La littérature francaise en route en Allemagne


Haben Sie Sitzfleisch? Sind Sie ein Wortklauber? Beherrschen Sie eine Fremdsprache? Kennen Sie das Land, in dem diese Sprache gesprochen wird, wie Ihr eigenes?
Wenn Sie all diese Fragen mit "Ja" beantwortet haben, [...] dann sind Sie im Übersetzer-Zentrum auf der Frankfurter Buchmesse bestens aufgehoben [...]

Samstag, 22.10.2005, kurz vor zehn Uhr morgens im Übersetzerzentrum der diesjährigen Frankfurter Buchmesse:

Um zehn Uhr soll die bilinguale Lesung der französischen Autoren Joël Egloff und Leslie Kaplan beginnen, doch in den Zuschauerreihen herrscht gähnende Leere. Überhaupt scheinen das Übersetzerzentrum und die Internationale Halle nicht annähernd so rege besucht zu werden wie die Hallen, in denen die großen Verlage ihr Herbstprogramm vorstellen. Gerade als die Autoren verlegen lächelnd das kleine Podium betreten und ich mich damit abzufinden beginne, nur eine von ganz wenigen Besucherinnen zu sein, die sich für zeitgenössische französische Literatur und ihren schwierigen Weg in deutsche Verlage und Buchhandlungen interessieren, da plötzlich füllen sich die Reihen. Aufatmen. Nicht nur bei mir.

Nach einer kurzen zweisprachigen Begrüßung und der Vorstellung der Beteiligten geht es dann auch los. Zuerst liest Leslie Kaplan, die seit den 80er Jahren Romane und Essays veröffentlicht, aus ihrem neuesten Roman Fever. Um diesen Text für das Publikum verständlicher und greifbarer zu machen, wird er zusätzlich noch auf eine Leinwand projiziert, sodass man ganz gemütlich mitlesen kann. Der vorgetragene Auszug handelt von zwei Jugendlichen, die eine Bankangestellte getötet haben. Der eine, Pierre, hat Angst, sie werde ihn in seine Träumen verfolgen, um ihn seine Tat nicht vergessen zu lassen. Der andere, Damien, obwohl nach außen hin ruhig und gelassen, wird bereits von Alpträumen geplagt, in denen er, verfolgt von einem schrecklichen Lachen, versucht eine Tür zu öffnen, es aber nicht schafft. Das Gespräch zwischen den beiden findet bedeutsamerweise auf einem Friedhof statt, was die Allgegenwart des Todes und der Schuld noch deutlicher zum Ausdruck bringt. Das Buch handelt jedoch nicht nur von Tod und Schuld im Allgemeinen, sondern auch vom Holocaust. Denn die Großeltern der beiden Freunde haben sich unter dem Nazi-Regime mitschuldig gemacht und müssen mit dieser Bürde leben.

Kaplans Sätze sind kurz und prägnant, ihre Sprache ist klar, direkt und bisweilen, den Jargon ihrer Protagonisten authentisch abbildend, etwas vulgär. So bezeichnen Pierre und Damien ihr Opfer z.B. als „putain“ („Nutte“). Häufige Wechsel zwischen Präsens und Imperfekt unterstreichen die Zeitlosigkeit des Themas Schuld.

Im Anschluss daran liest die junge Übersetzerin Sonja Finck denselben Abschnitt in ihrer deutschen Übertragung. Sie wirkt zunächst nervös und etwas schüchtern, gewinnt mit der Zeit jedoch an Sicherheit. Es wird deutlich, dass ihre Übersetzung eher freier Natur ist. Wenige Sätze sind wörtlich übersetzt, der Ton ist ein jugendlich vertrauter, getreu dem Original. Erscheinen wird Fever voraussichtlich im Frühjahr kommenden Jahres im Berlin Verlag.

Als nächstes stellt die Übersetzerin Florence Woller-Batonnier den Roman Tagelang von Christian Bernhardt vor, den sie ins Französische übertragen hat. Der Ausschnitt, den sie schüchtern und mit sanfter Stimme, aber souverän zu Gehör bringt, handelt von den Gefühlen und dem Zustand der Protagonistin nach einem schweren Verkehrsunfall.

Plötzlich verabschiedet sich das Mikrofon mit einem laten Krachen. Schnell reichen ihr die Organisatoren das Mikro der Frau Kaplan, doch kaum zu glauben, schon nach wenigen Sätzen droht auch das neue Gerät den Geist aufzugeben. Verlegenheit auf Seiten der Veranstalter, amüsiertes Lachen hingegen aus den Reihen der Zuhörer. Kann ja nicht immer alles klappen wie am Schnürchen. Wäre ja auch langweilig, wenn. Schließlich kommt auch das letzte der drei auf dem Tisch befindlichen Mikros zum Einsatz, das des Herrn Egloff. Ob auch dieses gegen Frau Woller-Batonnier aufbegehren wird? Nein, Glück gehabt! Die Lesung kann weitergehen.

Die Frau, von der die Geschichte handelt, befindet sich, wie es scheint, in ihrem Wohnzimmer. Sehr atmosphärisch werden Geräusche und Eindrücke beschrieben, zum Beispiel der Lärm des nachbarlichen Rasenmähers, der die Protagonistin an frisches, duftendes Gras denken lässt, ja das sie sich sogar ganz genau vorzustellen vermag. Ebenso vernimmt sie den Lärm von der Straße, aber auch den Lärm in dem Reihenhaus selber. Sie ist, gefesselt an ihre Umgebung, offen und empfänglicher für äußere Eindrücke, die jedoch nicht alle positiv bewertet werden. Des weiteren stellt sie sich den Unfall, den sie erlitten hat, in all seinen Details vor: Wie die Glassplitter der Autofenster für Millisekunden über der Unfallstelle schweben, wie sich das Licht in diesen Miniaturkristallen spiegelt - alles ganz langsam. Ihre Wahrnehmung, so vermutet man, hat sich durch dieses einschneidende Erlebnis verändert.

