Mehr als Worte sagen

In ihrem Debüt beweist Anna Galkina einen Blick für das Detail

Wie ist es, jung zu sein, in einem sich auflösenden Land? Die Antwort auf diese Frage liefert Anna Galkina in Das kalte Licht der fernen Sterne, einem Romandebüt, in dem Gewalt und Idylle Hand in Hand gehen. Mit ihrem Blick für das Besondere erzeugt Galkina eine Atmosphäre, die unter die Haut geht. Daneben ist es Galkinas poetische, aber schnörkellose Sprache, die ihr Debüt absolut lesenswert macht.

Im Frühling werden Löcher in Birken gebohrt. Schwer bewaffnet mit allerlei Werkzeug geht es in den Wald, um süßen Birkensaft abzuzapfen. Denn Limonade ist in der Sowjetunion Mangelware. Die Konzertkarten von Modern Talking sind ebenso rar. Denn sie sind allesamt bereits reserviert und an Milizionäre und Funktionäre vergeben. Um zum Konzert ins Stadion zu kommen, umkreisen die Mädchen kurzerhand die Verkaufsstelle und fordern lautstark: »Gebt uns die Tickets! Alle Tickets an die Fans! Thomas, wir lieben dich!« Als die Mädchen es schließlich geschafft haben, hineinzukommen, ist ihr Schwarm Thomas Anders so weit entfernt, dass sie nicht einmal seine Gesichtszüge erkennen können. Dennoch ist Nastja glücklich.

Anna Galkinas Debüt Das kalte Licht der fernen Sterne steckt nicht nur voller Geschichten, die in Erinnerung bleiben, es hat selbst eine eben solche hinter sich. Denn so neu ist diese Neuerscheinung schon gar nicht mehr. Ein erstes, rund hundert Seiten umfassendes Romanfragment erschien erstmals im Herbst 2014 als E-Book im Amazon-Programm »Kindle-Singles«. Dort erhielt der Text ein Lektorat und ein professionelles Cover. Davor hatten 25 Verlage die Textprobe abgelehnt. Über Umwege gelangte der Text schließlich an die Frankfurter Verlagsanstalt, wo er vervollständigt werden konnte. Nun liegt das lesenswerte Debüt in gedruckter Form vor.

In der Umschlagklappe des Romans finden sich die in Brauntöne getauchten Fotografien von hölzernen Reihenhäusern hinter schiefen Lattenzäunen. Es sind Bilder der Sowjetunion der 80er bis 90er Jahre, in der die Ich-Erzählerin Nastja aufwächst. Es ist eine Periode des politischen Umbruchs. Galkina selbst spricht von einer Zeit der Gesetzlosigkeit. Die Autorin verbrachte ihre Kindheit in einem Dorf in der Nähe von Moskau und kam 1996 mit ihren Eltern nach Deutschland.

Worüber man nicht spricht

Der Roman beginnt mit der Rückkehr der Protagonistin Nastja in ihr Heimatdorf. Es ist der Ort ihrer Kindheit, den sie vor zwanzig Jahren verlassen hat. Aber vor allem ist es ein Ort voller Geschichten, Anekdoten und Erinnerungen, die Nastja mit dem Leser teilt. Das kalte Licht der fernen Sterne ist ein Episodenroman, dessen Szenen einzeln bereits ausdrucksstarke Fragmente darstellen, zusammengesetzt jedoch eine facettenreiche Aufnahme einer Zeit im Umbruch liefern.

Obwohl der Roman in der Ich-Perspektive verfasst ist, löst sich von Zeit zu Zeit die Erzählung von der Protagonistin und berichtet aus dem Leben anderer Charaktere. Oder der Roman macht Platz für lyrisch anmutende Passagen, in denen ein Geruch penibel genau aufgespalten wird: »Der Frühling duftet nach Maiglöckchen, nach Moos, nach modrigem Holz, nach Tau und feuchter Erde, nach Flieder und Jasmin, nach Mimose, nach Geheimnissen, nach Sehnsucht.«

Präzise Beobachtungen anstelle von Wertungen machen den Erzählstil der Protagonistin aus. Sie schaut hin, auch wenn es weh tut. Denn Nastja wächst in starren, autoritären Strukturen auf, in der Gewalt zum Alltagsbild dazugehört. So erlebt der Leser die Erzieherinnen im Kindergarten und im Klassenzimmer, die ihre Schutzbefohlenen mit körperlicher oder psychischer Gewalt demütigen ebenso wie den skurril anmutenden Exhibitionismus in öffentlichen Verkehrsmitteln. Als Jugendliche macht Nastja die Bekanntschaft mit drei Mädchen, »den Schlampen«, die – wie beiläufig – über ihre Abtreibungen und selbsteingeleiteten Fehlgeburten sprechen. Schilderungen dieser Art, sowie eine brutale Szene öffentlicher, sexueller Gewalt sind Teil der Welt, die Galkina beschreibt. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb die Autorin anfangs den Titel Worüber man nicht spricht gewählt hatte.

Kuriose Momente und Plumpsklokomik

Diese Beschreibungen von Grausamkeit im Alltag und misslingenden Fluchtversuchen stehen bewusst neben Passagen, in denen Humor und Ironie zwischen den Zeilen aufblitzen. Da sind Geschichten über eine Bibliotheksdirektorin mit Männerproblemen, über Nastjas Mutter, die eine telefonische Partnervermittlung in Anspruch nimmt und dann ist da auch noch das Plumpsklo im Garten, das immer wieder neue Herausforderungen birgt: Beispielsweise friert der Haufen im Winter ein und muss mit dem Spaten gespalten werden. Zum Abwischen muss durchlöchertes Zeitungspapier genügen, aus denen die Oma vorher jedes Foto eines kommunistischen Politikers rausgeschnitten hat.

Es ist die Unterschiedlichkeit der Episoden, die ein vielschichtiges Gesamtbild erschafft. Mit diesem Roman hat die Autorin es sich zur Aufgabe gemacht, ein Gefühl zu vermitteln, erklärte Galkina vor einiger Zeit im Interview mit Funkhaus Europa. »Ein Gefühl davon, wie es ist, jung zu sein, in einem sich auflösendem Land.« Es ist ihr gelungen. Denn nach der Lektüre will auch der Leser nach dem kalten Licht der fernen Sterne greifen. Es ist das Gefühl der Sehnsucht.

Anna Galkina: Das kalte Licht der fernen Sterne. Frankfurter Verlagsanstalt: Frankfurt a. M., 2016. 218 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 978-3-627-00224-4. – Auch als E-Book erhältlich.

 

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