"Ich winke nicht zurück."

»Wir sind's« - Erzählungen von Mascha KurtzMascha Kurtz wurde 1970 geboren und lebt als freie Autorin im Tessin. Sie erhielt für ihre Erzählungen mehrere Stipendien und 2002 den Hamburger Förderpreis für Literatur.

Draußen blenden die Scheinwerfer. Tanja lächelt, während sie auf die Lichter zugeht. Schultern diagonal zur Hüfte nach vorne schieben, die Arme locker schwingen lassen, zuerst die Ferse aufsetzen, den Fuß abrollen. Spannung halten, Kinn hoch. Immer auf einer Linie.

Detailgenau und bissig erzählt Kurtz in ihrem SuKuLTuR-Band Wir sind's drei Geschichten aus der Perspektive junger Frauen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Sie veranschaulicht die Sehnsucht ihrer Charaktere, einem öden Alltag entfliehen zu können, und lässt sie zugleich in Gefahren tappen, die durch zu große Naivität oder durch ungewollte Abhängigkeiten entstehen.

Das Spiel der Eitlen

Die erste Geschichte, „Wir sind’s“, erzählt von drei jungen Frauen, die tagsüber in einer ehemaligen Schuhfabrik Plakate und Flyer für Clubevents entwerfen. Nachts besuchen sie gemeinsam die angesagteste Location und kommen bei regelmäßigen Flirts recht schnell zur Sache:

Magdalena erzählt uns, dass der Andreas, der Barkeeper, sie im Lagerraum auf einem Stapel Wodkakartons gevögelt hat, ohne ein Wort zu sagen. Ich frage nur „Mit oder ohne?“ „Ohne“, sagt Magdalena. Sie presst die Lippen zusammen und zieht die Augenbrauen hoch, aber ihre Stimme klingt stolz.

Im Kampf um die Trophäe des schönsten Starlets erzielt die Ich-Erzählerin den höchsten Marktwert. Sie wird von ihren Freundinnen Suse und Magdalena für ihr Aussehen bewundert, erhält von den Clubbesitzern freien Eintritt und von den männlichen Besuchern die teuersten Drinks. Die Männer begehren sie, und sie gibt ihren Freundinnen bereitwillig die Chance, an ihrer Popularität teilhaben zu können:

Magdalena und Suse kriegen die Männer, die mich nicht haben können. Wir sind Freundinnen, wir teilen alles.

Die Ich-Erzählerin, das Rollenvorbild der beiden anderen, spielt mit ihren Reizen und setzt ihre Künste auch gegenüber dem gemeinsamen Chef ein:

Ich lecke über sein Schlüsselbein. Seine Haut schmeckt nach billigem Aftershave, was einer der Gründe ist, warum ich nicht mit ihm ins Bett gehe.

Die der hippen Clubwelt eigene Tristesse offenbart sich in der regelmäßigen Wiederholung, die Intimsphäre, Erotik oder Schönheit zur Nebensache verkommen lässt. Berührungen werden zu Affekthandlungen und als Machtspiele unbestimmbar. Sie dienen dem Status des leuchtenden Partysternchens und überbrücken die Langeweile des Alltags. Als sich jedoch Suse von der amoralisch-oberflächlichen Clique löst und Eigeninitiative bei der Wahl ihres Partners zeigt, fühlt sich die Ich-Erzählerin als Anführerin verunsichert. Um ihre Stellung zu sichern, versucht sie ihre Freundin erneut für sich einzunehmen und wiederzugewinnen:

Am nächsten Morgen lege ich eine Sonnenblume auf Suses Schreibtisch und bringe ihr Kaffee. Ich muss sie berühren, um mich zu vergewissern, dass sie wieder bei mir ist. Als ich ihr über den Kopf streiche, lehnt sie sich an mich. Sie gehört immer noch mir.

„Wir sind’s“ behandelt oberflächliche, aber trotzdem existentiell gewordene Ängste eitler „Prinzessinnen“, die Menschen als Objekte begehren und sich über das Interesse der anderen definieren.

