Kulturkampf

Der bücherBrief – Diesmal: Über den wachsenden Einfluss der Fundamentalisten auf die Gesellschaft und den Buchmarkt

Die Jahreszeiten-Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner gehören zu den erfolgreichsten Kinderbüchern seit langem – in Deutschland und auf der ganzen Welt.

»Schwanz ab« für den amerikanischen Markt? (Detail aus dem Winter-Wimmelbuch von Rotraut Susanne Berner)
»Schwanz ab« für den amerikanischen Markt? (Detail aus dem Winter-Wimmelbuch von Rotraut Susanne Berner)

Nur in Nordamerika nicht. Der interessierte Verlag verlangte von der Autorin, dieser männlichen Figur – einer Statuette in einem Museum, im Buch gerade mal 7 mm hoch – das Schwänzchen zu entfernen und ein Gemälde, das eine nackte Frau zeigt, so zu verändern, dass diese angezogen ist.

In einem Land, das Krieg führt, hat man Angst vor Kinderbüchern und vor nackten Menschen! Das ist eigentlich eine gute Nachricht, oder? Und noch eine: Rotraut Susanne Berner hat Nein gesagt. Dem liberalen Verleger des amerikanischen Verlages war das alles natürlich gnadenlos peinlich. Sein Motiv war Opportunismus: Es ließen sich mehr Wimmelbücher verkaufen, wenn nichts Nacktes drin wäre. Wegen der Fundamentalisten – der christlichen und denen der Political Correctness –, die sonst gegen das Buch aktiv werden würden. Andere deutsche Kinderbuchautoren kamen dem amerikanischen Verlangen nach Bekleidung nach: Ali Mitgutsch malte den kleinen, badenden Mädchen Bikini-Oberteile in seine Wimmelbücher, und Axel Scheffler machte aus der deutschen Ziege (mit Euter) eine amerikanische (ohne Euter). Ein regelrechter Kulturkampf findet in der amerikanischen Provinz statt. Gruppen, die sich z.B. »Betende Lehrer« oder »Komitee zur Überwachung der kulturellen Integrität afroamerikanischer Bürger« nennen, durchforsten Bibliotheken von Schulen und Gemeinden und stellen Anträge, Bücher zu verbannen. Mit Erfolg: Seit 1990 sind 8.700 Titel aus lokalen Bibliotheken verbannt worden, darunter Klassiker wie »Huckleberry Finn«, weil darin das Wort »Nigger« für Afroamerikaner benutzt wird. Ein 16-jähriges schwarzes Mädchen stellte den Antrag. Dieses Buch von Mark Twain aus dem Jahr 1884 ist eines der ersten in der amerikanischen Literatur, in dem ein Sklave sein Leben selbst in die Hand nimmt. Eines der meistverbannten Bücher ist »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury, das eine Gesellschaft beschreibt, in der der Besitz von Büchern verboten ist. »Harry Potter« trifft der Bannstrahl sowieso: Hexen und Zauberer werden positiv dargestellt und die Kinder befolgen die Anweisungen der Erwachsenen nicht. Selbst eine Biographie des Wirtschaftswissenschaftlers Keynes wurde aus einer Bibliothek verbannt, weil Schüler, die mit diesem Buch gesehen würden, Hänseleien ausgesetzt sein könnten – wegen der Schwere des Textes. Immerhin ist in den USA noch nicht auf Autoren geschossen worden – anders als auf Ärzte, die Abtreibungen vorgenommen haben. Trotzdem möchte man fragen: Worin genau besteht eigentlich der Unterschied zwischen christlichem und dem in letzter Zeit so viel diskutierten islamischen Fundamentalismus? Und in Deutschland ist das alles anders? Die meisten Gründungen privater Schulen gehen auf das Konto christlicher Freikirchen – Fundamentalisten eben. Und der Kreationismus ist auf dem Vormarsch – nicht nur in privaten, sondern auch in öffentlichen Schulen und teilweise sogar schon den Universitäten. Die Zahl derjenigen, die die Evolutionstheorie in Bausch und Bogen verdammen, steigt. So glaubt, neueren Umfragen zufolge, jeder zweite Bundesbürger daran, dass die Erde und das Leben auf ihr durch eine höhere Macht als die Natur erschaffen wurde.

 

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Holger Schwab ist seit 1979 Buchhändler mit eigenem Geschäft in Bonn. Eine Auswahl der Buchempfehlungen und Gedanken zum Literaturbetrieb, die er als »bücherBriefe« an die Kunden des buchLadens 46 verschickt, veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen hier in unserem Online-Magazin.

 

Wie das Börsenblatt heute

Wie das Börsenblatt heute meldet, werden die Wimmelbücher von Frau Berner nun doch in den USA erscheinen – und zwar ohne Retusche.

Auf der Website des Gerstenberg-Verlags heißt es dazu, der neue amerikanische Verlag, Chronicle Books, gebe sich »entspannt: ›Die Kinder werden unsere Omnibus-Edition lieben. Und Eltern mit einer Neigung zum Hyperventilieren können tief durchatmen und werden darüber hinwegkommen.‹«

Chronicle hatte den ›Skandal‹ um die Wimmelbücher bereits im vergangenen November in seinem Verlagsblog thematisiert und festgestellt:

Children do not care about this kind of nudity. So guess what? These books have found a home here at Chronicle, and thhpppt to the people so terrified of overprotective parents that they won’t make a good book available to the public.
You’ll see an omnibus edition of the four books by Rotraut Suzanne Berner (Winter, Spring, Summer, and Fall) on our list in Fall 2008, and kids are going to love it.

Na bitte! ;-)

[...] Geschlechtsorgane sind

[...] Geschlechtsorgane sind eine Zumutung Holger Schwab weist in der Kritischen Ausgabe auf das Phänomen hin, daß in den USA vor allem christliche Gruppen massiv auf Lehrpläne und Inhalte von Kinderbüchern Einfluß nehmen - bzw. die Verlage in vorauseilendem Gehorsam (man kann es auch Selbstzensur nennen) ihre Bücher schon entsprechend gestalten. [...]

Das "Land of Freedom" macht

Das "Land of Freedom" macht mal wieder sprachlos - ein lesenswerter Artikel!
Dass allerdings christliche Freikirchen alle fundamentalistisch seien, halte ich auch nicht gerade für sehr differenziert dargestellt...
Beste Grüße

 

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