Geheimgesellschaften

Manfred Poser ließ sich von einer Ausstellung nach Frankfurt locken und bricht eine Lanze für Gaßner und Mesmer

Die Ausstellung in der Frankfurter Schirn mit dem Titel Geheimgesellschaften musste ich als erklärter Tifoso des Okkulten sehen. Sie läuft noch bis zum 25. des Monats, und ein wenig Aktualität schadet dieser Kolumne nicht.

Zuvor hatte ich auf 3sat am 17. Juli Teile eines Themenabends mit demselben Titel gesehen. Ich kriegte eine Reportage über die Sonnentempler mit und eine über die Colonia Dignidad in Chile, beides dubiose Sekten, die in den vergangenen 20 Jahren in die Schlagzeilen gerieten. Aber unter Geheimgesellschaften stellt man sich etwas anderes vor. Es gibt wohl eine untergründige Geheimnislust in der Bevölkerung, die auch von der Schwemme schlechter Krimis nicht zureichend gestillt werden kann. Das Fernsehen holt sich dann eben aus dem Archiv, was irgendwie zum ausgerufenen Thema passt. Es waren übrigens unerträglich langatmige, schwerfällige Reportagen.

 

(Foto: Norbert Miguletz/Schirn Kunsthalle, Frankfurt)
Schön geheimnisvoll geht es in der Schirn zu.
(Foto: Norbert Miguletz. Mit freundlicher Genehmigung der Schirn Kunsthalle, Frankfurt.)

 

Die Ausstellung in der Schirn

Atmosphärisch überzeugt die Ausstellung in der Schirn, die auf einer Etage ziemlich gut in Bilder und Installationen gefasstes okkultes Gemurmel und Geraune zeigt. Nun hätte man das Angebot auch auf dieser Ebene konzeptionell begleiten können. Stattdessen muss man zum Einstieg Sätze wie diese lesen: »Wie stellt man das Unsichtbare dar? Wie geht man damit um? Und wie und warum sollte man genau das publik machen, was naturgemäß unsichtbar ist?« Anders gesagt: Warum Kunst?

Bei Hakim Bey findet man etwas dazu:

»Ich glaube, dass die moderne Kunst als Widerstand der Bedingung des Ungesehenen (unseen) zustrebt. Was real ist, aber nicht gesehen wird, hat die Kraft des Okkulten, der Imagination, des Erotischen […] bloß durch diese Existenz fordert es die Welt der üblichen Bilder heraus und verändert (wie wenig auch immer) die Form der Realität, über die sonst Konsens herrscht.«

Dann wird noch ein Zusammenhang hergestellt zwischen der Welt der Kunst (einer Kunstwelt, ja) und den Geheimgesellschaften: Interessant, doch darüber erfahren wir nichts. Das allerdings ist mit Exponaten nicht zu schaffen, da es Dinge wie den Marktwert von Künstlern betrifft und wie er zustande kommt, ein börsliches Phänomen also, wofür gerade Frankfurt eigentlich prädestiniert wäre … Doch dazu bräuchte es einen Roman.

Sehr schön ist das Bild Information von Lynette Yiadom-Boakye, das vier Hexen darstellt. Der Rest ist ein Sammelsurium des Düsteren ohne Ordnung, und irgendwo im Katalog liest man befremdet: »Wenn man in Google ›secret societies‹ eingibt …« So arbeiten sie alle, Google als Füllhorn, und überschwemmt von Material gibt man auf und lässt sich ertränken. Zwei textgesättigte Tableaus von Suzanne Treister machten mich aufmerksam, und ich fragte mich, was die Künstlerin gegen Remote Viewing und das Monroe-Institut hat, die sie gemeinsam mit Satanisten und Okkultisten verbrät. Dass Buchanan und McMoneagle am Institut des großartigen Robert Monroe Hemi-Sync lernten und so zu Hellsehern wurden, wie es auf Treisters Tafeln steht, stimmt nicht. Sie waren einfach super begabte Leute, und Remote Viewing ist nichts Dämonisches.

Immerhin erfuhr ich auch, dass der portugiesische Autor Fernando Pessoa (1888–1935) mittels Meditation geistige Reisen unternahm. Dazu heißt es in der Frankfurter Ausstellung: »… drangen Pessoa und seinesgleichen bis zur Quelle aller Symbole vor: dem menschlichen Geist.« Das klingt umfassend und ist unschlagbar. Die Kabbala ist übrigens keine Geheimgesellschaft.

