Kampf dem Dualismus!

Warum ein spannender Körperbegriff keine albernen Feinbilder braucht

Arno Böhler, Krassimira Kruschkova und Susanne Valerie haben sich mit dem Sammelband Wissen wir, was ein Körper vermag? Einiges vorgenommen. Man will dieser Hauptfrage von Spinozas Philosophie nachgehen: »Wissen wir, was ein Körper vermag?«, konkreter: Es soll die »nachtwandlerische« Kraft des Körpers besprochen werden, also die Wissens- und Handlungspotentiale, die ein Körper besitzt, ohne dass ein Geist, das Mentale oder eine Seele auf ihn einwirken – je nachdem, welchen Ausdruck man bevorzugt.

Der Band ist das Ergebnis des Forschungsprojekts Generating Bodies der Universität Wien, ist aber quasi nebenbei durchaus als Kampfansage zu verstehen. Laut der Verlagswebsite sprechen die Herausgeber nämlich von Gegnern, mit denen Sie ihr Buch gerne diskutieren würden: den Idealisten nämlich. Fragt sich bloß, gegen welche Idealisten man hier in die Schlacht zieht, wenn im Zeitalter der Neurowissenschaften der Materialismus längst philosophischer Mainstream ist. Um einen neuen Begriff des Denkens soll es hier gehen, der die Potentiale des Körpers einschließt. Das klingt alles reichlich interessant, jedoch stellt sich die Frage, ob sich die Herausgeber um der Radikalität willen nicht mehr Feinde wünschen, als sie haben.

»What a body can do is think, in the moving«

Der Sammelband startet mit Interviewbeiträgen von Erin Manning und Brian Massumi, in denen die präreflexiven Wissenstrukturen besprochen werden, die dem Körper immanent sind. Für Manning werden diese Strukturen in der Bewegung aktiviert und aktualisiert, weswegen wir unseren Körper als ein ständiges Werden wahrnehmen, das sich auf ein Potential hin transzendiert. Im Tanz »weiß« der Körper von der Bewegung. Der Tänzer kann sich somit im Gefühl des ›Flows‹ verlieren. Marcus Steinweg beschreibt in seinem Beitrag die negativen Aspekte dieser Überreizung des Menschen auf sein Äußeres (Potential), welche das Subjekt in einem prinzipiell fiebrigen, unruhigen Zustand lässt, da es nie ganz bei sich selbst ankommt.

Massumi geht jedoch noch weiter: Er entdeckt schon in dem rein instinktivem Verhalten von Wesen ohne höhere geistige Fähigkeiten – wie Würmern – eine Form von Improvisation und Kreativität. Diese Wesen führen scheinbar willkürliche Bewegungen aus, die jedoch im Bezug auf das Überleben einen Zweck erfüllen. Das Mentale als Fakultät der Problemlösefähigkeiten ist also deutlich größer zu fassen, als es die Philosophen im Fahrwasser der großen Theoretiker der Vernunft wie Kant oder Descartes bisher beschrieben haben. Das Leben generell besteht nun darin, das sich bereits bestehendes aktualisiert auf ein neues Potential hin. Dies verlangt sowohl eine neue Sicht der Logik als auch des Körpers.

Diese stark von Deleuze beeinflussten theoretischen Ausführungen werden im Sammelband auf mitunter beeindruckende Art und Weise auf verschiedene Kunstwerke und Darstellungsformen angewandt. Sandra Noeth untersucht beispielsweise, welche Arten von Bewegungen in Kunst und Literatur vorkommen, und auf welchen kulturellen Hintergrund diese Bewegungen verweisen. Am eindringlichsten ist dabei ihre Darstellung von Derridas Abschiedsrede an Emmanuel Levinas, wo sie die Bedeutung der Geste analysiert, durch die ein »a dieu« ausgedrückt wird.

Elisabeth Schäfer erforscht dann die Grundlagen dieses spinozistischen Körperdenkens in Clarice Lispectors Romanen und Krassimira Kruschkova benutzt Nietzsches Bild des blinden Seekrebses, dessen Beine sich augenscheinlich unkoordiniert »tummeln«, aber dennoch zweckmäßig dem Krebs Nahrung zuführen, um auf die im Körper eingebetteten rhizomatischen Wissenstrukturen zu verweisen. Dies dient ihr als Schablone, um anhand der Analyse von verschiedenen Performancestücken, u. a. Bloody Mess, in dem nur augenscheinlich sinnloses »tummeln« und nicht-handeln praktiziert wird, die Erwartungshorizonte der Menschen offen zu legen: »Menschen vermögen, den Duft des Entzugs zu riechen.« Rolf Elberfeld bietet uns schließlich eine phänomenologische Analyse des Körpers im japanischen No-Theater, in dem die Schauspieler fast komplett verhüllt auftreten und somit das ›Gemeingefühl‹ zwischen Schauspieler und Zuschauer nur durch bewusste Ausführung der eigenen Körperbewegungen erzeugen können.

What a body can do is change

Später wenden sich die Beiträge von Rachid Boutayeb und Fawzi Boubia der Frage zu, welche Körperbilder in islamisch geprägten Staaten präsent sind, und wie diese Körpernormativität in Bezug auf den Koran und die Geschichte des Islams verstanden werden kann. Während Boutayeb nicht müde wird, die Unterdrückung der Frau in der islamischen Welt in Bezug auf den Urtext zu thematisieren, zeichnet Boubia pointentiert auf, wie sich die Entwicklung der Körperdiskurse im Orient und Okzident entwickelt hat. Dabei stellt er fast humoristisch die Hygieneliebe des Orients dem verdreckten Leben des französischen Adels zu Zeiten Louis XIV gegenüber und zieht sogar Parallelen zwischen der orientalischen Kritik der westlichen (körperlichen) Dekadenz und der Frankfurter Schule. Boubia führt somit die Annahme ad absurdum, dass wir einer ›rückständigen‹ islamischen Welt durch die Epoche der Aufklärung in allen Belangen geistesgeschichtlich voraus sind, und zwingt die Lesenden somit, das Verhältnis Orient/Okzident neu zu überdenken.

