Gott verdamme mich oder: Basara schreibt besser

Zu Svetislav Basaras »Führer in die innere Mongolei«

Svetislav Basara: Führer in die innere Mongolei

Rezensionsexemplare treffen ein, man blättert, sieht sich die Einbände an, murmelt mit Sabber in den Mundwinkeln vor sich hin, erinnert sich an die ersten Leseerlebnisse, oh ja, grandiose Stunden waren das, angefüllt mit Abwesenheit, hatte da nicht jemand gerufen, und ehe man sich versah, schrieb man selbst, vielleicht geschult an den Romanen von Thomas Mann, versuchte man sich mit viel zu langen Sätzen, die manchmal noch aus einem heraus brechen. Kurze Zeit liest man Hemingway. Dann werden auch die eigenen Sätze kürzer. Wie sonderbar. Ein Leseleben verbraucht Energie. Wahrscheinlich viel zu viel Energie. All die Geburten, Scheidungen, Morde, Selbstmorde, Justizirrtümer vergewaltigen das eigene Selbst. Die Literatur besteht aus einem Heer von Büchern, die antreten, um uns zu überwältigen. In den meisten Fällen überwältigen sie aber leider nur unsere Geldbeutel, unsere Zeit, unsere Geduld. Spätestens jetzt hinterfragt man sein Leseleben. Man befragt den befremdlichen Gedanken, das Leseleben zu beenden. Man könnte in einer Buchhandlung Amok laufen, man könnte sich auf der Frankfurter Buchmesse in die Luft sprengen. Am Ende aber bleiben alle Gedanken nur Literatur. Aus eben diesem Grund ist man ja auch Leser geworden. Und dann plötzlich schlägt das Schicksal in seiner ganzen Zärtlichkeit zu. Es beschenkt einem mit einem Buch, das einen wieder Kind werden lässt, der Atem wird schneller, man schwitzt, Gott, ganze Liter rinnen am Körper herab, man wird zu einem Springbrunnen, einem Wasserfall, und bemerkt fast zu spät: abermals wurden die Sätze länger und leider auch viel zu pathetisch. Also schüttelt man sich und gebietet den Übergriffen dieses fremden Buches Einhalt. Vielleicht hatte ich gerade eine Zigarette geraucht, vielleicht auch nicht. Ehrlich gesagt, weiß ich das auch überhaupt nicht mehr. Ich schreibe Zigaretten einfach gerne in meine Texte hinein, weil sie dem Ganzen einen, wie soll ich sagen, gewagten Touch geben, man gebärdet sich wild, man möchte sich gerne als kettenrauchendes Genie sehen. Wahrscheinlich wird man sich solche Gedanken auf der Lungenkrebsstation schnell abgewöhnen, das Rauchen wohl leider eher nicht mehr. Ich nahm also den Neuerwerb in meine Hände und las. Gott, verfluchte Scheiße, dachte ich. Und glauben Sie mir, das habe ich wirklich gedacht. Ich fluche gern und viel. Jeder in meiner Familie flucht gern und viel. Eine weitere Unart, mit der wir uns von der Masse absetzen wollen. Obwohl, glauben Sie das jetzt lieber nicht. Ich glaube jetzt habe ich auch wieder gelogen. Sie wissen doch: Lügen gehört zum Handwerk. Wir fluchen einfach nur gerne. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Die letzen beiden Sätze waren natürlich Hemingway-Sätze. Die Thomas-Mann-Sätze mag ich inzwischen überhaupt nicht mehr. Wo war ich? Genau! Ich fluchte. Warum ich fluchte? Weil ich einen gottverdammten Berserker von einem Roman las, einen Roman, wie man ihn nur ganz selten in die schweißnassen Hände bekommt, wie er sich einem nie offenbaren will. Gottverdammt, wo sind sie nur, all die guten Bücher? Wie war der Name des Autors? Svetislav Basara. Noch nie gehört. Wo hat der sich nur die ganze Zeit rum getrieben? Hm, mal hinten im Schutzumschlag nachsehen. Das Bildchen von ihm sieht aus, als hätten sie sich einen aus einer Trinkerhalle weggestohlen. Mehr so ein Geht-schon-Foto. Können die da nicht mal ein paar gute Fotografen ranlassen. Wie läuft so was? Wahrscheinlich so: Verlag: Wir brauchen ein Autorenfoto, Autor: Passt. Hab hier noch eins rum fliegen. Anschließend hört man Rülpsen und das Räumen von Flaschen. Dann ist das Gespräch beendet. Verflucht, lichtet die Typen doch in verrauchten Kneipen ab, wie sie sich gerade im Halbschatten einen hinter die Binde gießen. Solche Fotos wollen wir. Oder? Ja! Das wollte ich hören. Weiter geht es. Mal sehen. Er ist also 1953 geboren. Tolle