Jäger der verlorenen Unschuld

Natürlich hätten wir alle Freude daran, würde so Wissenschaft betrieben: mit Notizbuch und Revolver am Gürtel, den Schlapphut auf dem Kopf, die Lederpeitsche geschmeidig in der Hand. Natürlich wäre es aufregend, bestünde Archäologie vor allem daraus, sich vor gefährlichen Eingeborenen und herabstürzenden Felsbrocken in Sicherheit zu bringen, die goldglänzende Statuette im Arm. Doktor Henry Walton Jones, Jr., genannt Indiana, ist aber für alle Menschen außer seinen fiktionalen Studenten stets weniger Wissenschaftler gewesen als Abenteurer: Jäger der verlorenen Schätze.

Mag sein, dass manche trotzdem die Indiana-Jones-Filme zum Anlass genommen haben, Archäologie zu studieren. Aber das wäre so ähnlich, wie Jurassic Park für einen Dokumentarfilm zu halten und sich aus diesem Grund mit Paläontologie zu beschäftigen. Gleichwohl gibt es solche bizarren Momente auch heute noch, über zwanzig Jahre nach Jäger des verlorenen Schatzes: Da schreibt Matthias Schulz anlässlich des Starts von Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels über die Inspirationsquellen für die Hauptfigur und das titelgebende Artefakt – und bemängelt dann, dass der Film historische Akkuratesse vermissen lasse. Als sei es, ganz im Ernst, bei Indiana Jones je um Archäologie gegangen und nicht immer nur ums Abenteuer.

Andere Welten

(Foto: Lucasfilm/Universal)Für Harrison Fords Doktor Jones fand das Abenteuer seinen Ort immer in einer doppelten Fremde. Es ist zum einen die Fremde jener seinerzeit – die ersten drei Filme spielten in den 1930er Jahren – noch unkartografierten, unzivilisierten Gebiete, wo Eingeborene uralte Schätze bewachten, die von ihrer eigenen untergegangenen Größe künden: Hier zeigt sich Indiana auch als klassischer Weißer Mann und Kolonialist, als Archetyp des überlegenen westlichen Forschers und Grabräubers. (Im vierten Film, diegetisch wie in der wirklichen Welt zwanzig Jahre später, ist Indy grau geworden und die Conquistadores liegen als staubige Mumien herum: Die Kolonialzeit ist vorbei, der Kalte Krieg hat begonnen.)

Die andere Fremde, in die sich Indiana Jones für seine Abenteuer begibt, entsteht durch den Einfluss des Übernatürlichen auf unsere Welt. Erst das Versprechen von unbegrenzter Macht, das die durchweg religiösen Artefakte (Bundeslade, Heiliger Gral) mit sich bringen, setzt ja in den Indiana-Jones-Filmen jeweils die Handlung in Gang. War dieses Magische bislang jedoch stets in unserer Welt verankert und wirkte ihr immanent und zugehörig, markiert der vierte Film nun einen deutlichen Schritt weg von der alten Trilogie. Denn (und ich komme nun nicht umhin, zumindest oberflächlich ein wenig aus dem Nähkästchen der Handlung zu plaudern) hier ist es ein augenscheinlich von Außerirdischen stammender Schädel aus Kristall, der zwischen den Widersachern hin- und hergeschoben bzw., während einer spektakulären Verfolgungsjagd durch den brasilianischen Regenwald, auch -geworfen wird.

Damit bricht etwas dezidiert Fremdes in dieses Universum ein, und die Charaktere sehen sich genötigt, ausführlich über die Herkunft und Kraft des Artefakts zu spekulieren – so nachdenklich sah man Doktor Jones noch nie. Zumal er – was schon seltsam anmuten kann bei einem Mann, der seinem Vater einmal mittels des Heiligen Grals das Leben gerettet hat – die Legenden um den Kristallschädel als Ammenmärchen abtut.

Warum müssen nun auf einmal Außerirdische das Indyversum bevölkern? Inhaltlich ist dafür kaum ein Grund gegeben; das Pressematerial zum Film nährt allerdings ganz offen die Vermutung, man habe die Handlung an das Lebensgefühl jener Zeit anpassen wollen, in der der Film spielt: an die 1950er Jahre. Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels bekommt damit einen offen metafilmischen Rahmen.

Waren schon die Vorgängerfilme ironisch gebrochene Variationen auf die Abenteuergeschichten der 1930er Jahre, klatscht einem der vierte Film munter die Nachkriegszeit und ihre Filme auf die Augen. Vor allem nimmt er die Alien-Geschichten aus der Science-Fiction der 1950er und 1960er ebenso auf wie die Stimmung der McCarthy-Zeit – und beides spielerisch für bare Münze: Es gibt Außerirdische, und die Russen sind die Bösen. Seinen ironischen Höhepunkt findet dies in einem Monolog der Sowjetagentin Irina Spalko, die hofft, mit dem Kristallschädel Gedanken lesen und manipulieren zu können – und so auch in Amerika den sozialistischen »neuen Menschen« erschaffen zu können. Don Siegels Film Invasion der Körperfresser spielte 1956 genau mit dieser Verschränkung der Angst vor Außerirdischen mit der cold-war-Angst vor dem sowjetischen »Reich des Bösen«.

 

(Foto: Lucasfilm/Universal)

 

Die lange Reise nach Nostalgia

Nostalgie war immer schon eine Grundmelodie der Indiana-Jones-Filme; bei aller Ironie warfen sie wehmütige Blicke auf eine vermeintlich real vergangene, stets immer schöner imaginierte Zeit. Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels gönnt sich nun nicht nur nostalgische Blicke auf Science-Fiction-Filme und das Amerika der Nachkriegszeit, sondern auch auf die Indy-Reihe selbst.

