Im Schraubstock von Logik und Libido oder »Wir wollen alles sein«
Es gibt sie, jene unwirklichen Momente der Lektüre, die für ein Schwindelgefühl beim Leser sorgen, weil weltgeschichtliche Ereignisse der Romanhandlung buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen haben. Einen solchen Moment hält Thomas Lehrs im Jahr 1999 erschienener Roman Nabokovs Katze bereit, als Protagonist Georg gegen Ende mit seiner Geliebten Mary in die 107. Etage des World Trade Centers fährt, um von oben auf das Häusermeer New Yorks hinabzublicken:
»Für ein, zwei Sekunden glaubte er, die Glasscheibe zerschmelze vor seinen Augen, und er und Mary würden mitsamt der Bank zentimeterweise über den Abgrund hinausgedrängt, auf dessen Boden man die Fußgänger kaum mehr ausmachen konnte.
Angesichts der nur zwei Jahre nach Veröffentlichung des Romans geschehenen Ereignisse, angesichts dieser prophetisch anmutenden Vision, liest man diese Szene, in deren weiteren Verlauf Georg die Zwillingstürme des World Trade Centers wie die Kommandobrücke und Manhattan wie der Rumpf eines »Weltdampfers« vorkommen, mit einem ungläubigen Schaudern. 
Dass am wenigsten dem Autor selbst diese unheimlich anmutende Überblendung seines Werkes durch die Wirklichkeit entgangen ist, lässt sich an Lehrs jüngstem Roman September. Fata Morgana (2010) deutlich ablesen. Allein wegen dieser kaum drei Seiten umfassenden, für die Handlung eigentlich nebensächlichen Sightseeing-Szene, in der Georg und Mary auf der bald einstürzenden Spitze der westlichen Zivilisation stehen, ist die Lektüre des fünfhundert Seiten starken Romans von Thomas Lehr unbedingt (noch einmal) zu empfehlen.
Ein in halluzinogener Hinsicht höchst gelungener LSD-Trip
Natürlich ist Nabokovs Katze sehr viel mehr als eine bloße Hochhausbesteigung. Es ist die Geschichte von Georg, der nach einem misslungenen – das heißt, in halluzinogener Hinsicht, höchst gelungenen – LSD-Trip als Fünfzehnjähriger im Sommer 1972 beschließt, keinen derartig verstörenden Rausch mehr zuzulassen und stattdessen sein Leben der Klarheit und Vernunft zu widmen. So erscheint es nur konsequent, dass er sich nach dem der starken Wirkung der Droge geschuldeten Krankenhausaufenthalt in einer Buchhandlung Sartres Das Sein und das Nichts kauft, um »den wahren Hintergrund der Dinge« zu erfahren. Unmittelbar darauf jedoch trifft Georg unter dem Wehrturm des Provinzstädtchens S., das der Leser ohne große Schwierigkeit mit Lehrs Geburtsstadt Speyer identifizieren wird, auf seine Bekannte Camille. Obwohl sie vorher nur über ihre Clique lose miteinander befreundet waren, küssen sie sich auf der Stelle.
Was folgt, ist der episodenhaft beschriebene, über zwanzig Jahre lang andauernde Entwicklungs- beziehungsweise Verwicklungsprozess von Georgs weiterem Leben, wobei der Protagonist mit zunehmendem Alter seine Umwelt immer mehr wie durch das kühle Objektiv einer Filmkamera beobachtet. Auf faszinierende Weise lässt sich hier der Versuch beobachten, Zooms, Closeups, Schwenks und andere Techniken aus dem Medium Film in die Literatur zu übertragen. Dies mutet stellenweise etwas gewollt und künstlich an, lässt sich aber kaum vermeiden und erzeugt jene »gewisse Laboratoriums-Kälte«, die vom Autor durchaus beabsichtigt zu sein scheint. Zugleich wird die Atmosphäre der beschriebenen Jahrzehnte von Lehr mit herrlicher (Selbst)Ironie wiedergegeben, etwa wenn Georgs Jugendjahre in den Siebzigern kaleidoskopartig den »Schülerinnenreport« mit »transzendentalen Meditationstechniken« mit »US-Army-Parkas« mit »Jungsozialisten« mit »Tchibo-Stehcafés« mit »Partykellern« mit »Pink-Floyd« mit »Liedermacherfesten« mit »Cunnilingus« vermengen und verquirlen.
