Kurze Einblicke in fremde Leben

Die Braut aus OdessaWenn die Enkelgeneration heute etwas über den Zweiten Weltkrieg und das Schicksal der Großeltern erfahren will, ist sie auf deren Erzählungen angewiesen. Oft laufen die Nachforschungen ins Leere, vielleicht weil die Großeltern schon verstorben sind oder weil sie sich nicht erinnern wollen oder können.

Der junge Amerikaner aus der Erzählung Migrantenhotel in Edgardo Cozarinskys Erzählband Die Braut aus Odessa hat einen gewaltigen Vorsprung: Sein Großvater hinterließ eine Kiste mit Briefen und Aufzeichnungen. Jetzt ist der Enkel in Lissabon, von wo aus seine Großeltern 1940 nach New York flohen. Er will herausfinden, was aus dem Freund der beiden geworden ist, mit dem sie vor der Flucht unzertrennlich waren. Es gibt in der Kiste einen Brief der amerikanischen Großmutter, in dem sie schreibt:

Ich werde nie die Nacht in Valencia vergessen, den Stromausfall, den Luftalarm, die halbe Flasche Schnaps, die wir in dem Schrank des verlassenen Sozialistischen Komitees gefunden haben und mein Versprechen, euch nie auseinander zu bringen. Wir würden immer zu dritt sein, nie zwei plus einer.

Dennoch hat nur einer der beiden Deutschen mit ihr, nachdem er sie geheiratet hat, auswandern können, laut Pass war dies der jüdische Theo Felder. Zwei spätere Briefe des zurückgebliebenen Franz Mühle geben dem Enkel Rätsel auf. Die Rede ist von einem Pakt, geschlossen in Hotelzimmer 215, von „unserem Kind“ und von einem fremden, angenommenen Namen. Hat sich der Großvater die Überfahrt für ein Kuckuckskind ertauscht? Haben die Freunde ihre Pässe getauscht? Mit diesen Fragen wird der Enkel in der Gegenwart zurückgelassen, auch die Recherche in Lissabon bringt ihn nicht weiter.

Migrantenhotel ist die längste der sieben Kurzgeschichten von Edgardo Cozarinsky, die in dem Erzählband gesammelt sind. Cozarinsky, selbst Sohn russischer Emigranten, wurde 1939 in Buenos Aires geboren, floh 1974 nach dem Sturz Perons von dort nach Paris. Seine Geschichten beschreiben normale Menschen, es sind kurze Einblicke in fremde Leben. Innerhalb weniger Sätze baut sich im Kopf des Lesers eine unbekannte, aufregende Welt auf. Man wird mitgerissen, ist auf einmal mittendrin in einem fremden Schicksal. So schnell wie der Leser in die Geschichten hereinrutscht, so schnell wird er auch wieder herausgerissen, wie nach einer Achterbahnfahrt schwirrt ihm nach der Lektüre der Kopf. Der Leser wird, wie die Enkelgeneration, mit offenen Fragen zurückgelassen, mit einer Vergangenheit, die nicht eindeutig nachzuvollziehen ist.

Die Sammlung besteht nicht nur aus Exilgeschichten, sondern ist bunt gemischt. So findet man sich in einer der drei Geschichten unter dem Oberthema Obskure Lieben im Schlafzimmer eines Goldhochzeitspaares wieder, das gerade von seiner Feier nach Hause kommt. Der Mann stirbt, während sich die Frau im Bad fertig macht. Statt die Sippschaft zu informieren, beschließt die Frau, in Ruhe Abschied zu nehmen und kuschelt sich eine letzte gemeinsame Nacht an ihren Mann. In dieser wie in allen Geschichten verzichtet Cozarinsky auf imposante Wörtern und große Gesten. Er erzählt einfühlsam, in leisen Tönen von kleinen und großen Begebenheiten. Dabei beschränkt er sich nicht auf ein bestimmtes Jahrzehnt, sondern lässt jede Geschichte zu einer anderen Zeit spielen.

In allen Geschichten spielt der Zufall eine Rolle. So auch in der titelgebenden Geschichte Die Braut aus Odessa. Ein junger jüdischer Mann hat zwei Fahrkarten, um nach Argentinien auszuwandern, allerdings will seine frisch Angetraute nicht mit ihm fahren. Stattdessen nimmt er eine junge Christin, die er im Hafen von Odessa kennenlernt, mit in sein neues Leben. Von da an lebt die Frau, deren richtigen Namen bald niemand mehr kennt, unter dem Namen der Ehefrau, die beiden haben zusammen zehn Kinder. Das lange gehütete Geheimnis erfährt der Urenkel von seiner sterbenden Tante. Es hat eine besondere Brisanz für die jüdische Familie, da das Judentum von der Mutter vererbt wird - die aber in diesem Fall in Wirklichkeit eine Christin war.

Eines haben alle sieben Geschichten gemeinsam: die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Ob nun der Enkel, der versucht das Schicksal seiner Großeltern nachzuvollziehen, der verlassene Liebhaber, der sich noch immer vor dem Fenster der Ex herumdrückt, oder der im Exil lebende Pianist, der das Heimweh nicht aushält und per Schiff wieder nach Europa zurückkehrt. Der Schlussabsatz der Pianistengeschichte (Tage des Jahres 1937) beschreibt die Faszination, die von den Geschichten ausgeht, gerade weil sie unvollständig sind:

Von diesen Überresten, die sich in dem Moment auflösen, in dem sie beim Namen genannt werden, erwartet man vergeblich das Bild eines Individuums, das untergeht. Vielleicht fesselt gerade die Tatsache, dass es Scherben, Überbleibsel sind, die Aufmerksamkeit des unwahrscheinlichen Zuschauers, der sich ihnen zuwendet: Fragmente einer verkrüppelten Erzählung, Einzelteile eines Puzzles, das sich nie mehr vervollständigen lässt.

Edgardo Cozarinsky: Die Braut aus Odessa. Aus dem argentinischen Spanisch von Sabine Giersberg. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 2005. 160 Seiten. ISBN 3-8031-3197-9. 17,50 Euro. (bei amazon.de bestellen)

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!