Ivanhoe oder: Alles ist vertauschbar

Manfred Poser analysiert den berühmtesten Ritterroman überhaupt und hält das Leben für eine Verwechslungskomödie

Nach meiner ersten Berührung mit der Gralssage in Rom wollte ich mehr über die Ritter erfahren. Als ich neun oder zehn Jahre alt war, las ich begierig und mehrmals einen Comic über Prinz Eisenherz, der lange schwarze Haare hatte, an der Stirn zu einem Pony geschnitten (so einen hatte ich dann auch, als ich zwanzig war). Um sich der mittelalterlichen Ritterschaft zu näher, kann man kein besseres Buch lesen als den Ivanhoe von Sir Walter Scott, der im Jahr 1195 spielt. Vollendet wurde das Buch 1830; aber Sir Walter war ein großer Mediävist, und erst der zeitliche Abstand führt, bei allen Verzerrungen, zu einer gewissen Objektivierung. Sir Walter Scott wurde 1771 in Edinburgh geboren. Er amtierte als Sheriff von Selkirkshire und lebte in Abbotsford über seine Verhältnisse; also musste er schreiben, um seine Schulden abzubezahlen. Die Waverley-Romane machten ihn berühmt, er wechselte Briefe mit Goethe, und beide starben sie im selben Jahr, 1832: Goethe am 22. März, Scott sechs Monate später. Im Vorwort zur Penguin-Ausgabe schreibt A. N. Wilson über Scott: »Er las viel, und in seinem Fall war das Gedächtnis die Mutter aller Musen.« Es sei ein Roman von »visionärer Größe« (dass Richard Löwenherz, wie im Roman, tatsächlich an einer Belagerung teilgenommen hatte, wurde erst 1882 bekannt). Das Buch, »eine der spannendsten Geschichten englischer Sprache«, nehme »eine fast spirituelle Bedeutung an«.

Ivanhoe und die Travestie

Da mich das Thema des Schleiers, also des Verborgenen, interessierte, fiel mir bald auf, dass es im Ivanhoe viele Verwechslungen und Verkleidungen gibt, was man vielleicht am einfachsten mit Travestie in seiner weiteren Bedeutung umschreiben könnte (nicht in der engeren, dass Frauen Männerrollen spielen und umgekehrt). Die Handlung ist hier zu finden.

 

Ritter Konrad von Haltenberg (rechts) in der offenen Feldschlacht (Foto: Konrad Federl)
Ritter Konrad von Haltenberg (rechts) in der offenen Feldschlacht, bei einem Turnier 2008 in Bayern (Foto: Konrad Federl, www.pax-sancta.de)

 

Wilfried von Ivanhoe ist der namenlose Ritter, Richard Löwenherz der Schwarze Ritter, der ihn heraushaut beim großen Turnier. Ein nettes kleines Gedicht habe ich gefunden (The Tournament), von einer Neunjährigen, die mit 16 Jahren gestorben ist. Ihre Eltern veröffentlichten zu ihrem Andenken 1930 einen Gedichtband. »The bells were ringing, / The maidens were singing / As knights went forth tho fight / On that morning so bright. (...) Swords were raised / And knights were praised. /Through the battle’s cloud of dust, /Every maiden her knight did trust / To win in that famous tournament.« (aus Sunshine & Stardust von Constance Witherby) »Unter den häufigen und kapriziösen Schwüren war es einer der gebräuchlichsten, sich dazu zu verpflichten, in einem bestimmten Gebiet inkognito zu bleiben – oder bis ein konkretes Abenteuer gelungen war«, erläuterte Sir Walter Scott. Der mysteriöse Ritter ist ein beliebtes Motiv im Mittelalter. Auch dass ein König inkognito unter die Leute geht, wurde sich erzählt. »Der östliche Geschichtenerzähler hat dafür die verkleideten Expeditionen von Harun al-Raschid mit seinen treuen Begleitern Mesrour und Giafar in Bagdad«, sagt uns der Autor. Im Ivanhoe wird erwähnt, dass Schurken sich in Palästina weiß kleideten und als Tempelritter ausgaben, wodurch sie den Orden in Verruf brachten. Der Templer Bois-de-Beaumont selbst spielt Outlaw; der Hofnarr, als Mönch verkleidet, kommt ins Schloss, und ein Gefangener entrinnt in dieser Verkleidung. Der Templer spricht andauernd von Lady Rowena, verliebt sich dann aber in Rebecca. Der Eremit in den Wäldern ist eigentlich ein Gefolgsmann von Robin Hood, auch der Schweinehirt ist ein Outlaw, der fromme Abt frönt weltlichen Lastern ... »Nichts ist, was es scheint« ist auch heute ein häufig zu lesender Satz in Klappentexten zu Krimis.

