Im Zwielicht der Selbstverhüllung

Der riesige Autobus mit seinem Anhänger glitt wie ein Schiff durch die schwarze Nacht und schlingerte sanft an anderen 40-Tonner-Schiffen vorüber, und wer auf dem Oberdeck seinen Platz hatte, konnte auch meinen, es gehe im Tiefflug übers schlafende Land. Genf, Avignon, Barcelona, Valencia; dann die Costa Blanca. Rad aufgepackt und drei Tage gen Süden gefahren, nach Mojàcar Playa, welches fest in englischer Hand ist. Auf der Rückfahrt kämpfte ich zwei Tage in den einsamen Sierra-Tälern des Landesinneren gegen nie nachlassenden Gegenwind. Ich hatte einen Gedichtband von José Hierro dabei, darin: „La poesia es como el viento, o como el fuego, o como el mar.“ Zudem hatte ich von Zuhause einen dünnen Roman mitgenommen, der als „humoristisch und philosophisch“ angekündigt war: „Nebel“ („Niebla“) von Miguel de Unamuno. Den las ich schnell – und er gab zu denken.

Eine Gasse in Santa Pola, Costa Blanca (Foto: Manfred Poser)
Eine Gasse in Santa Pola, Costa Blanca
(Foto: Manfred Poser)

Er fängt konventionell an: Augusto Pérez verliebt sich in die Klavierlehrerin Eugenia und versucht, ihre Liebe zu gewinnen. Die Angebetete hasst Musik und benimmt sich so kratzbürstig wie seltsam, manche Dialoge ergeben keinen Sinn, und eigenartige Geschichten werden Augusto erzählt, in denen es darum geht, dass man nicht wisse, ob man liebe, dass man den Geliebten erschaffe, konstruiere; ja, man wisse nicht, wer wen erschaffe, und alles gipfelt dann in einem Besuch Augustos bei seinem Autor Unamuno, den er überreden will, ihm den Selbstmord zu gestatten (Eugenia hat ihn verlassen). Nein, sagt dieser. Da läuft Augusto zu großer Form auf und will dem Autor in einem Monolog nachweisen, dass er ihn erschaffen habe, dass der Autor und alle Menschen ohnedies Phantasiewesen seien, da sie sterben müssten, nur er lebe ewig; Augusto versteigt sich sogar zur Drohung, seinen Autor zu töten! Da aber spielt Unamuno seine Macht aus und verurteilt sein Geschöpf zum Tode – und wirklich stirbt Augusto, aber nur, weil er meint, partout sterben zu müssen: psychogener Tod.

Das Buch ist 1914 geschrieben worden. Alle möglichen Paradoxien drängen da ans Tageslicht – auch Kafka veröffentlichte in jener Zeit seine Romanfragmente. Viele Autoren kokettieren ja gern mit der Magie ihrer Fantasie – die Geschichte habe sie gefunden, sei plötzlich dagewesen, habe sich „von allein geschrieben“. Aber die Frage nach der Beziehung zwischen Autor und erfundener Person hat kaum jemand derart zugespitzt wie Miguel de Unamuno. Mir fiel dazu nur Pirandello ein, und kurioserweise entsprechen sich deren Lebensdaten ziemlich genau: Unamuno ist Baske, 1864 in Bilbao geboren, Pirandello 1867 bei Agrigent (auf dem Landgut „Caos“), und der Sizilianer starb am 10. Dezember 1936, drei Wochen vor dem Philosophen Unamuno. Übrigens hat Pirandello drei Jahre an der Universität Bonn verbracht, von 1889 bis 1891; er studierte romanische Literatur und war zuletzt Lektor am Romanischen Seminar. Später, von 1908 bis 1922, amtete er dann als Literaturprofessor in Rom. 1934 erhielt er den Literaturnobelpreis.

Die vielen Wohnungen unseres Ichs (Foto: Manfred Poser)
Die vielen Wohnungen unseres Ichs:
der Apartmentkomplex »Atlantico« in Calpe
(Foto: Manfred Poser)

Sein Schlüsselstück hierzu ist „Sechs Personen suchen einen Autor“. Da schneien sechs maskierte Personen zur Probe eines Theaterstücks herein, von einem Autor namens „Pirandello“, doch sie sind nur Gestalten auf der Suche nach einem Autor, dem sie ihre Tragödie vorspielen. (Beim Wiederlesen hat es mich etwas enttäuscht.) Da sagt der Vater, dass sie als „Personaggi“ ewig leben dürften, während der arme Autor sterben müsse. Als Personen hätten sie, sagen die Personen zu den Schauspielern, nur ihre Realität: diese einzige. Vielleicht sind die Schauspieler mit den Worten vergleichbar, die Personen (Rollen) mit den Sachverhalten, den Dingen: „les mots et les choses“ (die Worte und die Dinge; deutsch: „Die Ordnung der Dinge“), um das Buch von Michel Foucault zu zitieren.

