Eine Welt steht Kopf

Rainer Juriattis Roman Lachdiebe zeigt die Realität der Einsamen

Dieser Roman ist außergewöhnlich. In Lachdiebe beleuchtet Rainer Juriatti die trostlose Welt eines einsamen und depressiven Menschen so, dass sich bei der Lektüre nicht nur das Gefühl der Beklommenheit einstellt, sondern auch einige Momente intensiven Mitfühlens entstehen. Das Buch, das 2012 als Hardcover erschienen ist und nun im Taschenbuchformat vorliegt, entfaltet eine düstere Stimmung, die bis zur letzten Seite anhält und vor allem eins deutlich macht: Es will keine leichte Kost sein.

Anfang 40, in der Ehe und Familie gescheitert, zieht ein Mann nach Graz, um dort eine neue Stelle als Bildredakteur anzutreten. Anders als im Privatleben sind seine Bemühungen im Berufsleben von Erfolg gekrönt und seine Fähigkeiten werden geschätzt. Abgestumpft durch das Bearbeiten schockierender Gewaltbilder muss der hier geschaffene Antiheld aber feststellen, dass seine Welt auf dem Kopf steht. Gewalt, Leid und Trauer nimmt er nur noch als Nuancen des Lebens wahr, die es zu retuschieren gilt. Insbesondere Alkoholexzesse begleiten ihn auf diesem endlos scheinenden Weg des Niedergangs. Doch allein ist der Protagonist nicht. Er hat vor allem körperlichen Kontakt zu Frauen, die nie mehr als die Bezeichnung »ein fremder Frauenkörper« oder »Bekanntschaft« zu verdienen scheinen, und pflegt nicht zuletzt auch virtuelle Freundschaften in sozialen Netzwerken.

Vier Jahre ist es her, dass der Roman Lachdiebe im Limbus Verlag erschienen ist und dieser trostlose Typ zum Leben erweckt wurde. Rainer Juriatti, der das Buch verfasst hat, wurde 1964 im Vorarlberg geboren und lebt derzeit in Graz. Seine literarische Karriere begann er nicht nur als Drehbuchschreiber, sondern auch als Lyriker und Autor von Kurzgeschichten. Lachdiebe wurde in der Presse damals durchaus mit gemischten Gefühlen rezipiert. Nun ist das Werk als Taschenbuch erschienen. Grund genug, es sich noch einmal vorzunehmen und zu schauen, ob sich drei Jahre später nicht doch auch neue Perspektiven eröffnen.

Kein Ende der Hoffnungslosigkeit in Sicht

Ohne viel Worte zu verlieren und manchmal auch zynisch lässt Juriatti den Alltag seines Protagonisten aufscheinen. Der Leser darf dabei feststellen, dass ein Tag dem anderen gleicht. Sich wiederholende Szenen werden in die immer gleichen Worte verpackt: »So floh die Zeit«. Gelegentlich streut Juriatti auch Humor ein, wenn er den namenlosen Antihelden beispielsweise mit einem Plüschhund sprechen lässt, den ihm die Tochter beim Umzug mit auf den Weg geben hat. Einen anderen Lichtblick ist der Gedichte rezitierende Bettler, dem der Protagonist begegnet. Doch Szenen wie diese bieten nicht genug Abwechslung. Darunter leidet auch der Erzählfluss und damit letztlich die Motivation weiterlesen zu wollen.

Neben grundsätzlichen Themen wie der Anonymität und Gefühlskälte in menschlichen Beziehungen und der Inszenierung in sozialen Netzwerken streift der Roman schließlich auch die Frage nach dem Sinn des Daseins. Zahlreiche bekannte Philosophen, wie Schopenhauer, Kant, Nietzsche, Voltaire oder Sartre begleiten den Leser durch den gesamten Roman hindurch und verleihen dem Roman somit auch einen gewissen intellektuellen Anspruch. Sie sollen die Gedankenwelt des Protagonisten auf eine sehr komplexe Weise näherbringen und zeigen, dass ein Ausbruch aus dem Alltagstrott und ein Moment der Erlösung nicht möglich sind. Dies kann allerdings nicht ganz umgesetzt werden. Oft fragt man sich, welche Äußerung nun vom Protagonisten selbst stammt und welche von einem der namenhaften Persönlichkeiten übernommen wurde. So bleibt dem Leser am Ende des Romans nur ein bitterer Nachgeschmack und ein Gefühl der Enttäuschung darüber, dass die doch solide Grundidee des Autors, auf neue Art und Weise von Einsamkeit und Depression zu schreiben, nicht ganz umgesetzt werden konnte. Der vom Leser erwartete und als Konsequenz des auseinanderbrechenden Lebens fast schon notwendige Selbstmord der Hauptfigur findet nicht statt und so endet der Roman wie er begonnen hat: ohne Hoffnung auf ein Ausatmen.

Rainer Juriatti: Lachdiebe. Limbus Verlag: Innsbruck, 2015. 168 Seiten. ISBN 978-3-99039-064-1. 9,90 Euro.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Germanistik & Literatur« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!