Tagelang von Christian Bernhard ist 2004 bei Liebeskind erschienen und wird voraussichtlich ab Frühjahr 2006 auch in Frankreich erhältlich sein.

Nun ist der französische Autor Joël Egloff an der Reihe. Er stellt seinen jüngsten Roman L’Étourdissement vor, der im Januar 2005 in Frankreich erschienen ist. Es ist überaus angenehm ihm zuzuhören, denn er liest mit sonorer und einladender Stimme, wenn auch sehr schnell.

Der Roman handelt von einem Mann, der mit seiner Großmutter zusammenwohnt und dessen Leben sich eher trostlos gestaltet. Er arbeitet in einem Schlachthof. Um über die Runden zu kommen, lässt er zusammen mit seinem Freund Bortch täglich Innereien und sonstige Fleischabfälle mitgehen, über die seine Großmutter sich zu allem Überfluss auch noch regelmäßig beschwert. Auf dem Heimweg wird er seiner Arbeit wegen verschmäht, sogar mit Steinen beworfen, und muss aufpassen, dass die Nachbarhunde ihn nicht zerfleischen, wenn er die Leckereien, in den Hosenbeinen versteckt, nach Hause schmuggelt. Dort, das in der Nähe einer stinkenden Müllkippe und nicht weit entfernt vom Flughafen, kommt der Protagonist aufgrund des Motorenlärms kaum zum Schlafen, und das, obwohl es in seinem Viertel ohnehin nie richtig hell wird. So schreibt Egloff, dass es am Morgen nur eine Nuance heller ist als in der Nacht, sodass sich beide Tageszeiten kaum voneinander unterscheiden lassen. Ferner leben der Fleischer und seine Großmutter in der ständigen Angst, die Flugzeuge könnten etwas über ihrem Haus verlieren - nicht ganz zu Unrecht, denn in die Schlafzimmerdecke hat schon mal eine Ladeklappe eingeschlagen. Seitdem schlafen die beiden mit Schutzhelmen. So trostlos und leer erscheint dem Erzähler sein jämmerliches Leben, dass er selbst die schönen Tage mit einer Polarnacht bei Dreckswetter vergleicht.

L’Étourdissement, dessen deutscher Titel noch nicht feststeht, wird voraussichtlich im kommenden Frühjahr bei Goldmann erscheinen. Die relativ freie deutsche Übersetzung, die von der Übersetzerin Katrin Müller vorgestellt wird, verdeutlicht den bitteren und sarkastischen Tonfall, in dem Egloff über das traurige Dasein seines Protagonisten erzählt. Arbeit, Heimweg, Haus – alles ist scheiße. Der Erzähler nimmt, was das angeht, kein Blatt vor den Mund, der Stil des Autors ist umgangssprachlich, Arbeiterjargon - insgesamt ein bissiges und satirisches Milieu- und Menschenporträt, eine Tragikomödie, die zu lesen sicherlich lohnen dürfte.

Nach gehörigem Applaus, hat das Publikum noch die Möglichkeit, Fragen an die Autoren und Übersetzer zu stellen. Damit endet diese gelungene Veranstaltung.

Organisiert wurde sie übrigens vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW), dem Bureau International de L’Edition Francaise (BIEF), dem Übersetzerzentrum in Arles (CITL) und dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB), die gemeinsam ein Austauschprogramm ins Leben gerufen haben, das vor allem jungen Übersetzern den Einstieg ins Berufleben erleichtern soll. Denn gerade in der Übersetzungsbranche ist dieser häufig durch einen extremen Konkurrenzkampf geprägt. Des weiteren haben es sich diese Organisationen zum Ziel gemacht, durch ihr Projekt die zeitgenössische französische Literatur in Deutschland populärer zu machen und, was noch viel nötiger ist, die französische Leserschaft für die gegenwärtige deutsche Literatur zu gewinnen. Denn deutsche Literatur ist in Frankreich Mangelware, auch aus dem einfachen Grund, weil sie eben selten übersetzt und verlegt wird.

Wie sich in den letzten Jahren gezeigt hat, trägt das Austauschprogramm bereits Früchte. Einige der geförderten Jungübersetzer wurden etwa von renommierten Buchverlagen angeworben. Bleibt nur zu hoffen, dass dieses mutige Projekt auch weiterhin Erfolge feiern kann!

[editiert von Redaktion am 08.11.05]

Guten Tag, in Ihrem Artikel

Guten Tag,

in Ihrem Artikel ist ein sinnentstellender Fehler, soweit er das Buch von Leslie Kaplan, Fever, betrifft. Die junge Frau, welche die beiden Jungen töten, ist eine Bankangestellte, keine Prostituierte (das kommt bei Ihnen an 2 Stellen vor). Erst in der Diskussion, welche die beiden darüber führen, wird daraus eine Nutte - zur Schuldabwehr, als hätten Nutten kein Lebensrecht. Da das Opfer zufällig sein soll (und auch ist), und das ist der Kern der Philosophie in Fever, sonst versteht man den ganzen Roman nicht, ist das wichtig.

Der Roman wird ausführlich vorgestellt auf den Seiten der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien AJUM der GEW, Sparte "Schreibstube", www.ajum.de.

Übrigens fände ich es gut, wenn Sie diesen wichtigen Roman auf Ihren Seiten einmal länger darstellen könnten.

Mit frdl. Gruß, Reinhard Finck, Lehrer, Moers

[Anm. d. Red.:] Lieber Herr Finck, herzlichen Dank für Ihren Hinweis! Schon korrigiert!

 

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