 

Die Streitmacht Pax Sancta aus Landsberg am Lech (Quelle: <a href=www.pax-sancta.de)" class="frei" src="/sites/default/files/images/paxsancta.jpg" style="max-width:100%" />
Die Streitmacht Pax Sancta aus Landsberg am Lech (Quelle: www.pax-sancta.de)

 

Sir Walter Scott bedient sich einer gehobenen Sprache. Die Dialoge sind zeremoniös und verschleiernd; in heutigen Büchern sind sie plump und direkt. Lady Rowena: »Die Höflichkeit der Zunge wirkt, wenn sie flegelhaftes Tun verschleiern soll, nicht anders als der Gürtel eines Ritters um den Wanst eines billigen Spaßmachers.«

 

Der Geist über den Wassern

Das Mittelalter lebte mit Allegorien und betonte die Ähnlichkeiten, wo wir eher Unterschiede hervorheben. (Ein Reisender wird heute, zurückgekehrt, eher schildern, was im Reiseland anders war als bei uns.) Es gab keine Bürgerrechte und keine Privatsphäre. Jemand war Leibeigener, der andere ein Vogelfreier; es gab Ritter und Kleriker, und 95 Prozent der Leute waren arme Hunde ohne Schulbildung, die sich irgendwie durchschlugen. Sie lebten im Familienverband und in einem Dorf, das sie selten verließen. Mit dem Tod musste man rechnen, eine kleine Epidemie reichte. Man ist ersetzbar und muss ersetzt werden, wenn die Gattung Bestand haben soll. Ich dachte auch an Nagib MachfusKairoer Trilogie, die zwischen 1914 und 1940 spielt. Dort befasst sich Jasin erst mit der Mutter seiner Braut Maryam, bevor er diese freit, in die vorher sein Bruder Fahmi verliebt war. Kamal entdeckt nach der Liebe zu Aida seine Zuneigung zu deren Schwester Budur, die eine jüngere Ausgabe von ihr ist; Aischa und Chadiga, die Schwestern, heiraten zwei Brüder. Die Auswahl in traditionellen dörflichen Milieus ist beschränkt. Dass die Witwe nach dem Tod ihres Mannes dessen Bruder heiratete, war in manchen Gesellschaften die Regel. Auch in den vergangenen hundert Jahren gab es reichlich Verwechslungskomödien wie Drei Männer im Schnee (1934) – ein Armer und ein Reicher werden verwechselt – und Manche mögen’s heiß (1959) – Männer verkleiden sich als Frauen. Oder denken wir an Hitchcock, den der Tod seiner blonden Hauptfigur kaum störte: Gleich kam eine andere ins Spiel wie bei Psycho und Vertigo. Verwechslungen im Alltag sind peinlich, aber nicht grundlos; zwei Individuen haben ein Element gemeinsam. So viele Romane heute, jeder schreibt einen und wieder einen und stopft ihn voll mit Personen, die dann doch nicht recht plastisch werden. In der Antike und noch im Hochmittelalter kannte man wenige Geschichten mit Göttern und Helden, die immer neu erzählt wurden. Das ist wie bei Claude Monet, der häufig Seerosen malte, wo ein anderer immer ein neues Motiv wählt. Doch die Seerose ist nur eine Metapher für die Konstellation aus Motiven, die bei jedem Autor begrenzt ist; jeder schreibt immer an seinem einen Buch weiter.  Jeder bearbeitet seine eigene Gralssage. Als Chrétien de Troyes starb, als ihm nach 10.601 Versen der Griffel aus der Hand fiel, brachte ein unbekannter Weiterschreiber das Werk Li conte du Graal auf 32.000 Verse. Wolfram von Eschenbach verwandelte sich das Werk an, und eines seiner späteren Fragmente fand ebenfalls einen anonymen Fortsetzer. Nicht nur der Autor ist ersetzbar und vertauschbar, sondern auch die Personen sind es; alles um den Gral herum wird variiert und anders erzählt, und wir heutigen Leser, die gerne wissen wollen, wie es denn nun wirklich war, sind verwirrt. Nächste Woche, am 24. März, kommt der Film Der letzte Tempelritter mit Nicolas Cage in die Kinos. Schlachten und Metzeleien, die Hexe als personifizierte Gefahr des ewig lockenden Weibs, dunkle Mächte, Geheimgesellschaften, die Pest – da gibt das Kino wieder seiner Lust an der Apokalypse nach, für die man heute nur nach Japan zu schauen braucht. Es genügt, ein paar Faktoren zu transponieren: Die Pest gleicht der radioaktiven Verseuchung, die Geheimgesellschaften stehen für die Atomindustrie, und Cage kämpft unverdrossen als Der letzte Grüne gegen das Heer der bedenkenlosen Energieverbraucher, die weiter billigen Strom haben wollen. Wer die Geschichte der Templer lesen will, möge sich den Roman Das Foucaultsche Pendel von Umberto Eco holen, erschienen 1988 (deutsch 1989). Auf Seite 98 der gebundenen Ausgabe schickt sich der Erzähler an, sehr kurzweilig Herkunft und Geschichte der Tempelritter zu erzählen. Und auf den Seiten 169 bis 175 ist die Gralssage nachzulesen, bis zu der Stelle, an der Belbo »O basta là« sagt, piemontesisch für »Das reicht«.

 

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