Sache, kann ich da nur sagen. Serbe. Aha. Gute Filmemacher gibt es ja. David Albahari wird erwähnt. Ist okay. »Götz und Meyer« hat mir gefallen. Kennen Sie nicht? Kaufen, sag ich. So. Basara hat über 20 Romane geschrieben. Gut. Also ab in die Weiten des Internet. Mal sehen. Wie? 20 Romane? Gott verdamme mich. Man findet gerade mal einen im Internet. Da kann ich nur sagen, na dann mal ran, meine lieben Herren Übersetzer. Da sitzt da irgendwo so ein serbisches Genie rum, aber keiner übersetzt ihn. Dankt dem Kunstmann-Verlag, dankt dem Übersetzer Patrik Alac. Gut. Jetzt könnt ihr euch wieder setzen, meine Schwestern und Brüder. Na, so gemütlich braucht ihr euch auch wieder nicht hin setzten. Kaufen müsst ihr das Buch nämlich auch noch. Denn er braucht Leser, unser Basara, Leser, Zuspruch braucht er. Jetzt reicht es aber. Rohm, Sie setzen sich jetzt auch wieder. Mach ich natürlich. Basaras Roman »Führer in die innere Mongolei« ist der Roman, ich gebe es unumwunden zu, den ich gerne geschrieben hätte. Ein archaisches anarchisches verrücktes Buch über die Welt en gros und en detail. Heißt: wir kommen da alle drin vor. Das Buch ist ein Reiseführer in die Innenwelten einer ganz besonderen Spezies, die von manchen »Mensch« benannt, eventuell in gar nicht so ferner Zukunft aussterben könnte. Gut, das es dann vielleicht noch die Bücher von Basara gibt. Die Toten werden mit einem Schmunzeln darin blättern. Die müssen sich ja dann auch irgendwie unterhalten können. Der Auftrag eines Toten steht am Anfang des Romans. Das Roman-Ich wird in die Mongolei entsandt. Er soll mal einen Reiseführer über die Mongolei abliefern. Gesagt. Getan. In Romanen reist man schnell. (Kleine Randnotiz: In Science-Fiction-Romane dauert die Reise quer durch das gesamte Universum oft nur einen Satz. Da kann man mal sehen: Literatur ist das beste Transportunternehmen.) In der Mongolei bekommen wir dann satirisch-absurde Einblicke in die Ökonomie, in die Erotikbranche. Es tauchen ferner auf, ein Bischof Van den Garten, der wie es viele andere Bischöfe wohl gerne tun würden, im Bordell missioniert, dann noch ein gewisser Chuck, der für eine Zeitung schreibt, die längst eingestellt ist. Dann ist da noch ein Herr Mercier, der einem Emanuelle-Film entstiegen und bereits tot ist. Gott, was anderes hätte man da wohl auch nicht erwartet. Ein Lama wäre noch zu erwähnen, ehemaliger Spitzel des KGB und ein gewisser Doktor Andreotti. Ach: Charlotte Rampling taucht auch noch auf. Selbstverständlich wird auch eine Hexe verbrannt. Da ist für jeden was dabei. Vor allem für all jene unter uns Lesern, die sich gerne in Textfluchten verlieren. Da taucht schnell die Frage auf, wo man denn eigentlich ist. Keine Angst. Sie sind immer an der absolut richtigen Stelle, und zwar im Buchstabenmeer eines ganz großen Autoren, das muss man immer wieder erwähnen, auch wenn wegen solcherlei Aussagen die Sätze wieder einmal länger als gewünscht werden. Und dann kehrt das Roman-Ich plötzlich aus Ulan-Bator zurück. Auch die Rückreise ist eine typisch literarische Rückreise. Man erwacht einfach. So reist man in Romanen zurück. Leser reisen derart auch meist zurück. Da gleicht man sich dann an. Ab dem Moment der Rückreise greift die Postmoderne ein, im Gepäck hat sie den magischen Realismus. Alles ist möglich. Alles kann verzaubert werden. Basara höchstpersönlich mischt nun mit, und man staunt nicht schlecht, weil er auch das beherrscht. Irgendwann dann war ich mit dem Buch fertig. Gott verdamme mich. Und wie ich fertig war. Warum? Weil es noch große Bücher gibt, und weil ich sie vielleicht nie schreiben werde. Aber man sollte nie aufhören zu schreiben, zu träumen und nach guten Büchern zu suchen. Und man sollte die Sätze nie zu lang werden lassen. Das war das schon alles.

 

Svetislav Basara: Führer in die innere Mongolei. Roman. Aus dem Serbischen von Patrik Alac. Kunstmann, München 2008. 144 Seiten. ISBN 978-3-88897-524-0 Pick It! . 16,90 Euro.

 

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