Hermes für Toth

Der Countdown zur Euro 08 in der Schweiz und Österreich läuft! Auf dem offiziellen Plakat steht, meine ich, zwischen Austria und Switzerland ein Bindestrich, wo es, wie Typograf Helmut meint, des längeren „Halbgeviertstrichs“ bedurft hätte. Ein solcher trennt; der Bindestrich koppelt; so ist das illusionäre Land „Österreichschweiz“ entstanden, in dem sich das Turnier tummelt. Eröffnungsspiel: 7. Juni.

 

Logo der Fußball-Europameisterschaft 2008, aufgenommen am Bahnhof St. Gallen (Foto: Manfred Poser)
Das Logo der Europameisterschaft 2008 in Österreichschweiz, aufgenommen am Bahnhof St. Gallen.
(Foto: Manfred Poser)

 

Vor zwei Jahren hatte ich anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft an den Tessiner Poeten Giovanni Orelli (geboren 1928) erinnert und mich an seinen imaginären Aufstellungen von Fußball-Mannschaften im Text erfreut. Kürzlich fiel mir auf, dass der ägyptische Gott Toth (oder Thoth) Vorläufer des Götterboten Hermes sein musste. Toth gilt als Schutzgott der Wissenschaftler und der Schreiber, führt beim Jenseitsgericht die Bücher, hat die Hieroglyphen und überhaupt die Schrift erfunden, ist auch als Herr der Magie und dunkler Mondgott tätig – und als Götterbote sowieso.

Der Hermes der Griechen, auch Mercurius genannt, ist schon etwas degeneriert: Er kann gut und schnell reden, hat allerdings auch den Ruf, listig und verschlagen zu sein. Er soll die Sprachen zu den Menschen gebracht haben, weshalb er Gott der Dolmetscher ist. Außerdem ist er der Schutzpatron der Diebe und Nomaden und, wichtig, der Führer der Seelen in die Unterwelt („Psychopomp“). Die Schrift und die Sprachmagie bringen einen in die Verbindung mit den chthonischen Mächten.

Der ägyptische Schreibergott Toth
Der ägyptische Schreibergott Toth

Toth und Hermes. Diese beiden Namen legte ich Gott Google vor. Das Orakel kam mit einem Spielbericht aus der Regionalliga Mitte in Österreich. Am 22. März konterte der 1. FC RFE Vöcklabruck die SVG Bleiburg 7:0 nieder. „Erster Wechsel beim 1. FC RFE in der 59'. Laganda kam für Breitenberger, weitere Wechsel in der 66' Hermes für Toth und Winkler Manfred für Matthes (73'). [...] der 1. FC RFE lag klar in Führung und kam nicht so richtig in die Gänge, als Feichtinger Andreas in der 67' mit der Beinschere von Schlatter Patrick umgelegt wurde [...]“ Das liest sich im Blog der „Fanatics Vöcklabruck“ so: „In Minute 66 macht Mister Doppelpack Hannes Toth Platz für Markus Hermes. Eine Minute darauf foult der Bleiburger Schlatter Feichtinger brutal, Resultat Gelb Rot und ein vorzeitiger Duschenbesuch.“ Toth schoss vor der Pause zwei Tore, der für ihn ins Spiel gekommene Hermes noch drei, und die beiden Fußballgötter wurden so zu Matchwinnern. Hermes und Toth.

Das Buch von Orelli heißt „Der Traum des Walacek“ („Il sogno di Walacek“, 1991). Es spielt 1938 und dreht sich um Fußball und um den Schweizer Maler Paul Klee (von dem ich gerade zwei schöne Bilder im Winterthurer Kunstmuseum gesehen habe). Die Göttertruppe hat Orelli jedoch nicht im Programm. Ich ergänze sie und halte mich an die alte 2-3-5-Aufstellung (zwei Verteidiger, drei Mittelfeldspieler, fünf Stürmer): Zeus; Pluto, Neptun; Jupiter, Äolus, Mars; Kronos, Apollo, Hyperion, Okeanos, Helios.

Die Schweiz läuft bei Giovanni Orelli so auf: „Tell; Euler, Ecolampadius; Lavater, Winkelried, Stauffacher; Gotthelf, Calvin, Zwingli, Walacek, Keller.“ Titelheld Walacek stürmt also Seite an Seite mit den berühmten Dichtern Jeremias Gotthelf („Die schwarze Spinne“) und Gottfried Keller („Der grüne Heinrich“) sowie den Reformatoren Calvin und Zwingli! Orellis Schweiz II spielt mit: „Jung; Paracelsus, Gessner; Hodler, Bachhofen, Vadian; Koblet, Walacek, Ramuz, Grock, Constant.“ Wieder Walacek, flankiert von dem schönen Radrennfahrer Hugo Koblet, dem Dichter Jean-Ferdinand Ramuz, dem Clown Grock und Benjamin Constant.

Was ist so toll an Mannschaftsaufstellungen? Man hat das Gefühl, sie müssten so sein und nicht anders. Da gibt es einen inneren Zusammenhang, der auch auf der Magie der Namen beruht – etwa wie beim Tarot. Nach meinem Interesse für Toth holte ich mir das „Thoth Tarot“, das Frieda Harris von 1938 bis 1943 gemeinsam mit Aleister Crowley gestaltet hat. Beim Tarot verweisen die Karten aufeinander und ergeben eine präzise Konstellation, die im Fußballteam und in jeder Sekunde auf dem Platz wirkt.

Natürlich wäre es nur konsequent, eine Mannschaft nach den Klang ihrer Namen aufzustellen. Schade, dass dabei die Vornamen unter den Tisch fallen. Der Schweizer Tranquillo Barnetta verliert dabei. (Ich hatte dem Guten Gott Google „Tranquillo Barletta“ vorgeschlagen, und er fragte höflich zurück: „Meinten Sie Tranquillo Barnetta?“ Ja, den meinte ich.) Was noch zu Fußball? Fritz Schütte hat einen Radiobeitrag über „Homophobie im Fußball“ fertiggestellt. Wer outet sich? Klar, Fußball ist eine blöde hermetische Männerkiste. Darum am Ende noch ein schönes Frauenteam, vielleicht 4-3-3, denn Frauen sind defensiver eingestellt: „Monroe; Beauvoir, Arendt, Achmatova, Szymborska; Zwetajewa, Dickinson, Dunaway; Brontë, Günderode, Gardner.“ Ava Gardner berennt das Tor mit Karoline von Günderode aus dem Sturm und Drang und Emily Brontë („Sturmhöhen“). Würd ich gerne sehen.

 

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