»Schreiben ist Teil meines Lebens, ohne davon verschlungen zu werden«

Interview mit dem niederländischen Schriftsteller und Journalisten Daan Heerma van Voss

Wenn der europäische Zusammenhalt bröckelt und Politiker darüber nachdenken Ländergrenzen zu schließen, scheint es notwendig über den Staatenbund zu reden. Das Literaturhaus Bonn und die Vertretung der Europäischen Kommission in Bonn bieten mit ihrer neuen Lesereihe »Literatour d’Europe. Neue Texte aus Europa« Gelegenheit dazu. Zweimal im Jahr sollen neue literarische Stimmen mitten aus Europa zu Wort kommen. Den Anfang macht an diesem Donnerstag der niederländische Autor Daan Heerma van Voss, der in seiner Heimat – nicht nur als Schriftsteller – bereits sehr erfolgreich ist und sich in jüngster Vergangenheit immer wieder der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts genähert hat.

Daan Heerma van Voss wurde 1986 in Amsterdam geboren. In letzter Zeit hat sich der Schriftsteller und Journalist immer wieder mit der europäischen Vergangenheit beschäftigt. So entstanden im letzten Jahr der Essay Een verlate reis (Eine verspätete Reise) über einen Trip nach Auschwitz und vor kurzem der Roman De laatste oorlog (Der letzte Krieg). Über dieses Buch, das 2017 auch in deutscher Übersetzung erscheinen soll, aber auch Geschichtsschreibung und Gegenwartsliteratur wird es am 18. Februar um 19:30 im Saal im Haus der Bildung gehen. Ehe sich Daan Heerma von Voss diesen und anderen Themen in Bonn stellt, hatten wir bereits Gelegenheit zu einem Gespräch – über sein Schreiben, seine Beziehung zu Europa und wie wichtig es ist, die eigene Vergangenheit zu kennen.

Kritische Ausgabe: Sie haben in den vergangenen Jahren einige Bücher veröffentlicht – ein Werk auch zusammen Ihrem Bruder Thomas, der ebenfalls als Schriftsteller tätig ist. Weshalb sind Sie Autor geworden und wie war es die Einsamkeit des Schreibens hinter sich zu lassen und mit jemandem zusammenzuarbeiten?

Daan Heerma van Voss: Das ist eine sehr komplexe Frage. In der Rückschau stelle ich mir einzig die Frage, warum ich nicht schon früher Autor geworden bin. Ich war es gewohnt einfach umherzuwandern und mir über die relative Ruhe, mit der die Menschen ihr Leben bewältigen, nicht nur Gedanken zu machen, sondern das auch zu hinterfragen. Das Schreiben war für mich ein relativ heilsamer und akzeptabler Weg, auch um Antworten darauf zu finden. Das Bild vom einsamen Dichter ist ein Klischee. Schreiben ist Teil meines Lebens, ohne davon verschlungen zu werden. Die sogenannte Einsamkeit bedeutet nicht mehr als eine sichere Distanz, wie ein Vorhang zwischen der Welt und dir. Die Zusammenarbeit mit meinem Bruder war eine schöne Erfahrung, aber ich habe die Distanz, den Vorhang, vermisst.

K.A.: Sie arbeiten nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Journalist und veröffentlichen ihre Artikel selbst in internationalen Magazinen. Haben Sie dafür Vorbilder?

Heerma van Voss: Die meisten meiner Vorbilder haben sich zurückgezogen oder sind bereits tot. Ich bin nicht wirklich der Typ, der jemanden bewundert. Ich habe auch einfach nicht die Zeit dazu. Ich bin stolz auf meine Veröffentlichungen in den USA, Deutschland, Schweden und Israel, auch weil nicht viele niederländische Autoren international veröffentlichen. Ach, ich habe auch nicht wirklich Zeit Stolz zu empfinden! Ich stelle mein Glücksgefühl erst einmal zurück. Wenn ich alt und grau bin, ist das Leben dann schön.

K.A.: Der Kontext Ihrer Lesung in Bonn ist sehr europäisch. Was bedeutet Ihnen Europa?

Heerma van Voss: Europäer zu sein ist kein entscheidender Teil meiner Identität. Lassen Sie es mich anders sagen: es ist nur Teil meiner Identität, wenn ich im Ausland bin, in den Vereinigten Staaten beispielsweise. Die Identität existiert also vor allem durch den Blick des Anderen. Um es noch politischer zu formulieren: Ich bewundere die europäische Idee, aber Ideale sorgen nicht notwendigerweise für eine gesunde politische Basis.

