Paranormal gut

Mit seinem neuen Roman Die erstaunliche Familie Telemachus gelingt Daryl Gregory ein skurriler, exzentrischer und hochkomischer Mix aus Familienroman und Gaunerkomödie

Der vielfach ausgezeichnete Roman-, Kurzgeschichten-, und Comicbuchautor Daryl Gregory stellt mit seinem neuen Roman erneut sein Talent unter Beweis, raffiniert die verschiedensten Genres zu vermischen. Die erstaunliche Familie Telemachus erzählt von einer paranormal begabten Familie und überzeugt dabei nicht zuletzt auch als Gaunerkomödie, der gerade auch durch die Schilderung zahlreicher skurriler Momente ein Sahnehäubchen aufgesetzt wird.

Angesiedelt vor der charmanten Kulisse der 1990er Jahre in Chicago, erzählt Die erstaunliche Familie Telemachus aus der Perspektive dreier Generationen übernatürlich begabter Familien-mitglieder. Zum einen gibt es Großvater Teddy, Familienoberhaupt und Trickbetrüger aus Leidenschaft, der seinem Vorhaben nachgeht, sich jeden Tag neu zu verlieben und Fremde mit seinen Taschenspielertricks zu bezirzen. Seine älteste Tochter Irene besitzt die Fähigkeiten eines menschlichen Lügendetektors, welche sowohl im Berufsleben, als auch im Privaten immer wieder zu Komplikationen führen. Ihr Bruder Buddy, der sich an die Vergangenheit, aber auch an Bruchstücke der Zukunft erinnern kann, bereitet alles vor, um für den Tag gewappnet zu sein an dem seine Visionen unerklärlicherweise abrupt abbrechen. Und der Enkel Matty plagt sich neben gewöhnlichen Teenager-Problemen wie der ersten Liebe auch mit dem Aufblühen seiner paranormalen Gabe herum: Seine Fähigkeit der Telepathie tritt nur dann auf, wenn der 14-Jährige Gras raucht oder lüsterne Gedanken hegt.

Nur im Rückblick logisch

Trotz eines Figuren-Ensembles voller schräger und ulkiger Typen mit einzigartigen Fähigkeiten und Talenten, gelingt es Gregory die Charaktere nie zu überzeichnen. Stattdessen überzeugt der Roman mit erstaunlich normalen und liebenswerten Figuren. Getragen wird die Handlung aber auch von Gregorys aberwitzigem Humor und einem warmen Blick für die menschlichen Eigenarten und Absonderlichkeiten. Beispielsweise wird zu Beginn des Buches erwähnt, dass Mattys 16-jährige Stiefcousine Mary Alice »ein Jahr zuvor verkündet hatte nur noch auf den Namen ›Malice‹, Bösartigkeit, zu hören«.

Während der Rest der Familie diesen Wunsch als pubertäre Phase abtut, entspricht einzig ihr treu ergebener Bewunderer Matty dem Wunsch und nennt sie durch den Roman hinweg bei diesem Namen. Die wechselnden Perspektiven ergänzen sich gegenseitig, auch mithilfe von Flashbacks in Form von Anekdoten, zu einem originellen und authentischen Gesamtwerk. Eine klare Handlung ist zu Beginn nicht abzusehen, vielmehr erscheint die Erzählung der Geschichte erst im Nachhinein kausal und logisch. Wie das Leben so spielt, werden die Figuren immer wieder von Zufällen, Geheimnistuereien und konkurrierenden Plänen ins kalte Wasser geschubst. 

Wie seine Romanfiguren, wurde auch der Autor selbst in Chicago geboren. Dort wuchs er gemeinsam mit zwei Schwestern auf und machte seinen seinen Abschluss in Englisch und Theaterwissenschaften an der Illinois State University. Seinen bislang größten literarischen Erfolg feierte er mit seiner Novelle Uns geht’s allen total gut aus dem Jahr 2014, für welche er den World Fantasy Award und den Shirley Jackson Award gewann. Die erstaunliche Familie Telemachus, welche im Original unter dem Titel Spoonbenders veröffentlicht wurde, knüpft nun an diese Erfolge an. Von den Kritiken gelobt, wurde der Roman für den Science-Fiction Nebula-Award in der Kategorie Bester Roman nominiert. Zudem wird derzeit über eine Fernsehserien-Adaption verhandelt.

Von Telemachos bis Uri Geller

Als Quelle seiner Inspiration gibt der Autor die Fernsehshows der 1970er Jahre an, in denen häufig Menschen auftraten, die behaupteten übersinnliche Kräfte zu besitzen. Gregory, der sich selbst als langweiligen Skeptiker bezeichnet, hat zu Recherchezwecken an einem Spoonbending-Seminar teilgenommen. In einem Interview teilte er das traurige Fazit dieser Erfahrung mit: Es komme weniger auf übersinnliche Kraft, als vielmehr auf Muskelkraft an, um einen Löffel zu verbiegen. Bleibt noch die Frage: »Does anyone really need bent cutlery?«

Die paranormalen Fähigkeiten der Familie Telemachus hingegen, sind in der Romanwelt sehr gefragt. Abgesandte der Regierung rekrutieren über Generationen hinweg die begabtesten der Familienmitglieder. Aus sicherer Distanz können so gegnerische Regierungsgeheimnisse ausgespäht werden. Kennern der griechischen Mythologie fällt hier der Verweis zu Odysseus Sohn Telemachos auf, dessen Name übersetzt so etwas wie ›Kämpfer aus der Ferne‹ bedeutet.

Gregorys Romanwelt in Die erstaunliche Familie Telemachus wird vor der Kulisse der Chicagoer Mafia und dem Einzug der Personal Computer mit AOL-Internetverbindung in die Wohnhäuser lebendig. Auf diese Weise erinnert der Autor mit viel Charme und ein wenig Nostalgie an das Leben der 90er Jahre. Der Roman verstrickt die Leser*innen in aberwitzige Situationen, die spannender nicht sein könnten. So generiert er in rasantem Tempo einen Suchtfaktor, der es den Lesern schwer macht, den Roman aus der Hand zu legen. Gleichzeitig erweckt Gregorys Familie Telemachus eine Sehnsucht nach dem eigenen Familienleben, was wohl nicht weniger erstaunlich sein mag.

Daryl Gregory: Die erstaunliche Familie Telemachus. Eichborn: Köln, 2017. 540 Seiten. 24,00 Euro. ISBN 978-3-8479-0638-4. – Auch als E-Book erhältlich.

 

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