Junge Musik als »Buchstützen« junger Literatur
Musiktexte lesen – nein danke! Gedichte singen – vielleicht, aber muß eigentlich auch nicht sein. Öder Stampfbeat zu deutschen Texten, gebrüllt, gerotzt, gesprochen zu seichten Gitarrentönen oder Klaviergeklimper? Und das als Coverversion oder in braver Liedermachertradition? Was die Veröffentlichung von Bookends im Hamburger Mairisch Verlag, bei dem die Verbindung zwischen Literatur und Ton nichts Neues ist, zusammenhält, ist Verschiedenes im Verschiedenen. Zehn Künstler, Solomusiker und Bands, sind auf dem Tonträger versammelt, der nur als Vinyl-Schallplatte erhältlich ist. Der Verlag schenkt sich und seinen Kunden als 25. Veröffentlichung eine spannende Mischung mit einer Vielzahl an Neuentdeckungen. Denn auf Deutsch getextete Lieder haben in den letzten Jahren einen großen Einfluß auf die Literatur gewonnen, sie sind zu »wahren Bookends (Buchstützen) geworden«, schreibt der Verlag. Gemeinsam sind den 10 Songs die deutschsprachigen Texte und eine meist ruhige Grundstimmung. Einzig »Schluß aus raus« von der Band mit dem verrücktesten Namen auf der Platte, Vierkanttretlager, könnte ohne größere Diskussion als Rocksong durchgehen. Alle anderen sind getragen und in ruhiger Liedermacherstimmung. Dabei kennt man die Musiker, die hier versammelt sind, teilweise auch rockiger. Gisbert zu Knyphausen zum Beispiel, der eine Coverversion von Daantje And The Golden Handwerks »Wer bist Du« beisteuert, hat auf seinen gefeierten Soloalben gezeigt, daß sich Melancholie bei ihm auch elektronisch entladen kann. Für Bookends ist es aber kein Schaden, daß es in »Wer bist Du« ruhiger zugeht, stehen hier, wie auch bei den meisten anderen Stücken, doch so die Texte stärker im Vordergrund. Lust am Fabulieren und Erzählen merkt man vor allem Jan Böttcher und Fön an. Während Böttcher in seinem Stück »Beruflich in der Stadt« die Hälfte eines Telephongesprächs wiedergibt, erzählen Fön in »Wir haben Zeit« die Geschichte einer Freundschaft:
›Spaß ist was wir draus machen‹, hast Du immer gesagt und gelacht. Die Welt war dir viel zu klein, du wolltest eine neue, eine größere und ich habe gesagt, mal sehen, vielleicht zu Weihnachten.
Es kommt nicht von ungefähr, daß es gerade diese Künstler sind, die in ihren Liedern eine Geschichte erzählen, sind sie doch auch in der Literatur keine unbekannten. Jan Böttcher legte mit Nachglühen 2008 bereits sein drittes Buch vor, die Band Fön besteht aus Tilman Rammstedt, dem Bachmannpreisträger von 2008, seinen Schriftstellerkollegen Michael Ebmeyer und Florian Werner und Songschreiber Bruno Franceschini. Besonders mit »Wir haben Zeit« von Fön verweist die Sammlung, auch wegen der Ironie, mit der hier einiges auf den Kopf gestellt wird, auf die Tradition der Liedermacherkunst. »Wir haben Zeit« klingt streckenweise wie eine Anspielung auf Konstantin Weckers »Willy«, der dieses Lied über den von Altnazis Erschlagenen in immer neuen Versionen spielt. In »Wir haben Zeit« ist das Ende der Freundschaft weniger gewaltsam, ein freies Ende.
Ort für Entdeckungen
Sammlungen wie Bookends sind stets auch Orte für Entdeckungen und animieren im Idealfall dazu, weiterzuhören. Für Jan Böttcher und die Band Vierkanttretlager ist es ein spannendes Weiterhören: Über Jan Böttchers Solodebut, dem auch der zu dieser Platte beigesteuerte Song entstammt, ist an anderer Stelle schon einiges geschrieben worden, Vierkanttretlager und ihre EP Penzion Kanonir sind jünger und machen mit den fünf auf dem Minialbum veröffentlichten Titeln neugierig auf das, was noch kommen mag. In seiner Melancholie und seinen ruhigen Tönen, die der Song auch in den Lyrics transportiert, hätte allerdings der Titelsong der EP, »penzion kanonir«, besser als »Schluß aus raus« auf Bookends gepaßt:
Es ist schön, hier zu sein, in einer Welt, die man nicht mehr ändern kann. Und es ist schön, bei dir zu sein wenn man nichts mehr, nichts mehr änder kann
Und »Hooligans« zeugt gar von einer melancholischen Ironie, wie man sie von einer Husumer Schülerband kaum erwartet hätte:
Und die Hooligans aus Nr. 110 besingen ihr trauriges Leben singen, ihr könnt nach Hause gehn, wenn wir wüßten, wo das liegt
Spiel- und Experimentierfreude an sprachlichen Bildern, auch auf der musikalischen Seite – das zeigen Vierkanttretlager auch auf ihrem Minialbum. So gibt es den Titelsong »penzion kanonier« auch in einer »Dinner Version« mit Klavier und Saxophon. In ihrem Blog, auf dem der Mairisch Verlag die Veröffentlichung mit Einzelvorstellungen der Musiker ankündigten, fragt der Verlag über die noch nicht 20-jährigen Musiker von Vierkanttretlager: »Waren Tomte am Anfang auch so gut? Unwahrscheinlich.« Mindestens zum Zeitpunkt ihres Karrierebeginns sind die Husumer besser als Tomte. Ein guter Start und eine dankenswerte Entdeckung, mit der Bookends zeigt, daß die Entdeckungsreise erst begonnen hat und es immer wieder deutschsprachige Musik auf hohem Niveau gibt. Verschiedene Künstler: Bookends. Hamburg: Mairisch Verlag, 2010. Ca. 40 Min. Spielzeit. Ca. 15,– Euro. Nur Vinyl. – Und zum Weiterhören: Vierkanttretlager: Penzion Kanonier. Cobretti Records 2010. 17 Min. Spielzeit. Ca. 5,– Euro.
