Kein Land in Sicht

Jean Améry, Die SchiffbrüchigenUm es gleich vorwegzunehmen: Jean Améry alias Hans Mayer war ein brillanter Essayist mit messerscharfem Verstand. Seine fünf Essays »An den Grenzen des Geistes«, »Die Tortur«, »Wieviel Heimat braucht der Mensch«, »Ressentiments« und »Über Zwang und Unmöglichkeit Jude zu sein«, zusammengefasst in dem Buch »Jenseits von Schuld und Sühne« von 1966, zählen neben den Werken von Primo Levi zum besten, was bis heute über den Themenkomplex Auschwitz geschrieben wurde, aber ein ebenso brillanter Erzähler war Améry leider nicht.

Natürlich muss man berücksichtigen, dass der in Wien geborene Autor, der 1978 durch eigene Hand starb, zum Zeitpunkt der Niederschrift des Romans »Die Schiffbrüchigen« im Jahr 1935 gerade mal Dreiundzwanzig war, aber auch seine späteren erzählerischen Werke reichen nicht an das Niveau seiner Essays heran. Und so wird der seit 2000 wieder regelmäßig verliehene Jean-Améry-Preis zu Recht für ein herausragendes Essay und nicht für ein narratives Werk vergeben. Zuletzt erhielt ihn übrigens der slowenische Autor Drago Jančar. Aber das nur am Rande.

Dass dieses Buch, seinerzeit nur in Auszügen veröffentlicht, heute überhaupt existiert, ist der Tatsache zu verdanken, dass es die Jahre der Verfolgung, Emigration und KZ-Haft Amérys unbeschadet in einer Wiener Manuskriptvermittlung überstanden hat. Wie der Autor nach dem Krieg, während dessen er im Widerstand aktiv und die letzten zwei Jahre in verschiedenen Konzentrationslagern, darunter auch in Auschwitz, inhaftiert war, wieder an diese Manuskripte gelangte, ist nicht bekannt, aber er erhoffte sich von der Veröffentlichung seines ersten Romans nicht weniger als die Grundsteinlegung seiner Karriere als Schriftsteller.

Im Zuge des Erscheinens der neunbändigen Jean-Améry-Gesamtausgabe hat der Klett-Cotta Verlag Amérys Jugendwerk noch einmal einzeln herausgegeben, und darüber dürfen wir uns freuen, denn trotz aller ästhetischen Mängel – hier ist vor allem die pathetische und stellenweise altkluge Sprache gemeint - ist es ein lesenswertes und lehrreiches Buch, das die Situation Österreichs am Vorabend der großen europäischen Katastrophe zeigt. Im Zentrum des Romans stehen die beiden Freunde Eugen Althager (wohl das alter ego Amérys) und Heinrich Hessl. Während Eugen sich treu bleibt, sich quer zur Zeit stellt und folgerichtig untergeht, macht sein Freund Heinrich, der so wie Eugen Jude ist, die nötigen Kompromisse – Konvertierung zum Katholizismus, Studium der Theologie – um sich trotz aller Zweifel im aufkommenden neuen System einzurichten.

Anfangs noch stark von Nietzsche, Schopenhauer und den Romantikern beeinflusst, entwickelt sich Eugen im Angesicht der historischen Entwicklung immer mehr zum aufgeklärten Positivisten. So lässt der Autor seinen Protagonisten sagen: »Schmerzlich und erkältend war die Erkenntnis gewesen von der Leichtigkeit und Bereitschaft, mit der die Künder und Wächter irrationalen Gedanken- und Wertegutes sich missbrauchen ließen von den Gewalten des politischen Tages.« Damit beschreibt Améry sehr genau den geistigen Zerfall des Bürgertums, das der nationalsozialistischen Ideologie nicht nur nichts entgegenzusetzen hatte, sondern eines ihrer geistigen Fundamente war. In einer Welt ohne Gott muss man die geistige Reaktion »verstehen, als einen letzten und konzentrierten Aufstand der haltlos gewordenen metaphysischen Ideen, die in den Jahrhunderten des Religionszerfalles immer wieder versucht hatten, das religiöse Lebensgefühl zu ersetzen.«

Eine der großen Stärken Amérys ist zweifellos seine Fähigkeit, persönliches Erleben mit objektiven Einsichten zu verschmelzen und ohne Sentimentalität literarisch umzusetzen. Das ist unter anderem der Grund für die ungeheure Durchschlagskraft, die seine damaligen Essays entfalteten und ihn zu einer der wichtigsten moralischen Instanzen in Österreich, aber auch in Deutschland machten. Zu den stärksten Passagen in diesem Buch zählen die Absätze über den von Eugen erlittenen Hunger und Schmerz. Das Versagen des Geistes in Anbetracht des Schmerzes – ein großes Thema Amérys, das später in seinem berühmten Essay »An den Grenzen des Geistes« nochmals ausführlich zur Sprache kommen wird – ist hier bereits Gegenstand der Reflexion, wenn er Eugen angesichts starker Zahnschmerzen sagen lässt: »Was half es ein fest gefügtes Weltbild zu haben! Es war geradezu lächerlich; die ganze Geistigkeit versagte angesichts dieses Schmerzes.«

Überhaupt sind in diesem Roman alle großen Themen angelegt, die Améry im Laufe seines Lebens schriftstellerisch bearbeiten wird: die Entfremdung vom anderen, der Selbstmord (der später nur noch Freitod heißen wird) sowie der »Zwang und die Unmöglichkeit Jude zu sein«. Und je mehr der Roman seinem Ende entgegen läuft, umso besser wird er. Während Améry anfangs einen antiquierten Stil pflegt und mit bedeutungsschweren, pathetischen Metaphern hantiert (der Einfluss der Romantik nicht nur auf Eugen, sondern auch auf den Autor ist nicht zu überlesen, aber auch die expressionistische Literatur stand hier wohl Pate), findet er im Verlauf des Romans mehr und mehr zu seiner eigenen, eher nüchternen Diktion.

Neben der Ebene der Reflektion auf die politischen Ereignisse in Österreich beinhaltet dieser Roman eine zweite Ebene, die, obwohl privater Natur, auch einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit gibt: die des Protagonisten Eugen und seiner Frauen. Eugens Liebesbeziehungen spiegeln nicht nur sein verzweifeltes Innenleben, sondern zeigen auch, wie weit die politischen Entwicklungen in den privaten Alltag hineinreichen. In Anbetracht der faulen Kompromisse und der moralisch zweifelhaften Aktionen seiner Geliebten muss man nicht selten an Johannas Worte aus Brechts »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« denken, wo es heißt: »Nicht der Armen Schlechtigkeit hast du mir gezeigt, sondern der Armen Armut!«

Am Ende steht der Kampf Eugens mit einem jungen Nationalsozialisten, den er treffend als »vertiertes Büffelgenick« bezeichnet hat und der ihn darauf hin zum Duell herausfordert, wohl exemplarisch für den Kampf der Juden gegen die Nazis. Wenn man weiß, dass Améry von über 25 000 aus Belgien deportierten Juden unter den 615 Überlebenden war und anschließend erfolgreich seine Stimme gegen die Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs erhoben hat, dann lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass zumindest der Autor diesen Kampf gewonnen hat.

 

Jean Améry: Die Schiffbrüchigen. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2007. 329 Seiten. ISBN 978-3-608-93663-6. 22,– Euro.

 

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