Jahreshauptversammlung: Weihnachtsgottesdienst

Nachgelassene Gedanken zu einem alljährlichen Ereignis

Wer nicht im Pool der tränenüberströmten Großmütter mit selbststrickbemützten Kindern, gestressten Müttern mit Bratensoßengedanken, in Engelsflügel gespannte Konfirmanden etc. mitschwimmen, wer den Pfarrer nicht hin- und herrudern sehen will, zwischen gemischtem Chor, Krippenspiel und Kanzel, den zieht es vielleicht spät am Abend in die Christmette – oder wie mich in den Frühgottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag. Inzwischen ist es ein Ritual. Mir ist feierlich und ein wenig mulmig zu Mute, als ich mich ins Nachbardorf aufmache. Die Heilige Nacht ist noch Vollmond beschienen, kein Stern zu sehen, die Luft klirrt vor Kälte. Nicht ohne große Erwartungen betrete ich die kleine, warme und vertraute Dorfkirche. Auch ich bin hier, obwohl ich regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst an meinem Studienort besuche, eines dieser verirrten Weihnachtsschafe, eines dieser wenig bekannten Gesichter, die nur zu dieser Jahreshauptversammlung erscheinen. Genau so werde ich auch betrachtet – ein merkwürdiges Gefühl. Man äugt verstohlen in meine Richtung, tuschelt vielleicht sogar ein wenig und ich muss schmunzeln. Es ist schon eine unerhörte Begebenheit, zu Hause, nicht zuhause zu sein. In erster Linie bin ich dem Gedanken auf der Spur, der eine Predigt gut werden lässt, dem Gedanken, der den Gottesdienstbesucher wohlig zusammenzucken lässt, dem Gedanken, für den es sich lohnt, den Ausführungen, den Ausuferungen zu folgen. So kann ich getrost den Beheimatungsgedanken auf ein Später verschieben und mich wieder einmal auf die Suche nach angemessenen Worten begeben. Was diese Suche angeht, befinde ich mich in guter Gesellschaft, meine ich, denn die kleine Kirche ist bereits zum Bersten voll (und einer hat ein Schaf an der Kanzel festgebunden). Ein übermütig nuschelnder Presbyter liest zwar diese wunderbaren Worte über die Umstände der Geburt Jesu Christi, doch so ausdruckscheu, dass kein Flügelschlag dessen die Gemeinde in ihrem Herzen bewegt, was Lukas den Engeln an Weihnachtswirklichkeit zur Verkündigung in den Mund gelegt hatte. Der gemischte Chor ist eigentlich keiner: der Bass zu hintergründig, der Alt zu angepasst, der Sopran zu mitreißend, die Posaunen zu schläfrig, die Organistin zu wütig. Auch die Gebete ganz im Sinne der VOLX-Bibel zu aufdringlich. An Stelle des Evangeliums verkündet man hier sich selbst, launisch, eigen- und zuweilen widerwillig. Höhepunkt des freudlosen Gottesdienstes: die Predigt. Der Pfarrer verkündigt mühsam milde. Zu viele der Anwesenden sieht er nur an Weihnachten. Auch mich. Außerdem blökt das Schaf unpassenderweise. U-Boot-Christen machen betroffen. Was sagen, und vor allem wie? Ich höre, wie schwer es ihm fällt, der ausnahmsweise vollzähligen Gemeinde nicht die Leviten zu lesen, ihnen nicht die vorgeschlagenen zwölf Leuchttürme einer freien Kirche einzuprügeln. Mühsam also gerade das, was leicht daher kommen sollte. Alles eine Frage des Stils? Und so trifft der Kern der Predigt nicht den sich auseinandersetzenden Ton, sondern macht eine Inventur festgefahrener Glaubenssätze. Der Höhepunkt ist frustrierend. Der Pfarrer klagt an: Wieder nur eine Karte, einen Brief, ein Päckchen erhalten. Wieder kein persönlicher Besuch, kein angeregtes Gespräch, keine direkte Nähe. Lautstark der Vorwurf der gegenseitigen Entfremdung. Gott, unser Vater im Himmel, will keine Päckchen mehr von uns. Gott, unser Vater im Himmel, will all die unernsthaften Gebete nicht mehr, nicht mehr dieses aus der Ferne bitten und flehen. Nein, Gott, unser Vater, will direkten Kontakt zu uns, seinen Kindern, die wir seine Erben sind. Und weil er direkt bei uns sein will, hat er uns Jesus Christus, seinen Sohn, gesandt. Widerwillig höre ich das Ende des Monologes: Wir sind erlöst, wenn wir keine Päckchen mehr schicken. Fragwürdig. Nicht zu Ende gedacht. Enttäuschend! Die Erwartung, die mich begeleitete, wurde bitter betrogen. Die Vergegenwärtigung des Evangeliums sollte im Mittelpunkt stehen. Nicht bloßes Nachplappern von ritualisierten Worten, sondern Vergegenwärtigung. Ein in-die-Welt-stellen. Zu brisant die Botschaft, als dass sie in der Zeit verhallen dürfte, zu brisant, als dass wir nur noch ihren Nachhall wahrnehmen dürften. Ich will wissen, was diese – zugegeben – schwer fassbare Geschichte mit mir und meiner Lebenswirklichkeit zu tun hat. Dieses Wissen wird mir nicht geboten, nicht einmal eine Ahnung dessen. Hier macht sich eine ganz andere Ahnung breit. Keine Rückbesinnung auf Weihnachtswirklichkeit, keine Besinnung auf das wirklich Wichtige, keine Vergegenwärtigung des Evangeliums. Die frohe Botschaft bleibt aus. Wenig bewegt, dafür wehmütig gehe ich an diesem Morgen nach Hause. Denke, gerade das Gebet ist doch meine Möglichkeit der direkten Kommunikation mit Gott. Hat der Pfarrer nicht über die Stelle im Galaterbrief gepredigt, in der es heißt, dass wir Miterben Christi sind? Die Familienthematik legte sich nahe, schriebe sich wie von selbst runter, denke ich. Eine Predigt über den Begriff des Vertrauens und der Vertrautheit. Und am Ende könnte stehen, dass wir alle zum Vater gehören – gleich wie weit entfernt, sind wir eine Familie. Eine Familie mit all ihren Sorgen und Ärgernissen. Eine Familie, in der Briefe geschrieben werden, in der Päckchen geschickt werden, die die oft zu großen räumlichen Entfernungen und inneren Distanzen zu überbrücken suchen. Eine Familie, deren Vater sich freut, wenn eines der Kinder schreibt. Denn es ist doch die Sprache, die Tiefstes auszudrücken vermag, weit trägt und verbindet. Bleibt nur die Frage, welchen Wert wir ihr zumessen? Bilanz: Auch im kommenden Jahr wird Weihnachten wieder völlig unerwartet hereinbrechen und die Prediger beschweren. Man könnte doch einmal nicht am 23.12., sondern am 16.6. die Predigt für den Weihnachtsabend schreiben, denn fiele vielleicht auch mehr für die Gemeinde ab, als: »Ich habe Ihnen ein Schaf mitgebracht!«.

 

Die Autorin des Beitrags, Julia-Rebecca Riedel, studiert Evangelische Theologie an der Universität Bonn.

 

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