Kein Comic

Eine Diskussion von Peter Eickmeyers Im Westen nichts Neues

Mit seiner Adaption von Remarques Im Westen nichts Neues reiht sich Peter Eickmeyer in die ständig anwachsende Liste von literarischen Klassikern in Comicform ein. Aber ist das kürzlich im Splitter Verlag erschienene Buch tatsächlich ein Comic? Und spielt diese Frage für die Bewertung des Buches überhaupt eine Rolle?

Was als erstes auffällt, wenn man Peter Eickmeyers Adaption aufschlägt, sind die doppelseitigen Bilder, die den Blick des Lesers sofort fesseln. Darüber liegen Textkästen mit Abschnitten aus dem Originaltext und manchmal auch kleinere Bilder. An diesem Layout fallen zwei Dinge auf. Erstens wirken die Kästen an manchen Stellen fast störend, weil sie Teile der Bilder überlagern, von denen man gerne noch mehr sehen würde. Zweitens fragt man sich, warum die Adaption auf dem Cover als »Graphic Novel« und damit als Comic – denn nichts anderes besagt dieses ›Etikett‹, das von Verlagen gerne zur Kennzeichnung von anspruchsvollen Comics verwendet wird, ja – ausgewiesen wird. Die Tatsache, dass Bild und Text auf irgendeine Weise nebeneinandergestellt werden, macht aus dem Werk noch lange keinen Comic. Sprechblasen finden sich an keiner Stelle und – noch entscheidender – auch wenn teilweise mehrere kleine Bilder auf einer Doppelseite arrangiert wurden, wird kaum sequentiell erzählt. Dieser kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die meisten Versuche, den Begriff ›Comic‹ zu definieren, einigen können, die Sequentialität nämlich, ist hier nicht zu finden. Dies wurde bereits an anderer Stelle bemerkt und auch diskutiert.

Auch wenn man die doppelseitigen Bilder wie hier vorgeschlagen als ›Splashpanels‹ liest, kann man die Adaption kaum als Comic verstehen. Zwar findet man in Comics (vor allem im Superhelden-Genre) regelmäßig Bilder, die eine komplette Seite bzw. Doppelseite ausfüllen und manchmal von einzelnen kleineren Panels überlagert werden. Diese Splashpanels ziehen ihr narratives Potential jedoch vor allem aus der Tatsache, dass die Sequenz und damit auch der Lesefluss unterbrochen wird. Sie werden daher oft zur Betonung von zentralen Elementen des Handlungsverlaufs genutzt und meistens eher sparsam eingesetzt. Ein Comic, der fast ausschließlich aus Splashpages besteht – wie es bei Eickmeyers Im Westen nichts Neues der Fall wäre –, existiert so gut wie nicht. Eine solche Doppelseite sollte bewusst aus dem sonstiges Seitenlayout herausstechen, was jedoch nicht funktioniert, wenn sie zur Regel wird.

Dennoch muss man sagen, dass die Doppelseiten in Eickmeyers Adaption der optischen Wirkung einer Splashpage nicht unähnlich sind. Das Hauptmotiv zieht den Blick des Lesers in den Bann und hält ihn auch erst einmal fest, bevor man sich den Textkästen und kleineren Bildern widmet. Dies entspricht ganz der Intention des Zeichners, der die großformatigen Bilder als »Träger« konzipiert hat, denen sich die anderen Inhalte »unterordnen« sollen, wie er bei einem Gespräch im Rahmen des diesjährigen Comicsalons in Erlangen erklärte. Wenn man bedenkt, dass dies Eickmeyers erste ›Graphic Novel‹ ist – bisher lag sein Schwerpunkt auf der Landschaftsmalerei – dann verwundert diese Herangehensweise auch nicht. Und es ist ihm ja auch durchaus gelungen, Erich Maria Remarques Text in eindrucksvollen Bildern umzusetzen. Da ist zum Beispiel eine Seite, die fast vollständig von einem riesigen Auge ausgefüllt wird, das vor Entsetzen weit aufgerissen ist. Dieser Blick trifft den des Lesers und zieht ihn in den Bann. Erst im zweiten Moment bemerkt man in der Pupille gespiegelt die Gestalten von zwei Soldaten im direkten Kampf. Manchmal zeigt Eickmeyer Panoramen der Schlachtfelder, manchmal holt er Details so nah heran, dass man einen Augenblick benötigt, um herauszufinden, was genau den Blick eigentlich so anzieht.

