Im Berg

Manfred Poser bleibt bei der Seele und folgt ihr hinab in untere Regionen, wo die Luft stickig wird

Ein Autor kriecht »den Lichtern der Grubenlampen entgegen« und hat eine Erleuchtung: Die Literatur ist wie ein Bergwerk. »Sie war doch auch etwas wie Schichten und Stollen und Querschläge und Fahrten und verbrochene Strecken, und ein Feld darin hieß ›Romantik‹ und eine Strecke ›E. T. A. Hoffmann‹, und die nächste Generation setzt da fort, wo die letzte aufgehört hatte ...«

Dann besucht er eine Tanzveranstaltung, »darin sich in einem Rhythmus an- und abschwellenden Lärms aus erregten Rufen und Reden und Einbrüchen scharrender Geräusche etwas Ungutes vorzubereiten begann« ... »›Dies ist der Seele wunderliches Bergwerk‹, hörte ich den Doktor einen Vers Rilkes wie als Kommentar zu Freud paraphrasieren«. Eine fürchterliche Schlägerei hebt an, und danach, »dermaßen unbeteiligt erscheinend, dass man wußte, sie war Anlass des Kampfes gewesen, stürzte eine aufgedunsene rothaarige Frau schwer zu bestimmenden Alters ... ein Seidel Bier in sich hinein, die Beine beim Trinken weit gespreizt und den Schoß zur Vorderkante des Stuhles geschoben ...«

Der Autor geht heim. »In der Tür stieß ich mit der Rothaarigen zusammen, sie trug nun eine Kunstlederjoppe, grellrot, mit dicken grünen Wülsten über den Schultern und unter der Hüfte ... und wir sahen uns einen Augenblick an, eins im jähen Erkennen des andern, dann trennten uns die Nachdrängenden. – Vom Doktor erfuhr ich, ohne dass ich ihn fragte, ihren Namen: Regina Kuypers, sie wohne im äußersten Winkel der Altstadt, schon vor der Mauer, zwischen Alt- und Neustadt, in einer recht verrufenen Gegend, die allgemein nur ›dort drunten‹ hieß.«

Büste im Ägyptischen Museum Kairo (Foto: Manfred Poser, 1994)

Ist das nicht wunderbar? Die Literatur als Graben im Unbewussten und die Lockung des grellen Weibs als Verkörperung alles Verdrängt-Triebhaften. Was an Georg Büchner denken lässt, wurde 1983 geschrieben, in der DDR. Franz Fühmann, der am 15. Januar 90 Jahre alt geworden wäre, untertitelte sein Fragment Im Berg mit »Bericht eines Scheiterns«. Im Juli des folgenden Jahres ist er gestorben und bleibt einer der weniger bekannten Autoren Ostdeutschlands. Er hat sich abgequält mit dem Klassenbewusstsein des Schriftstellers und der Suche nach einem Ort für ihn – und unter der Erde, im Bergwerk, fand er eine Art Heimat. Fühmann war ein Nachfahre der Romantiker.

Novalis

Nun gehen wir zu diesen zurück, 200 Jahre zurück. Novalis, der Freiherr von Hardenberg (1772–1801), studierte ab 1797 an der Bergakademie in Freiberg und arbeitete danach in der Salinendirektion Weißenfels an der Saale als Bergwerksingenieur. Dort wurde er zum Salinenassessor ernannt. Sein Roman Heinrich von Ofterdingen blieb unvollendet. Im Kapitel fünf sagt ein alter Eremit dem Helden Heinrich: »Wie ruhig arbeitet dagegen der arme genügsame Bergmann in seinen tiefen Einöden, entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages, und einzig von Wissbegier und Liebe zur Eintracht beseelt. Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie und fühlt immer erneuert die gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen.«

Der Alte rezitiert ein Gedicht, das er aus seiner Jugend kennt. Man kann sich nicht helfen, dahinter einen anderen Sinn zu spüren und es etwa ›tongue in cheek‹ zu lesen, wie der Engländer sagt: mit Humor. Vielleicht hat es Novalis Spaß gemacht, über den Bergmann zu sprechen und Sexualität zu meinen. So lesen wir es probeweise.

Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen misst,
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoß vergisst.

Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht,
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt geht.

Er ist mit ihr verbündet,
Und inniglich vertraut,
Und wird von ihr entzündet,
Als wär’ sie seine Braut.

[...]

Er trifft auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.

Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf;
Und alle Felsenschlösser,
Tun ihre Schätz’ ihm auf.

Das Pumpwerk im Unbewussten

Die Sexualität ist die heilige Hochzeit, der hieros gamos der Griechen. Geist und Seele kommen zusammen, Yang und Yin, doch sicher ist es – wie in der Literatur – die im Unten angesiedelte Seele, die dabei die Oberhand behält. Es ist plakativ, aber es ist so: Die Frau als die Seelenhafte empfängt den Mann, der in die Tiefen ihres Geschlechts eindringen muss, was auch zur literarischen Bilderwelt der Grotten und Schlünde, Höhlen und Klüfte geführt hat. Literatur ist die Suche nach unserem Kern, die Suche nach Gott in uns, und die Liebe ist Religion und die Suche nach Gott im anderen, und nur Männer können das metaphorisch als Reise in den Berg gestalten.

Erotik im Flöz. Abeiter im früheren Kalibergwerk Buggingen (Landesbergbaumuseum Sulzburg/Baden, mit freundlicher Genehmigung)

Sigmund Freud gehört das Verdienst, hier Klarheit geschaffen zu haben. Er schätzte den 1887 erschienenen Roman She: A History of Adventure (deutsch: Sie) des englischen Autors Henry Rider Haggard (1856–1925) und reichte ihn an Carl Gustav Jung weiter, der darin seine Gedanken bestätigt fand. Das Buch um die unsterbliche Göttin Ayesha hatte Jahrzehnte unerhörten und unerklärlichen Erfolg.

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood schrieb 2002 in einem Vorwort zu dem Buch: »Er [Haggard] konnte eine Probebohrung direkt im Unbewussten des englischen Viktorianischen Zeitalters vornehmen, wo Ängste und Wünsche – besonders männliche Ängste und Wünsche – in der Dunkelheit wie blinde Fische umherschwärmen ...«. Der britische Kritiker V. S. Pritchett (1900–1997) hatte zuvor amüsiert über H. Rider Haggards Ruhm bemerkt: »E. M. Forster sagte einmal, der Romancier senke einen Eimer ins Unbewusste hinab. Haggard installierte da ein wahres Pumpwerk. Er zapfte das ganze Reservoir der geheimen Wünsche seiner Leser an.« Beim übernächsten Mal müssen wir die Sache mit She weiter vertiefen.

 


 

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