Im »Streit der Worte« die Stimme

Corinna Harfouch ist Medea – Elektra – Phädra

Die menschliche Stimme lässt sich schwer fassen – einerseits ist sie an einen Sprechenden, ein Medium gebunden und kann nicht losgelöst von diesem existieren, andererseits ist sie unbedingt nötig, um Geschichten – Gefühlen, Gedanken, Träumen, auch Traumata – Gehör zu verschaffen. Sie kann ungehört verhallen. Oder aber sie kann zu einem Ereignis werden, dass noch Tage später nachklingt und scheinbar längst Vergangenes mitten in die Gegenwart hinein holt. So alt wie der Medea-Mythos ist, so lang ist seine Rezeptionsgeschichte, und ebenso oft ist die zauberkundige Königstochter schon zur Mörderin ihrer Kinder geworden. Dass dem antiken Stoff immer wieder neue Facetten abgewonnen wurden, ist zum einen ein Hinweis auf seine Zeitlosigkeit. Zum anderen braucht es dazu immer wieder auch neue Ansätze, neue Herangehensweisen, die die antike Figur in einem anderen Licht erscheinen lassen und sie einmal mehr als neue Stimme vernehmbar machen. Der Schauspielerin Corinna Harfouch die sich gemeinsam mit dem Berliner Regisseur Gerhard Ahrens, dem Musiker DJ Shaban sowie den Zuschauern im fast bis auf den letzten Platz besetzten Kölner Schauspielhaus im Rahmen der diesjährigen lit.Cologne auf eine Tour de Force durch die antike Mythologie begibt, gelingt dies auf beeindruckende Weise. Und zwar nicht nur – wenn auch vor allem – im Bezug auf Medea: Neben der Verkörperung einer durchdringend-stimmgewaltigen Kindsmörderin lässt sie an einem langen Nachmittag in drei Blöcken eine markerschütternd leidende Elektra ihre Mutter umbringen und so ihren Vater rächen sowie eine bis über beide Ohren verliebte Phädra an dem Versuch scheitern, ihren Stiefsohn zu verführen. Dass ihr die deutliche Mehrheit des Publikums bei diesem ehrgeizigen Programm bis zum Ende erhalten bleibt, spricht für sich. Medea, die für ihren Mann Jason ihren Vater und ihr Heimatland verriet, wurde im Korinther Exil für die Tochter des dortigen Königs verlassen, und zwar – so deutet es zumindest die auf der Bühne stattfindende Interpretation an – aus Gründen, deren vorgebliche Ehrenhaftigkeit zumindest anzuzweifeln ist. Nun, allein in der Fremde, rast die Verlassene vor Wut und Einsamkeit und ist besessen vom Wunsch nach Rache. In den nächsten Minuten wird sie zunächst ihre Nachfolgerin an Jasons Seite und dann ihre beiden Kinder umbringen. Ihr Kampf und der »Streit der Worte«, in dem sie zuvor ihrem untreuen Mann den Prozess macht, wird von Corinna Harfouch nicht nur sicht-, sondern vor allen Dingen hörbar gemacht. Auf einer fast leeren Bühne steht die Schauspielerin wie eine Sängerin vor ihrem Notenständer und inszeniert im Wechselgesang mit sich selbst verschiedene Charaktere des Stoffes quer durch seine unterschiedlichen Bearbeitungen. Bemerkenswert ist dabei vor allem, wie trotz der raschen Abfolge von Szenen aus verschiedensten Stoff-Bearbeitungen und trotz des steten Hin und Her zwischen Medea, Jason und ihrer Amme immer eine Stimme vor allen anderen vernehmbar bleibt: die der rasenden »nie Gezähmten«, deren Ursprung auf diese Weise über die Interpretationen von Seneca zu Christa Wolf, von Euripides zu Heiner Müller bis in die Gegenwart getragen wird und die schließlich als Terroristin eine erstaunliche Aktualität erlangt. Ebenso minimalistisch wie die Bühnengestaltung sind dabei das Spiel Harfouchs und ihre Hilfsmittel. Die Wechsel von einer Figur zur anderen symbolisieren unterschiedliche Kopfbedeckungen – ein schwarzer Hut für Jason, ein weißes Tuch für die Amme –, die geschickt arrangierte musikalische Untermalung durch DJ Shaban sowie Harfouchs unterstützende Gestik. Nötig sind diese allerdings