"Gekommen um zu bleiben"

Wir sind Helden überzeugen durch den Mut, sich treu zu bleiben und doch frischer zu klingen

Cover des neuen Helden-AlbumsVon der Konsumkritik der Band Wir sind Helden profitierten vor allem die Plattenfirmen, die im vergangenen Jahr, nicht zuletzt dank deutschsprachiger Produktionen, ein starkes Umsatzplus verbuchen konnten, nachdem in den Jahren zuvor immer weniger Kunden den Weg in die Läden gefunden hatten. Wie lange der von Wir sind Helden ausgelöste Deutschpopboom anhalten wird, ob er sich als ähnlich schnell verlebte Mode erweist, wie seinerzeit etwa die Hamburger Schule, ein Konglomerat verschiedenster Bands, die, kaum dass sie einen Plattenvertrag erhalten hatten, schon wieder auf der Straße standen, weil sie die in sie gesetzten wirtschaftlichen Erwartungen nicht erfüllen konnten, wird sich zeigen müssen. Ebenso, ob Wir sind Helden tatsächlich gekommen sind, um zu bleiben, wie es in der ersten Singleauskopplung ihres neuen AlbumsVon hier an blind heißt. Zumindest beweisen sie, dass sie gewisses Standvermögen haben, aber auch verspielt genug sind, um sich nicht langweilig zu wiederholen. Die Konsumkritik ist auf null zurückgefahren, und ehrlich gesagt: sie stand der Band nicht, sie stand der Zeit – und steht ihr, nachdem sie mittlerweile ja auch als Kapitalismuskritik in der Politik angekommen ist, immer noch. Für die Popmusik ist das eigentlich kein Thema, denn letztlich geht es doch immer auch ums große Geldverdienen. Und dass Musik Konsumware ist, auch davon zeugen die eingängigen Lieder, die Wir sind Helden auf ihren Platten vereinen. So fehlt zum Experimentieren häufig am Ende der Mut, denn finanziell zu scheitern heißt in unserer Gesellschaft gleich ganz scheitern, und wenn man noch so kreativ oder innovativ ist.

Dennoch machen Wir sind Helden auf ihrer neuen Platte eine Entwicklung durch. Auch wenn sie Keyboards noch immer als ihr Lieblingsspielzeug bezeichnen, sind diese doch weitestgehend in den Hintergrund gerückt und lassen mehr Platz für Gitarren, die dem Ganzen einen alternativeren Klang geben, der nicht mehr so stark an die NDW erinnert. Das tut ihnen auch gut, denn etwas, das wie etwas schon Dagewesenes klingt, noch einmal aufzulegen, hätte wohl zu Recht den Vorwurf der Ideenlosigkeit nach sich gezogen. Inhaltlich leben die Lieder von ihren andeutungsreichen Texten, die versuchen, nicht immer direkt auszusprechen, worum es eigentlich geht. So etwas kann nervig sein, ist es hier aber nicht. Eher lädt es dazu ein, hinzuhören und die Musik nicht als Nebenbeigedudel laufen zu lassen. In "Darf ich das behalten" weiß man eigentlich auch am Ende nicht, was Bandleaderin Judith Holofernes eigentlich behalten möchte, und im Titelsong "Von hier an blind" löst sich die erzählte Geschichte nicht ganz auf. Eindeutig hingegen sind Lieder wie "Zuhälter", das sich explizit gegen die Praxis der Musikindustrie richtet, und "Geht auseinander", ein Lied über ein Paar, das sich lieber gegenseitig schlägt, als sich zu trennen. Letztere zählen leider auch zur Kategorie unnötiger Lieder, in denen die musikalische Begleitung zu den allzu schnell überhörten Texte langweilig und fad wirkt. Was diesen Liedern fehlt, ist nicht der Anspruch - Sendungsbewusstsein ist eher zuviel da -, sondern die Idee, die jedes einzelne von ihnen zu etwas Besonderem macht. Auf einer sehr niedlichen Idee zum Beispiel basiert "Ein Elefant für dich":

Einer der nicht sollte, weint am Telefon Und eine die nicht wollte, weint und weiß es schon Deine Beine tragen dich nicht wie sie sollten So oft gehen die, die noch nicht weg gehen wollten Ich weiß, ich weiß und ich ertrag es nicht Halt dich bei mir fest, steig auf, ich trage dich Ich werde riesengroß für dich Ein Elefant für dich

Judith Holofernes' kindliche Stimme, dazu der tragende Rhythmus des Schlagzeugs, unterstützt von kräftigen Gitarren, geben Text und Musik eine selten gehörte Einheit. Leider dominiert die etwas kitschige Lolitastimme (ohnehin eines der eher unerklärlichen Phänomene in der momentanen deutschsprachigen Musik - siehe auch Annett Louisan) das ganze Album, so dass die Gefahr groß ist, sich allzu schnell sattgehört zu haben. Da hilft es auch nicht, dass das Album insgesamt rauer ist als sein Vorgänger Die Reklamation (2003). Dennoch ist Von hier an blind ein hörenswertes Album. Die Band zeigt deutlich ihr Potential zum Bleiben und zur Weiterentwicklung. In einer Zeit, in der die Mutlosigkeit in unserer Gesellschaft um sich greift, ist es auch zu verzeihen, wenn mal fröhlichere Töne angeschlagen werden. Dass dies in der deutschen Popmusik zum Usus geworden ist, haben Wir sind Helden zwar sicherlich mitverursacht. Schuld an der momentanen Flut von halbtalentierten Seichtpopgruppen aber sind sie nicht. Hier liegt es an uns Konsumenten, den Konzernen durch unser Kaufverhalten eindeutig zu signalisieren, dass wir uns nicht weichspülen lassen und nicht auf jeden Schlager (denn in der Tradition ist diese Musik ja eigentlich zu sehen) hereinfallen, nur weil seine Interpreten jung sind und deutsch singen. Wir sind Helden: Von hier an blind. Berlin: Labels, 2005. Ca. 48 min. Spielzeit. Ca. 15,- Euro. Wir sind Helden im Internet: www.wirsindhelden.com.

Mir kommt das so ein bisschen

Mir kommt das so ein bisschen so vor, als dass der Verfasser dieses Berichtes die Aufgabe hatte, einen ingesamt positiven Text über etwas zu verfassen, von dem er selber eher eine negative Meinung hat. Auch habe ich, die sich mit der Band mehr als genug auseinander setzt, ohne das Voreigenommene eines Fans zu haben, habe den Eindruck das der hier tätige Autor keine nennenswerten Schwerpunkte auf die Informations suche rund um die Band gesetzt hat.
Der Artikel wirkt auf mich mehr wie en Schulaufsatz, bei dem hartnäckig das Schema Pro- Kontra verwendet wurde, ohne darauf zu achten, dass dieses Scheme auf getippte eine Seite sehr anstregend wirkt.
Ann Lautenbach

 

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