 

Romantische Gesellschaften
Johann Joseph Gaßner
Johann Joseph Gaßner – Titelkupferstich aus dessen Schrift Weise, fromm und gesund zu leben, auch ruhig und gottselig zu sterben von 1775
(aus dem Buch Der animale Magnetismus von Emil Schneider, 1950)

Ich hatte mich mehr mit der Romantik beschäftigen wollen und holte mir Rüdiger Safranskis Buch Romantik von 2007. »Überhaupt das Geheimnis. In dieser literaturbesessenen Epoche hatte es Konjunktur. […] Die allgemeine Stimmung hatte sich geändert, man fand wieder Gefallen am Rätselhaften, der Glaube an die Transparenz und Kalkulierbarkeit der Welt war schwächer geworden.« Den »Teufelsaustreiber« Johann Joseph Gaßner (1727–1779) könnte man differenzierter sehen. Emil Schneider schildert diesen »grössten Heilmagnetiseur und Exorzist seines Jahrhunderts« in seinem Buch Der animale Magnetismus (Zürich 1950) auf den Seiten 77 bis 92.

Auch Franz Anton Mesmer (1734–1815) und sein Magnetismus kommen zu kurz … Das war um 1800 eine mächtige Bewegung, deren Untergang noch heute zu beklagen ist, und Novalis vermerkte im weiteren Plan zum nie beendeten Heinrich von Ofterdingen: »Die alten Zeiten. Astrologie, Arzeneikunst, Alchymie. […] Kinder spielen immer mit Geistern. […] (Anspielungen auf Elektrizität, Magnetism und Galvanismus.)«

Safranski pflügt also zügig durchs achtzehnte Jahrhundert, und dann fasst er wieder Tritt:

»Diese Atmosphäre begünstigt ein literarisches Genre, zu dessen Erfindern Schiller mit seinem Geisterseher-Roman gehört. Es ist das Genre des ›Bundesromans‹, der mit wohligem Grausen von mysteriösen Geheimgesellschaften und ihren Machenschaften erzählt. In den 80er und 90er Jahren erschienen über zweihundert einschlägige Titel, meist dem Trivialbereich zugehörig, aber mit mächtiger Ausstrahlung auf die literarischen Gipfelhöhen. In Goethes ›Wilhelm Meister‹ gibt es die geheime Turmgesellschaft; Jean Pauls ›Titan‹ und Achim von Arnims ›Die Kronenwächter‹ oder Tiecks ›Wilhelm Lovell‹ sind ebenfalls geprägt von der Tradition des ›Bundesromans‹.«

Franz Anton Mesmer
Portrait Franz Anton Mesmers
(aus dem Buch Der animale Magnetismus von Emil Schneider, 1950)

Schillers Geisterseher habe ich dann gelesen. Der Graf von O** berichtet über seinen Bekannten, einen Prinzen, der in Venedig in die Fänge einer Geheimgesellschaft gerät. Vorher finden einige Séancen statt, und Schiller gibt sich Mühe darzutun, dass die Geistererscheinungen auf kunstvolle Weise manipuliert wurden … doch dann gibt es doch einen unerklärten Geist. Der Prinz verschuldet sich. Und er wird manipuliert. »Unter den Zirkeln, in die man ihn zu ziehen gewusst hatte, war eine gewisse geschlossene Gesellschaft, der Bucentauro genannt, die unter dem äußerlichen Schein einer edeln vernünftigen Geistesfreiheit die zügelloseste Lizenz der Meinungen wie der Sitten begünstigte.«

Der Prinz verliert die Richtung; aber wir hören wenig von den Umtrieben dieser Gesellschaft, und um die Zügellosigkeit zu erfahren, die uns der brave Schwabe Schiller vorenthält, müssen wir uns an das halten, was uns Donatien Alphonse François de Sade, der Marquis, in seiner Histoire de Juliette erzählt, etwa zur selben Zeit (1791) entstanden. Nein, lieber Schiller! Sein Prinz verliebt sich in eine Griechin, und am Ende, nach vielen konfusen Begebenheiten, kehrt er in den Schoß der katholischen Kirche zurück – so jedenfalls interpretierte ich den Schluss.

Der Ingolstädter Illuminatenorden, den Professor Adam Weishaupt 1766 gegründet hatte, war 1784 »infolge jesuitischer Umtriebe in Bayern verboten« worden, wie Egon Friedell in seinem Buch Aufklärung und Revolution schreibt. Wie Safranski geißelt er Gaßner und Mesmer. Kulturhistoriker fassen diese Leute, die Ende des 18. Jahrhunderts Tagesgespräch waren, nur mit spitzen Fingern an und wissen zu wenig über sie. Friedell erwähnt aber Casanova und Cagliostro und lässt immerhin dem schwedischen Seher Emanuel Swedenborg Gerechtigkeit widerfahren, bevor er Friedrich Wilhelm den Zweiten von Preußen als Opfer geheimer Orden beschreibt, die in seinem Hause geheime Totenbeschwörungen abhielten. Ist doch zu schön, aber ob es stimmt?

Ich werde den Geheimgesellschaften auch nächstes Mal auf der Spur bleiben, da die Schirn noch ihre Ausstellung hat.


 

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