Darin hebt Foucault Miguel de Cervantes und seinen „Don Quijote“ hervor, der, im 16. Jahrhundert verfasst, durch das Selbstreflexive in die Moderne vorausweist. Wie bei Unamuno und Pirandello taucht der Autor Cervantes namentlich im zweiten Teil auf sowie andere, die sich über den ersten Teil äußern. Sehr modern. 1935 gestorben ist Fernando Pessoa aus Lissabon (daselbst 1888 geboren), der vier Lyriker erfand, unter deren Namen er schrieb. „Diese Individualitäten müssen als von der ihres Autors verschieden betrachtet werden. Jede bildet eine Art von Drama; und sie alle zusammen bilden ein weiteres Drama. [...] Es ist ein Drama in Leuten statt in Akten“, hat er selber vermerkt. Sein Landsmann José Saramago lässt in „Das Todesjahr des Ricardo Reis“ (1984) eine dieser Verkörperungen ihren Schöpfer Pessoa treffen.

Aber es sind vier Lyriker, sechs Personen oder zwölf Romanfiguren nicht einmal nötig; schon das unschuldige „Ich“ ist ein Konstrukt, nicht identisch mit dem Autor, wenngleich nicht unabhängig von ihm. Es erzeugt mit allem, was es an sich zieht, diesen eigenartigen Nebel, der um literarische Werke liegt, und gerade das Zwielicht der Selbstverhüllung macht Literatur aus.

Das ist hübsch, und ich seh's

Das ist hübsch, und ich seh's erst jetzt: Kay Eiffel meldet sich! Sie, die über Leben und Tod des Harold Crick in "Schräger als Fiktion" (was für ein holpriger Titel!) entscheidet, war sie nicht auch nur eine Kunstfigur? Wer also schreibt da? Interessantes literarisches Spiel. Vielleicht a) der Regisseur selbst, auf Heimaturlaub in der Schweiz, der für seinen neuen Film Werbung macht, b) Emma Thompson, die sich mit ihrer Figur identifiziert, c) ein Scherzbold aus der Redaktion der "Kritischen Ausgabe", vermutlich weiblich ... Mein Appell: Lasst Kay Eiffel leben, die Ur-Ur-Urenkelin des Erbauers des Eiffelturms! Fast möchte man sie kennenlernen. Gruss Manfred Poser.

...und von Marc Forster kommt

...und von Marc Forster kommt gerade ein neuer Film in die Kinos, von dem wir gleich hier um die Ecke erfahren:

Ist das redaktionelles crossmarketing, was Ihr da macht? ;-)

Entschuldigt ... aber da

Entschuldigt ... aber da sonst niemand schreibt, kommentiere ich mich einfach selbst. Unamunos Einfall ist tatsächlich filmisch verarbeitet worden: von dem Schweizer Marc Forster in "Stranger than Fiction" (2006). Der Langweiler Harold Crick (Will Ferrell) entdeckt, dass er eine Romanfigur ist und durch die Autorin Kay Eiffel (Emma Thompson) dem Tod geweiht ist. Er liest das Manuskript und ist einverstanden, weil sein Leben öde ist, doch dann rettet er kurz vor seinem geplanten Ende einem Kind das Leben, und - wir sind in Amerika - die Autorin lässt ihn am Leben. Was Crick einen Kick gibt und neuen Lebenswillen. Dustin Hoffman und Queen Latifah sind auch dabei. Was wollen wir mehr? Gruss Manfred Poser.

Eine Fussnote: für die

Eine Fussnote: für die Politik. Am 9. März wählt Spanien ein neues Parlament. Mariano Rajoy von der rechten Partido Popular (PP) hat sich Mitte Februar der Künstler erinnert, ein paar von ihnen getroffen und was Nettes über Kunst gesagt; das fällt den Rechten immer nur kurz vor den Wahlen ein. Der Graubart Rajoy will sich als braver Landesvater empfehlen im Gegensatz zum listigen, linken Zapatero (PSOE), und nun hat er auch noch die patriotische Karte ausgespielt und darauf gedrängt, der Radfahrer Contador müsse die Tour de France mitfahren dürfen (sein Team Astana wurde ausgeschlossen). Contador ist höchst dopingverdächtig und soll zuhause bleiben; die Spanier mögen sich um die Operacion Puerto kümmern, damit wir endlich wissen, welche Sportler (oder welche Sportlerhunde) sich eigenblutgedopt haben.
Schönes Wochenende
Manfred Poser.

 

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