Gimmicks für Geisteswissenschaftler – und noch mehr?

Der Kölner Kongress für Absolventen: Ein Messebesuch aus geisteswissenschaftlicher Perspektive

Aus ganz Deutschland strömten am 24. und 25. November junge Menschen zum Absolventenkongress auf das Kölner Messegelände. Die herausgeputzten Absolventen und Young Professionals waren alle auf dem Weg zur Halle 8, in der die größte deutsche Jobmesse stattfand. Dort präsentierten sich in diesem Jahr 250 Unternehmen.

Logo des Absolventenkongresses 2010 in Köln (Foto: © Staufenbiel Institut)
Logo des Absolventenkongresses 2010 in Köln (Foto: © Staufenbiel Institut)

Der Absolventenkongress richtet sich an alle Fachrichtungen, ist aber besonders für die Absolventen interessant, die einen Einstieg in Wirtschaft und Technik suchen. Damit wirbt das Staufenbiel Institut, der »führende Anbieter für Personalmarketing und Recruiting-Lösungen für junge Akademiker«, das diesen Kongress jährlich veranstaltet. Bietet er aber auch Nützliches und Spannendes für Studenten der geisteswissenschaftlichen Fächer, die genau dieselben Fragen und Probleme in Bezug auf Arbeitssuche und Zukunft nach dem Studium haben?

Kaffee, Kugelschreiber und Konzerne – ein Kongressüberblick

Mit gewissen Abstrichen hat die Jobmesse tatsächlich für jeden etwas zu bieten. Dass Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaftlicher wesentlich mehr interessante Dinge für sich dort entdecken können, ist klar, sobald man sich die Website des Kongresses ansieht. Die aufgelisteten Firmen und Großunternehmen lassen keinen Zweifel daran aufkommen, für welches Zielpublikum sich ein Besuch hier vorrangig lohnen könnte: Firmen wie Allianz, Deloitte, e.on, IBM, Lidl, Kienbaum und MLP sind nur einige wenige, die sich in Halle 8 präsentieren und versuchen, den engagierten Absolventen ihr Unternehmen als möglichen zukünftigen Arbeitsplatz schmackhaft zu machen. An fast jedem Stand gibt es Kaffee, Energy Drinks oder andere kleine Aufmerksamkeiten, wie etwa Kugelschreiber und Schokolade. Geknausert wird hier nicht. Das Interesse ist offenkundig auf beiden Seiten ausgiebig vorhanden – bei Arbeitgebern wie auch bei den potenziellen Arbeitnehmern. Und bereits morgens um kurz nach neun Uhr warten die Firmenrepräsentanten bereits gespannt auf die ersten Ankömmlinge an ihren Ständen und stürzen sich regelrecht auf die ersten zögernden und noch orientierungslosen Besucher. Aber gibt es neben den erwähnten Gimmicks auch wirklich Entdeckenswertes für die Philosophen, Germanisten und Sozialwissenschaftler unter den Uni-Abgängern? Eine Suche nach seiner eigenen Fachrichtung auf der Homepage des Absolventenkongress und die tabellarische Übersicht in dem auf der Messe überall ausliegenden Heft Kongressüberblick zeigt deutlich: Es gibt eher wenig Firmen, die interessant für dieses Publikum sein könnten. Vereinzelt findet man auch Praktikumsangebote im Bereich Marketing, PR und sogar eines im Bereich Lektorat, die sich gesammelt an der »Jobwall« finden lassen. Die »Jobwall« ist eine Art Schwarzes Brett, an der Stellenausschreibungen von den präsentierten Unternehmen ausgehängt sind. Postiert im hinteren Teil der Halle stellt sie einen guten Anlaufpunkt dar, vor allem, wenn man gerade ein paar Minuten zwischen zwei Gesprächsterminen oder Vorträgen zu überbrücken hat.

Wissenswertes nicht für Wirtschaftswissenschaftler

Dagegen sind einige der über 130 Vorträge tatsächlich für alle Fachrichtungen interessant. So z.B. der Vortrag »Klasse statt Masse – Die Bewerbungsunterlagen«. Als Student beschäftigt man sich naturgemäß eher selten mit dem Erstellen von Bewerbungsunterlagen,viele Jungakademiker haben das letzte Mal zu Schulzeiten eine Bewerbung verfasst. Regeln und Design haben sich mit der Zeit geändert. Dass man eine Bewerbung nicht einfach schnell mal in fünf Minuten schreiben und abschicken kann, machte Henrietta Müller von Kienbaum Consultants International in ihrem Vortrag klar. Nicht nur der generelle Aufbau – wie Anschreiben, Lebenslauf und Anlagen – wurden detailliert besprochen, sondern auch die Vorbereitung für eine gute Bewerbung, die Möglichkeiten von Bewerbungsfotos und Beispiele, wie man es besser nicht machen sollte. Es wurde immer wieder betont, dass eine Bewerbung eine »Werbeaktion in eigener Sache« ist. Ein roter Faden und plausible Argumentationen im Anschreiben und Lebenslauf sollen dabei zum gewünschten Erfolg führen: der Einladung zum Vorstellungsgespräch.