Ein Leben ohne Perspektiven

Kurtz' zweite Geschichte, „Catwalk“, beschreibt das Leben der jungen Putzfrau Tanja, die, angeekelt durch die tägliche Akkordarbeit im Hotel, von einem Leben als Model träumt, sich durch ihre Gutgläubigkeit und Naivität jedoch nicht dagegen wehren kann, ausgenutzt zu werden. Selbst die Vergewaltigung durch einem bewaffneten Gast wird durch romantisch-idealisierende Vorstellungen überlagert und verdrängt. Tanja zieht sich in eine gedankliche Parallelwelt zurück und lässt „es“ über sich ergehen. Ihre Passivität und Willenlosigkeit schützen sie davor, die Härte und Kälte der sie umgebenden Welt zu realisieren.

„Ich muss los“, sagt er, ohne sie anzusehen. Tanja hat sich auf einen Punkt zurückgezogen. Nur allmählich kriegt ihr Körper wieder eine Form. Sie zieht die Unterhose hoch und macht Zimmer 21 bis 26 fertig. Sie braucht länger als sonst, und die Chefin meckert. Tanjas Unterhose ist noch feucht.

Später bezahlt Tanja viel Geld dafür, dass Männer ein paar Photos von ihr aufnehmen. „Sei mal ein bisschen locker“, sagen sie, und dass sie „Potential“ habe. Im Licht der Scheinwerfer glaubt sich Tanja ihrem Traum vom angeblichen Glamourdasein der Models, das sie durch wiederholtes Stöbern in den Magazinen einer benachbarten Tankstelle kennengelernt hat, ein Stück näher. Längst hat sie ihn zur einzigen Ausbruchsmöglichkeit aus dem harten Alltag idealisiert. Später wird Tanja mit der Waffe des Hotelgastes, der sie vergewaltigt hat, einen Überfall auf jene Tankstelle wagen. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Überfall einen Versuch darstellen soll, an das nötige Geld für die Photographen kommen zu können.

Ungewollte Nähe

Kurtz' letzte Erzählung, „Gegen den Wind“, ist wohl die hintergründigste dieses kleinen Bändchens. Die Ich-Erzählerin fährt in den Ferien zusammen mit ihrem Bekannten Jörg in einem geräumigen Wagen von Ort zu Ort, um vor Supermärkten kostenlos Popcorn und ein Kleinanzeigenmagazin zu verteilen. Die einzige Ablenkung von ihrer eintönigen Arbeit besteht darin, die Angewohnheiten des jeweils anderen sarkastisch zu kommentieren. Doch die anfänglich oberflächlichen Gespräche zwischen den beiden werden zunehmend intimer. Um die Hotelpauschale für die Bustour selbst einsacken zu können, beschließen sie, gemeinsam im Bus zu übernachten.

In einer stürmischen Nacht in der Nähe des Meeres muss die Ich-Erzählerin schließlich pinkeln. Gemeinsam suchen sie im Dunkeln ein am Strand liegendes Toilettenhaus auf. Nachdem sie wieder zum Wagen zurückgefunden und sich in ihre Schlafsäcke eingerollt haben, hört die Ich-Erzählerin, wie sich ihr Kollege leise einen runterholt. Durch die Konfrontation mit dieser als ungewollte Privatheit wahrgenommenen Situation fühlt sie sich unwohl, versucht dies jedoch zu überspielen, da ihr bewusst wird, wie sehr sie von der Sympathie Jörgs abhängig ist.

Kurtz erzählt nüchtern aus dem Alltag junger Frauen. Ihre Geschichten greifen auf unterhaltsame und freche Art zwischenmenschliche Probleme auf. Unkonventionell, anschaulich und provokant schildert sie die Gefühle und Gedanken ihrer Protagonistinnen, ohne dabei in einseitige Betrachtungen zu verfallen.

Mascha Kurtz: Wir sind's. Drei Erzählungen. Reihe "Schöner Lesen", Bd. 034. Berlin: Edition SuKuLTuR, 2004. 20 Seiten. ISBN: 3-937737-38-3. 1,- Euro. (Schneller bestellen über den Verlag: www.sukultur.de.)


P.S.: Ein Beitrag von Mascha Kurtz - über neue deutsche Städteprosa - ist übrigens in K.A. 1/2004 erschienen (hier als PDF-Dokument).

 

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