Alle diese Beiträge sind spannend zu lesen und warten – gerade am Beispiel von Boutayep und Boubia – mit manchen bisher unbekannten Details des Körperbegriffs auf.
Doch, wie schon angekündigt: Mit der Anwendung rhizomatischer Körperstrukturen ist es den Herausgebern nicht getan, vielmehr gilt es einen neuen Begriff des Denkens zu entwickeln. Die Polemik des Sammelbandes entfaltet sich genau hier.

Philosophen und (ihre) Körper

Marc Rölli beginnt seinen Beitrag konsequenterweise mit einer Art intellektuellen Schlachtruf: »Die Geringschätzung des Körpers hat in der Geschichte der Philosophie lange Tradition.« Der Begriff des Denkens, findet er, wurde bis jetzt immer nur einer dem Körper entgegengesetzten Fakultät zugesprochen, sei es Vernunft, Seele oder Geist. Die bisherigen Überwindungsversuche dieses kartesianischen Paradigmas in der Philosophiegeschichte erscheinen ihm jedoch ungenügend, weswegen er sich auf Spinozas Parallelismus zurück bezieht, der Denken und Ausdehnung als Attribute derselben Substanz beschreibt. Laura Culls Beitrag widmet sich dann Deleuzes Ontologie des Körpers wonach prinzipiell nahezu alles die Funktion eines Körpers annehmen kann, im Sinne der bekannten Floskel »body without organs«. Diese Körperontologie versteht Cull dann – ähnlich wie Rölli – als mögliche Heilung für die philosophische ›Krankheit‹ des Dualismus. Dies ist prinzipiell spannend, in seiner Anwendung aber keinesfalls revolutionär. Der Dualismus von Geist und Materie hat jedoch heutzutage nur noch wenige Anhänger, weswegen nicht ganz klar ist, wogegen hier eigentlich geheilt wird.

Ebenso zu wünschen übrig lässt auch der Geprächsauszug eines Vortrags von den Herausgebern Susanne Valerie und Arno Böhler. Am Beispiel der Wittgenstein Rezeption des 1976 verstorbenen Gilbert Ryles wird hier behauptet, dass sich die Philosophie sich nicht um die Stimme oder das Leben eines Philosophen kümmerte; ganz so als würden die Bücher, die den Zusammenhang zwischen Heideggers Philosophie und seiner NS-Vergangenheit erforschen nicht mittlerweile Regale füllen oder als würde heute noch irgendjemand über Descartes schreiben, ohne seine vielen Briefe als Interpretationshilfen dazu zuziehen. Ganz zu schweigen davon, dass viele Biographen von Philosophen selbst Philosophen sind.

Dies hält jedoch Böhler in seinem Schlussbeitrag nicht davon ab, weiterhin gegen einen aufklärerischen Denkbegriff zu argumentieren, der die Potentiale des Körpers nicht als Grundlage der Potentiale des Denkens begreift. Hier ignoriert Böhler schlicht große Teile der Philosophiegeschichte, als auch der neueren Entwicklungen der Philosophie und Psychologie, bei denen Körper und Denken keineswegs gegenüber gestellt sind. Da wirkt es schon fast unverschämt, dass Böhler von einer notwendigen Theorie der passiven Synthesis spricht und in diesem Sinne als einzige Vertreter Husserl, Heidegger und Damasio erwähnt, so als hätte es nach Heidegger keine Phänomenologen mehr gegeben, oder als wäre Damasio der einzige Psychologe gewesen, der sich je für diese Fragen interessiert hätte. Dies ist bedauerlich. Ein Philosoph wie Deleuze hätte es verdient, auch an neueren Entwicklungen abgeglichen zu werden, so dass man nicht immer auf die alten Rationalisten als Feindbilder referieren muss. Als gute Beispiele können hierbei Peter Hertz-Ohmes gelten, der neuere Entwicklungen der Fuzzy- und Chaoslogik in Verbindung zu Deleuze setzt und Violetta Waibel, die die Beziehungen zwischen Körper und Denken der Philosophen Fichte, Kant und Hegel offenlegt und dabei nebenbei auf den neurowissenschaftlichen Gemeinplatz der Spiegelneuronen verweist. Diese Beispiele sind jedoch in der Masse zu wenig, um Anschluss an die zeitgenössischen Diskurse zu gewinnen und rechtfertigen noch lange kein solch reaktionistisches Feindbild.

Es ist Böhler, Kuschkova und Valerie sicherlich zu Gute zu halten, dass sie an Spinozas Theorie der nachtwandlerischen Kraft des Körpers mit ihrem nunmehr unverständlichen Charakter der Kriegserklärung festhalten wollen. Müde ob der Theorienvielfalt der ›Postmoderne‹ mag man sich in die Sprengkraft philosophischer Gedanken nur schwer einzuarbeiten, doch eine solche braucht einerseits genügend Chuzpe in der Darstellung, als auch Aktualität in ihren Thesen. Von letzterem zeigt dieser Sammelband zu wenig.

Böhler, Kuschkova und Valerie (Hg.): Wissen wir, was ein Körper vermag? Berlin: Transcript 2014. 258 Seiten. ISBN 978-3-8376-2687-2. 29,99 Euro.


 

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