine singende Róisín ist nur noch eine singende und tanzende Róisín. Róisín Murphy: Ruby Blue. Echo/PIAS, 2005. 48,11 min. Spielzeit. Ca. 16,- Euro. Róisín Murphy im Internet: www.roisinmurphy.com

 

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