In den Gängen herrscht Betriebsamkeit. Studenten, Absolventen und Young Professionals informieren sich an den Ständen der Unternehmen über Jobs und Karrierechancen. (Foto: © Staufenbiel Institut)
In den Gängen herrscht Betriebsamkeit. Studenten, Absolventen und Young Professionals informieren sich an den Ständen der Unternehmen über Jobs und Karrierechancen. (Foto: © Staufenbiel Institut)

Auch der Vortrag »Wo Persönlichkeit zählt – Das Vorstellungsgespräch« zeigte informative Aspekte auf. Dr. Wolfgang Lichius, ebenfalls von Kienbaum Consultants International, hat nach eigenen Aussagen bereits etwa 2500 Vorstellungsgespräche miterlebt und erzählte von den Do’s and Don’t’s. Er spielte ein idealtypisches Auswahlverfahren in einem Großunternehmen durch und sein Fazit lautete sodann klipp und klar: »Be yourself«. Die Authentizität der eigenen Person war neben einer guten Vorbereitung einer der wichtigsten Punkte. Die Vorträge waren so gut besucht, dass die Bestuhlung bei weitem nicht ausreichte. Für zukünftige Messebesuche empfiehlt es sich daher, möglichst pünktlich zu erscheinen, wenn man noch einen Sitzplatz ergattern will. Abgesehen von Vorträgen zu Bewerbungsmappen, Vorstellungsgesprächen, Selbstmarketing und Einstiegsgehältern, konnte man einzelne Firmen in halbstündigen Unternehmenspräsentationen näher kennen lernen. Daneben gab es auch Expertengespräche, in denen z. B. »Die ersten 100 Tage im Job« und ihre geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze diskutiert wurden. Hilfreich für alle Fachrichtungen war außerdem die Möglichkeit, seine Bewerbungsunterlagen vor Ort prüfen zu lassen. Einzelne Stände und Unternehmen boten einen solchen Check an, der auch bereitwillig von den Absolventen genutzt wurde. Am Stand der Finanzberater MLP konnten auch kostenlose Bewerbungsfotos erstellt werden. Angebote, die man unbedingt wahrnehmen sollte, da sie außerhalb einer Jobmesse meist nur von teuren Bewerbungscoaches und Profilern offeriert werden.

Der Kölner Absolventenkongress – ein geisteswissenschaftliches Fazit

Auch für den Geisteswissenschaftler gibt es also durchaus ein paar interessante Angebote auf der größten deutschen Berufsmesse, die Vorträge und Bewerbungschecks sind für sie ebenso informativ und nützlich. Unternehmensauswahl und Angebote an den Ständen sind allerdings nur selten auch für den Geisteswissenschaftler ansprechend. Die angebotenen Trainee-Programme, Praktika und anderen Stellenausschreibungen zielen mehr auf das wirtschafts- und technikinteressierte Publikum ab. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man die Messe vielleicht im nächsten Jahr besuchen möchte. Das Programm des Kongresses kann man im Vorfeld immer schon online studieren. Der Kongress findet jährlich statt, zudem gibt es auch kleinere regionale Absolventenkongresse in Baden-Württemberg (9. Juni 2011), Norddeutschland (30. Juni 2011) und Berlin (6. Juli 2011). Am letzten Wochenende im November 2011 ist es dann auch in Köln wieder soweit. Ein kleiner Tipp noch: Auf der Website des Absolventenkongresses kann man in den Monaten vor der Messe sein Ticket vorab online bestellen. Der Vorteil: Es ist wesentlich günstiger als die Tageskasse vor Ort, man bekommt sein Namensschild und Ticket per Post zugesandt und muss am Messetag nicht an der Kasse Schlange stehen. Ach ja, und: Für den Absolventenkongress gilt ein strenger Dresscode: Anzug für die Herren und Kostüm oder Hosenanzug für die Damen ist – geisteswissenschaftliche Nonchalance hin oder her – an den Messetagen Pflicht.

 

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