Jones sinniert über sein Alter und den Tod des Vaters, und natürlich kommen nicht nur alle wichtigen Requisiten zum Einsatz (der Hut, die Peitsche, von der Titelmelodie ganz zu schweigen), sondern auch sonstige Versatzstücke (Schlangen! dunkle Gänge voller Spinnweben!), die aber oft so wirken, als seien sie allenfalls aus nostalgischen Gründen oder genauer: fürs nostalgisch empfindende Publikum integriert worden. Nicht umsonst verstehen sich Steven Spielberg und George Lucas, so tönen sie im Presseheft wörtlich, als »Konservatoren« der Figur Indiana Jones. Glücklicherweise gerät der Film dennoch nie museal-staubig, aber eben doch: nostalgisch.

Natürlich sind Abenteuergeschichten immer schon per se von Nostalgie getränkt – das ist in ihrer Grundkonstellation so angelegt. Wie das Bonmot sagt: Es ist immer schöner, von einem Abenteuer im Rückblick zu lesen, als es selbst in der Gegenwart zu erleben. Zugleich scheint aber – so meinen wir – die (natürlich schon wieder nostalgisch verklärte) Vergangenheit mehr Raum für echte Abenteuer gelassen zu haben.

Vielleicht haben es deshalb Helden wie Lara Croft und Benjamin Franklin Gates, diese Indy-Epigonen in der Gegenwart (die vermutlich beide zu denjenigen gehören, die tatsächlich wegen der Indiana-Jones-Filme Archäologie studiert haben), so schwer, unsere Herzen zu bewegen. Denn heute ist die Welt tatsächlich kartografiert, der Machu Picchu eine Touristenattraktion – mit GPS und Satellitentelefon verliert das Abenteuer Jones’scher Prägung schnell seine Strahlkraft, es ist einfach nicht mehr so klassisch.

(Foto: Lucasfilm/Universal)Oder eben schlichtweg nicht nostalgisch genug.

Spielberg und Lucas wollten aber eher klotzen als kleckern; glaubt man ihnen, so darf man sich auch beim Betrachten des Films in seliger Rückbesinnung suhlen, schließlich seien statt digitaler Spezialeffekte vor allem herkömmliche Techniken benutzt worden. Nur ist im Abspann die Liste der Digitalkünstler dann doch länger als die für jeden anderen beteiligten Fachbereich, und auch dem Film ist die Macht des Computers von der ersten Szene an anzusehen. Es ist eben doch nicht mehr alles, wie es einmal war.

Es will ja auch niemand im Ernst zu Stop-Motion-Effekten à la Ray Harryhausen zurück, so großartig die seinerzeit waren. Und Indiana Jones sieht man digitale Effekte ebenso nach wie historische Schlampigkeiten in Story und Drehbuch oder absurde Naturphänomene wie den offenbar in Doktor Jones’ Welt nur selektiv wirksamen Magnetismus.

Denn zum Ausgleich bekommt man einen Archäologen, der endlich wieder eine starke Partnerin hat (Karen Allen nimmt ihre Rolle aus Jäger des verlorenen Schatzes wieder auf) und noch dazu eine wahrhaft würdige Gegnerin. Cate Blanchett könnte man wohl auch beim Deklamieren langweiliger Limericks stundenlang zusehen, und als Irina Spalko lässt sie sich genussvoll in eine russische Uniform und die Rolle der Antagonistin fallen. Ganz leicht und asexuell nur riecht sie nach Femme fatale, bis sie schließlich immerhin eine Ameise zwischen ihren Schenkeln zerquetscht. Den jugendlichen Sidekick – in Indiana Jones und der letzte Kreuzzug war das Indiana selbst – gibt Shia LaBoeuf als James-Dean- und Marlon-Brando-Verschnitt, der sich aber rasch zum braven Junior wandelt und nur versehentlich eine Motorradjacke trägt. Dies ist nicht sein Film, sondern Doktor Jones’.

Der weiße Mann also – ich sagte es schon: die Kolonialzeit ist vorbei – bekommt ordentlich Kontra, auch wenn die Welt insgesamt zu seinen Gunsten geordnet bleibt. Dennoch ist sie keine Idylle: Eine Szene verweist sehr deutlich auf Jones’ Kriegserlebnisse, und die ordentliche, farbenfrohe Kleinstadt aus dem Nostalgiebilderbuch, durch die der Archäologe in den ersten Minuten des Films stolpert, ist von Schaufensterpuppen bevölkert und steht auf einem Atomtestgelände.

Ein paar Jahre später sind es solche Orte, die hinter den Hügeln der blutigen Augen liegen; all das ist im 1957 von heute noch weit genug weg, dass Doktor Jones auf eine Anhöhe steigen darf, und vor seinen Augen wächst malerisch und gewaltig ein Atompilz in die Höhe. Ach, die gute alte Zeit.

Schön, dass Sie uns noch einmal beehrt haben, Doktor Jones!

 

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels (OT: Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull), USA 2008. Regie: Steven Spielberg; Darsteller: Harrison Ford, Shia LaBeouf, Cate Blanchett, Karen Allen, Ray Winstone, John Hurt. – Der Film startet am 22. Mai 2008 weltweit in den Kinos.

Diese Rezension erscheint als »Online-Extra« zu K.A. 1/2008: Abenteuer.

(Fotos: Lucasfilm/Universal)
 

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