Im Windschatten

Wie hat es angefangen? Mit meiner tranceähnlichen Fahrweise wahrscheinlich. Erst mit dem goldenen Volvo auf der Autobahn 110 gefahren, dann langsamer, 100, bis sich mein Idealtempo bei 95 einpendelte. So schnell (oder langsam) wie Lastwagen. Und diese fuhren auf der rechten Spur und boten mir bereitwillig ihre breiten Rücken an. Die idealen Führungsfahrzeuge, dachte ich mir; wie die Motorräder bei Verfolgungsrennen. Hinter einem Motorrad ist ein Radfahrer schon einmal 160 Kilometer in der Stunde gefahren. Man bleibt immer Radfahrer. (Als ich den Wagen erst ein paar Tage hatte, wollte ich mit ihm glatt auf einen Radweg einbiegen.) Und Radfahrer fahren gern hinter anderen her als „Hinterradlutscher“, böses Wort.

Der sagenumwobene goldene Volvo (Foto: Manfred Poser)
Der sagenumwobene goldene Volvo.
Im Markgräflerland, bei Auggen.
(Foto: Manfred Poser)

Und jetzt fahre ich auf der Autobahn immer im Windschatten von Lastwagen. Als stünde darauf „Follow me!“. Meist steht nichts darauf, aber wenn das Windschattenfahren erst Schule gemacht hat, wird man die Rückseiten für Werbebotschaften nutzen. Ich nutze so für mich den hohen Lastwagenverkehr. Der Radler spart Kraft, der Autofahrer Benzin. Mein Volvo braucht höchstens 6 Liter Super auf 100 Kilometer. Ich fahre nie hinter Reisebussen her, die sind zu schnell. Immer nur hinter den schweren Vierzigtonnern. Bisweilen wechsle ich das Führungsfahrzeug, vor allem, wenn dessen Geschwindigkeit unter 90 sinkt oder ich Abwechslung brauche; ich überhole also und suche mir einen schnelleren, sympathischeren Lastwagen. Dabei immer in internationaler Gesellschaft. Meine Vorderleute kommen aus Polen, der Tschechischen Republik, Italien, der Türkei.

Ich weiß nicht, was der Fahrer vorn denkt. Ich weiß nicht einmal, ob da eine menschenähnliche Intelligenz am Steuer sitzt. Lastwagen wirken ja wie ferngesteuerte Ungetüme. Aber ich jage sie! Mir fällt diese Hand aus Steven Spielbergs Film „Duell“ von 1971 ein. Da verfolgt ein Tanklastzug (ein 1958er Peterbilt Conventional, weiß Wikipedia) den Geschäftsmann David Mann in seinem 1970er Plymouth Valiant Custom durch die Wüste. (Autos sind wichtig für Amerikaner. Der weiße „Dodge Challenger“ des Kowalski in „Vanishing Point“ von 1971 etwa, den Tarantino in „Death Proof“ 2007 als konkretes Zitat einbrachte.) Man sieht immer nur eine Hand, die aus dem Fenster des Lasters winkt. Der Lastzug jagt den Autofahrer durch die Wüste. Bis ein Abgrund das Ungetüm aufnimmt.

Motivation für den Windschattenfahrer (Foto: Manfred Poser)
Motivation für den Windschattenfahrer!
Bei Mantua-Süd, Juli 2008.
(Foto: Manfred Poser)

Anfang Juli in Italien, kurz vor Trento, war ein Lastwagen aus dem Kleinstaat San Marino (etwas wie Elgaland-Vargaland) vor mir. Er machte einen Schlenker nach links, einen Schlenker nach rechts, und ich konnte das nicht deuten. Als er dann bei Trento nach rechts ausbog, sah der Fahrer lange zu mir herüber. Er war also nervös geworden und wollte wissen, wer ihn da so beharrlich verfolgte. Können sie mich überhaupt im Spiegel sehen? Biegen sie darum so oft ab, auf den Parkplatz, weil sie sich verfolgt fühlen?

Oder anders: Bin ich unbewusst auf der Suche nach einer Vaterfigur? Will ich unerkannt und gut versteckt durchs Leben schleichen? Möchte ich einer großen Idee angehören, vielleicht überhaupt zu den Mächtigen gehören? Anscheinend scheue ich die Konkurrenz und spiele Verstecken. Lasse die Porsches und Mercedes mit 180 vorbeizischen. Ich wähle meine eigene Gangart. Schließe mich dem „Anderen“ an im Versuch, ihn zu verstehen. Vielleicht würde ich gern zur Kaste der Lastwagenfahrer gehören, Nomade, einsamer Wolf im Cockpit, 40 Tonnen hinter mir?