»Die Vergangenheit ist da, wie auch immer man sich mit ihr beschäftigt.«

K.A.: Zusammen mit Ihrem Kollegen Daniël van der Meer haben Sie 2010 das Buch Wat we missen kunnen veröffentlicht. Sie beschreiben Ihre Generation als grenzenlos. In Deutschland wird dies unter dem Stichwort ›Generation Y‹ diskutiert. Sie vergleichen es mit Konfetti. Was bedeutet das in diesem Zusammenhang?

Heerma van Voss: Genauer gesagt habe ich mit diesem Buch auf andere Publizisten reagiert, die uns ›Konfetti Generation‹ genannt haben. Was sie mit dieser glanzlosen Metapher sagen wollten, ist die Beobachtung, dass ›wir‹ uns nicht mehr für etwas engagieren, das Leben so nehmen, wie es kommt, und wir nicht den Ernst, sondern vor allem die Fröhlichkeit des Lebens suchen. Ich glaube, dass das eine sehr saloppe Einschätzung ist. Wenn Erwachsene und diejenigen, die sich angekommen fühlen, auf jüngere Leute gucken, glauben sie fast immer, dass die Jugend frivol sei und vor allem nicht wisse, was das Leben wirklich bedeutet. Das ist ein ganz natürliches nostalgisches Zerrbild. Ich zögere dabei von meiner Generation zu sprechen, weil ich gegenüber Verallgemeinerungen skeptisch bin. Aber da Sie schon fragen: Ich glaube, dass wir ›älter‹ sind als unsere Eltern es in unserem Alter gewesen sind. Wenn ich auf meine Altersgenossen schaue, sehe ich Erfolgssucht, Workaholics und Ehrgeiz.

K.A.: Aktuell konzentrieren Sie sich vor allem auf historische Themen. Letztes Jahr haben Sie den Essay Een verlate reis über eine Reise nach Auschwitz veröffentlicht. Vor kurzem ist ihr Roman De laatste oorlog erschienen. Warum ist es so wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen?

Heerma van Voss: Sich nicht mit der Vergangenheit zu konfrontieren ist auch eine Form von Beschäftigung, nämlich sie zu ignorieren. Mit anderen Worten: Die Vergangenheit ist da, wie auch immer man sich mit ihr beschäftigt. Die Gegenwart ist ein Erzeugnis der Vergangenheit. Man kann das eine ohne das andere nicht verstehen. Zeiten verändern sich immer und keine Situation gleicht der anderen. Aber die Leute bleiben gleich. Ihre Schwächen bleiben dieselben. Ihre Art auf Gefahren zu antworten, bleibt dieselbe. Seine Geschichte nicht zu kennen, bedeutet gewissermaßen auf alle Fragen schon Antworten zu haben. Das ist anmaßend.

K.A.: Im Moment gibt es eine breite Diskussion darüber die Grenzen Europas zu schließen. Viele Flüchtlinge sind unterwegs und rechte Parteien werden immer stärker. Wie schätzen Sie diese besondere Situation ein?

Heerma van Voss: Es ist möglicherweise eine sehr explosive Situation. Die Tatsache, dass Deutschland es kleinen Parteien nicht erlaubt Teil des Parlaments zu sein, kann es sogar noch schlimmer machen, wenn Bürger das Gefühl haben, dass ihre Sorgen nicht wahrgenommen werden, und sich extremen politischen Gruppen anschließen. Dieser Prozess führt nur zu mehr Radikalisierung. Ich glaube, wir sollten nicht nur die Radikalisierung der Muslime, sondern auch unsere eigene Radikalisierung aufmerksam beobachten.

K.A.: Was können wir über die multikulturelle Gesellschaft lernen, wenn man sich die Niederlande ansieht?

Heerma van Voss: Die größeren Probleme des 21. Jahrhunderts sind nicht nur nationale Angelegenheiten. Grob gesagt haben die Niederlande dieselben Probleme wie Deutschland. Ich glaube, die multikulturelle Gesellschaft ist ein Pleonasmus. Jede Gesellschaft setzt sich aus unterschiedlichen Kulturen zusammen; andernfalls kann sie auch keine Gesellschaft, sondern nur ein Kult sein. Wir sollten diesen Begriff nur als Beschreibung und nicht als ein Ideal verwenden. Ich glaube, das wäre ein erster Schritt.

K.A.: Vielen Dank für das Gespräch.

Mitarbeit: Milena Niesen

Literatur d'Europe. Neue Texte aus Europa (Logo)Die Kritische Ausgabe begleitet die Lesereihe »Literatour d’Europe. Neue Texte aus Europa« des Literaturhauses Bonn und der Vertretung der Europäischen Kommission in Bonn als Medienpartner und knüpft damit an ihr langjähriges Engagement bei der Lesereihe »Reading Europe. Neue Autoren aus Europa« an, die von 2006 bis 2013 in Bonn ebenfalls regelmäßig europäische Autoren präsentierte.
 

 

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