Die Kolonisation der Erinnerung
Obwohl Camille in diesem Sommer ’72 nur einige Wochen mit ihm geht, kommt Georg nie wieder ganz von ihr los. Sein Leben, das er zunächst der Mathematik und später, als Regisseur, dem Film widmet, ist ein nicht enden wollender Versuch der Annäherung an und zugleich der Abkehr von Camille. Eine Ehefrau und zahllose Geliebte pflastern dabei seinen Weg, wobei Lehr mit der Beschreibung expliziter Sexszenen nicht knausert und dabei eine geradezu barockhaft wirkende Bilderflut entfaltet. Da werden »Kriegsbeile« in »Wigwams« vergraben, da gibt es eine »warm umwulstete Cañon-Furche«, einen »Anus, so rührend verletzlich wie ein vor Jahren ausgestochenes Auge«, »klitorale Kapellchen im Feenwald« sowie »Venusflaum und –schaum und darunter schläfrige Nacktschnecken«. Das hingebungsvolle, stellenweise leider arg bemüht wirkende Schwelgen in Metaphern, das sich keineswegs auf die Umschreibung menschlicher Geschlechtsteile und Beischlafpraktiken beschränkt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und demonstriert die grundsätzliche (Ver)Formbarkeit und Relativität von Sprache und menschlichen Beziehungen, eines der zentralen Themen in Lehrs Werk.
Trotz aller Affären und Liebschaften bleibt die »camilloide Struktur des Universums« für Georg unverändert bestehen, wobei er sich keine Illusionen darüber macht, dass er sich letztlich aus einigen über die Jahre verstreuten Begegnungen eine Frau erfindet, die mit der Realität, mit der Camille, die schließlich in Heidelberg verheiratet ist, zwei Kinder hat und ein gutbürgerliches Leben führt, nichts mehr gemeinsam hat. Er selbst nennt diesen Vorgang, den der Leser in Nabokovs Katze in zahlreichen Windungen und Schlaufen hautnah verfolgen kann, eine »Kolonisation der Erinnerung«.
Auf Don Quijottes Spuren
Jene Berechenbarkeit, ja Ausrechenbarkeit des eigenen Daseins, die Georg bei Sartre, der Mathematik, beim Film und nicht zuletzt den Frauen zu finden erhofft, ist zum Scheitern verurteilt. Die Logik triumphiert nicht über die Libido, aber die Libido triumphiert auch nicht über die Logik. Georg ist vielmehr zwischen diesen beiden ihn maßgeblich bestimmenden Polen bis ans Romanende eingeklemmt. Thomas Lehr versucht dabei anhand seines Protagonisten zu ergründen, wie weit ein Mensch bereit sein kann, jegliche (mühsam) errungene Stabilität im eigenen Lebensplan zugunsten einer selbst geschaffenen Fiktion aufzugeben, alles hinter sich zu lassen und dem Wahnsinn in all seiner Negativität, aber eben auch Positivität, zu erliegen. Wenn Georg im sechsten Teil des Romans über Nacht seine Frau verlässt und einzig aus dem Grund nach Mexiko aufbricht, weil Camille seiner Meinung nach indianische Züge trägt, die er dort wiederzufinden hofft, ist endlich jene Schwelle überschritten, über die vor vierhundert Jahren bereits Cervantes’ berühmter ›Ritter von La Mancha‹ ging – und nicht mehr zurückkehrte.
Die tiefe Verunsicherung, die Nabokovs Katze beim Leser hinterlässt, liegt in der im Roman aufgezeigten Möglichkeit begründet, dass jede zwischenmenschliche Beziehung auf einer (beiderseitigen) Erfindung, einer stark einsturzgefährdeten Konstruktion basieren könnte. Jedes Aufeinanderzugehen, jede körperlich-geistige Durchdringung wäre insofern einem ewigen Kampf mit Windmühlen gleichzusetzen. Abschließend lässt sich festhalten, dass Nabokovs Katze dem Leser neben der eingangs erwähnten Passage auf dem Dach des World Trade Centers rund um Georgs und Camilles Schicksal eine so vielschichtige, spannende, lehrreiche und nicht zuletzt traurig-fröhliche Geschichte präsentiert, dass die Lektüre sich auch (und gerade) heute, über zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung, uneingeschränkt empfiehlt.
Thomas Lehr: Nabokovs Katze. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2002 (2. Aufl.). 511 Seiten. ISBN3-7466-1741-3. 10,- Euro.