Gespräch zwischen drei Lastwagenfahrern an der Raststätte Avignon Est. Fragt der erste: „Ist schon mal der goldene Volvo hinter euch gewesen?“ – „Gibt’s den überhaupt?“ fragt der zweite. Der dritte lässt sich vernehmen: „Ich habe mit Kollegen gesprochen. Einer hatte den goldenen Volvo hinter sich, kam heim und hatte im Lotto gewonnen. Ein anderer, das war vor zwei Wochen im Aargau, kam heim und sein behinderter Sohn war geheilt.“ Wieder der erste: „Ein Bekannter hatte den Volvo hinter sich, von dem man nur weiß, dass er eine Freiburger Nummer hat. Er kommt heim und findet seine Frau im Bett mit einem anderen. Aber er war eh ein Arschloch, hat gekündigt und ist ins Kloster gegangen, zu den Benediktinern, Uznach.“

Der 1958er Peterbilt Conventional greift an (Foto: Manfred Poser)
Der 1958er Peterbilt Conventional greift an!
David Mann ist hilflos.
(Foto: Manfred Poser)

Einige Ethnologen halten diese Erzählungen für Stadtlegenden. Theologen sprechen von neuzeitlichen Mirakelberichten. Die Farbe Gold weise auf das Numinose hin, der Volvo soll wohl an den Wolf erinnern, der als übernatürliches Wesen galt und von Jagdvölkern verehrt wurde. Der Wolf ist das Totemtier von Irokesen, Turkmenen und Mongolen, und zwei Wölfe begleiten den germanischen Gott Odin. Der Werwolf. Die Nacht und der Mond. Parapsychologen schalten sich ein. Der Volvo, werde berichtet, bewege sich „lautlos“, sei plötzlich da und plötzlich weg. Das erinnere an Ufo-Sichtungen. Lastwagenfahrer schildern, sie spürten ein elektrisches Gefühl, ein sanftes, wohliges Fluten, und mit einem Schlag seien Stunden vergangen.

Ich weiß davon nichts. Ich beobachte die Benzinanzeige, höre die „Relayer“ von Yes auf einer von 150 alten Jazz- und Rockkassetten und schenke meiner dunkelhaarigen Phantom-Anhalterin auf dem Beifahrersitz, die ich im Aargau mitgenommen habe, einen Blick. Ich wusste, dass sie dort umgeht: an dem Ort, an dem sie ums Leben kam. Und ich sehe schon den Krug mit Rothaus-Pils in meiner Hand. Mit der jenseitigen Anhalterin (kühle Hand, kalter Kuss) schmeckt es doppelt so gut.

Doch schon nach dem ersten Tête-à-Tête wird ihre Batterie schwächer, und auch ich spüre Mattigkeit. Kein Wunder, sie zehrt von meinem Ektoplasma, ich kann sie nicht mehr halten, sie gleitet mir aus den Händen und flüstert mir noch zu, bevor sie ganz zergeht, sie werde bald mehr Energie tanken, um eine ganze Nacht bei mir bleiben zu können. – So weiß ich wenigstens, warum ich von Hier nach Dort gefahren bin.

Im Trend. - Es werde nur noch

Im Trend. - Es werde nur noch geschlichen, schreibt Wolfgang Peters am 11. August 2008 in einem FAZ-Autobeitrag ("Das richtige Schleichen"). Ich liege also im Trend. Der Autor meint, man spare mit 100 bis 140 (!) auf der rechten Spur Benzin. Mit 95 gilt man ihm sicher als Schleicher. Am Ende des Artikels betätigt er noch rasch die moralische Lichthupe, damit er sich die reale sparen kann und der Schleicher von selber sich schleicht. "Mit Schleichen aber ist niemandem gedient. Denn zum Sparen gehört die Vermeidung von Konfrontationen. Nachgeben ist besser als Tugenden zu demonstrieren." Warum gehört zum Sparen die Vermeidung von Konfrontationen? Aber gut, der Klügere gibt nach; vor allem, wenn von hinten mit 200 Sachen lichthupend der Porsche mit der Nummer F-AZ 200 heranrauscht. Gruss Manfred Poser.

 

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