kaum, denn vor allem die Stimme der Schauspielerin ist das Medium ihrer Darstellung. Es kann kein Zweifel daran bestehen, wer hier aus tiefster Seele tobt und schreit. Der Kontrast zum herablassenden Jason und den eingespielten Passagen, in denen die Stimme Harfouchs vom Band Regieanweisungen wiedergibt und nüchtern das Sterben der Opfer Medeas schildert, könnte nicht größer sein und verstärkt den beherrschenden Eindruck, dass Medea keinesfalls nur eine Figur aus einem mehrere tausend Jahre alten Mythos ist, sondern dass ihre Geschichte hier und jetzt passiert und im Kern nichts von ihrer Relevanz eingebüßt hat. Einen ähnlichen Effekt hat die Darstellung Elektras, der zweiten Stimme im Chor der antiken Rächerinnen. Auch hier begibt sich das Publikum mit der Figur auf eine Reise durch beinahe dreitausend Jahre Rezeptionsgeschichte, und auch hier entsteht im Klangraum des Schauspielhauses vor den Augen und Ohren der Anwesenden eine Frau, die – diesmal in einem langen Monolog – leidet, klagt und schließlich in einer traumartigen Sequenz vom Mord an der Mutter berichtet. Im Unterschied zu Medea wird Elektras Entwicklung als schleichender Vorgang präsentiert, sie ist nicht von vorn herein zur Rache entschlossen, sondern quält sich über einen langen Zeitraum, über die eigene Hilflosigkeit erstaunt wie ein kleines Mädchen und lange noch auf Rettung von außen hoffend. Elektras Stimme ist leiser als die Medeas, mädchenhafter, über weite Strecken zurückgenommener und wie die sie begleitende Musik melodischer: Sie frisst ihren Kummer zu lange in sich hinein und geht daran schließlich zugrunde. Und auch hier ist man überrascht von der noch heute gültigen Alltäglichkeit, die sich in einer alten Geschichte voller zorniger Götter verbirgt, und die Dank der einfühlenden Inszenierung Harfouchs mal als Mutter-Tochter-Konflikt, mal als Leidensgeschichte einer gedemütigten Frau erkennbar wird. Im krassen Gegensatz zu diesen ersten beiden Darstellungen steht Harfouchs szenische Lesung der Phädra Racines, die durch die Kombination der eigentlich ebenso dramatischen Handlung mit dem Pathos der Schillerschen Übertragung vor allem unterhält. Dies lockert die letzte Vorführung auf der Bühne auf und unterstreicht die Wandelbarkeit der Schauspielern, die Schillers Verse gekonnt mit dem Gehabe zeitgenössischer Machos und gelangweilter Mitvierzigerinnen zusammenbringt, mal wild gestikulierend unter einem Tisch hindurchkriecht, mal heult wie ein pubertierender Teenager mit Liebeskummer. Obwohl dadurch die in der Vorlage bis zum Wahn gesteigerte Leidenschaft Phädras nur abgeschwächt zu erkennen ist, gelingt es Harfouch auch hier, am Ende die Entscheidung zwischen Tragik und Komik in der Schwebe zu halten. Die Absurdität menschlicher Eitelkeit wird so in ihren unabsehbaren Folgen als eine weitere Facette unserer Leidenschaften vorgeführt – auch das überzeugt, wenn es auch nicht den gleichen bleibenden Eindruck hinterlässt wie die Stimmen von Medea und Elektra. Diese beiden sind es, deren Klang nachhallt und die in ihrer Gewalt und Ausdrucksstärke hörbar bleiben. Und so wird zwar niemand behaupten wollen, dass der Ausdruck der menschlichen Stimme nicht vergänglich, sekundär oder immer schon inszeniert sei. Wenn aber wie hier eine außerordentliche Stimme auf zeitlose Mythen trifft, wird möglicherweise die Gegenwart in der Vergangenheit und die Vergangenheit in der Gegenwart hörbar – in einem Ereignis, dessen Klang sich zwar nicht fassen lässt, das aber über Zeit und Raum hinausgeht. Medea – Elektra – Phädra. Corinna Harfouch & DJ Shaban. Inszenierung im Rahmen der lit.Cologne. Schauspielhaus Köln, 15. März 2009.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!