Auf einem eigens für das Projekt angelegten Blog ist zu lesen, mit der »künstlerischen Adaption« des Romans erfülle sich Eickmeyer einen »langgehegten Wunsch«. Dass er sich intensiv mit dem Roman und auch mit der Ikonografie des Ersten Weltkriegs auseinandergesetzt hat, das merkt man seinen Bildern an. Mal mehr und mal weniger deutlich sind die Anspielungen auf Lewis Milestones Filmversion von Im Westen nichts Neues, auf Picassos Guernica und auf Otto Dix. Der Versuch, seine Bilder in die Form eines Comics einzupassen, misslingt jedoch leider. Zwar werden Bilder und Text zusammen auf der Seite arrangiert, sie treten jedoch selten in ein echtes Wechselverhältnis. Die Kombination aus Schrift und Bild entfaltet kein narratives Potential. Die Bilder wirken durch ihre Platzierung im Seitenlayout wie Illustrationen, könnten aber vermutlich ihre Wirkung noch stärker entfalten, wenn sie für sich stehen würden, wenn man sie betrachten könnte ohne die Überlagerungen durch Textkästen und mit den Leseeindrücken des Romans im Hinterkopf.

Nun, vielleicht ist Eickmeyers Adaption keine Graphic Novel sondern eine mit Bildern angereicherte (wenn auch gekürzte) Version des Originaltextes, ein illustrierter Roman. Ist das denn so schlimm? Genau diese Antwort gibt auch der Künstler sinngemäß im Gespräch in Erlangen, als er danach gefagt wird, ob man Im Westen nichts Neues überhaupt als Comic bezeichnen könne. Nein, natürlich ist ein illustrierter Roman nichts grundsätzlich Schlechtes, vor allem wenn die Illustrationen, wie in Eickmeyers Fall, durch Zitate und Anspielungen einen größeren Deutungshorizont eröffnen. Genau das hätte eine Comicadaption jedoch auch zu leisten vermocht, nur eben mit comicspezifischen Mitteln und genau die kommen bei Eickmeyer nicht zum Einsatz. Ein Comic benötigt keine Redundanzen zwischen Text und Bild. Wenn im Bild zu sehen ist, wie der Protagonist Paul Bäumer von einem Vorgesetzten seinen Urlaubsschein erhält, dann ist es überflüssig über genau diesem Bild zu lesen: »Der Kompagnieführer gibt mir Urlaubsschein und Fahrschein und wünscht mir eine gute Reise.« Nur wenn Text und Bilder sich ergänzen und die Brüche, die beim Aufeinandertreffen von sequentiell rezipierter Schrift und simultan wahrgenommenen Bildern entstehen, für die Narration fruchtbar gemacht werden, hat man einen gelungenen Comic vor sich. Eickmeyer ist vielleicht zu sehr Maler von Einzelbildern, als dass er sich auf dieses Zusamenspiel von Text und Bild einlassen könnte.

Dass seine Adaption trotzdem als Graphic Novel vermarktet wird, ist ärgerlich, nicht zuletzt weil dadurch merkwürdige Vorstellungen davon zementiert werden, was Literaturadaptionen in Comicform leisten können und sollten. Wenn Eickmeyers Frau Gaby von Borstel, die für die textliche Bearbeitung der Romanvorlage verantwortlich ist, erklärt, man wolle mit einer gekürzten und durch Bilder angereicherten Version des Originaltextes Leute erreichen, die sonst eher keinen Zugang zu Literatur fänden, dann bestätigt sie damit leider die oft vorgenommene Reduzierung von Comicadaptionen auf ein buntes Lockmittel, das im besten Fall Lust auf das ›richtige‹ Buch machen soll. Das ist bedauerlich. Zum Glück aber hat nicht nur Nicolas Mahler mit seinen kongenialen Umsetzungen von Musil bewiesen, dass Comicadaptionen weit mehr können.

 

Peter Eickmeyer: Im Westen nichts Neues. Bielefeld: Splitter Verlag. 2014. 176 Seiten. ISBN 978-3-86869-679-0. 22,80 Euro.


 

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